Zur Debatte um den Tugendterror: Reflexive Rechte und logische Rechtfertigung

In der gegenwärtigen öffentlichen Diskussion macht sich ein Unbehagen breit, das reflexive Rechte und Pflichten wie ‚Toleranz‘ und ‚Meinungsfreiheit‘ betrifft: Hunderttausende Menschen fühlen sich durch die ‚Medienpräsenz‘ einer ‚Schwulen- und Lesbenlobby‘ belästigt – die öffentliche Verachtung für die kleine Opposition im Bundestag wird salonfähig und von namhaften Journalisten gestützt – die Klage über den ‚Tugendterror‘, über das angebliche Diktat der ‚political correctness‘, über ‚totalitäre Toleranz‘ und ‚einschränkte Meinungsfreiheit‘ schwillt durch alle Print- und Onlinemedien an. – Diese Debatte bewegt sich, aus philosophischer Sicht, zu großen Teilen in argumentationslogischen Missverständnissen auf beiden Seiten. Der folgende Beitrag soll daher erläutern, warum Meinungsfreiheit nicht bedeutet, dass man für alles Geltung beanspruchen kann, inwiefern Toleranz für alle gelten muss, damit sie Sinn macht und inwiefern aber auch Kritiker durchaus eine Meinung haben können. Auseinandergehalten werden muss hier: eine Meinung – der Geltungsanspruch einer Meinung – die Diskussion, was ohne Selbstwiderspruch in Frage gestellt werden kann und was nicht. Er gehört in eine Reihe von Erläuterungen grundlegender philosophischer Begriffe, nicht hinsichtlich einer Legitimation durch diesen oder jenen Philosophen, sondern hinsichtlich der grundlegenden reflexiven Struktur, die unseren Gebrauch dieser Begriffe heute prägt und Zusammenleben und Miteinanderdiskutieren erst ermöglicht.

I. Meinungsfreiheit, Selbstwiderspruch und Dogmatismus

Das Recht auf Meinungsfreiheit ist ein reflexives Recht. Es ist das Recht darauf, sich frei eine Meinung bilden und diese Meinung in der Öffentlichkeit vertreten zu können. – Meinungsfreiheit hat dementsprechend für alle anderen sichtbar schon in Anspruch genommen, wer eine Meinung öffentlich äußert. Und natürlich derjenige, der in der Bildung seiner Meinung nicht durch Zensur, staatlichen Terror oder Überwachung durch Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen eingeschränkt wird. – Wer Meinungsfreiheit in Anspruch nimmt, der hat – in dieser Inanspruchnahme – bereits dem Recht des jeweils Anderen auf Meinungsfreiheit zugestimmt. Denn Meinungsfreiheit ist nur dann eine, wenn sie für alle gilt: Sie ist ein reflexives Recht, ein Recht, was durch Inanspruchnahme darin bestätigt wird, ein Recht für alle zu sein. Analoges gilt für: Freiheit (die jeder in Anspruch genommen hat, sobald er etwas bestimmtes sagt und nicht dazu gezwungen wurde – auch dann, wenn er behauptet, dass Freiheit eine Illusion sei), Toleranz (die jeder in Anspruch nimmt, der sich irgendwie verhält und erwartet, dass dieses Verhalten per se nicht sanktioniert wird) und Menschenrechte (die für Menschen gelten, weil sie… nun: Menschen sind. Sie gelten von Geburt an und sind unveräußerlich, wenngleich in einem sehr begrenzten Maße und nur unter hohem formalem Aufwand einschränkbar).
Diese Rechte sind reflexive Rechte. Sie gelten für denjenigen, der spricht (dann dürfen alle sprechen), der eine bestimmte Position vertritt (dann dürfen alle eine bestimmte Position vertreten), und der Mensch ist. Sie sind reflexiv, weil sie Postulate sind und nur sekundär in der ‚Natur‘ des Menschen verankert (Postulate sind immer, durch das ‚Alle‘, reflexiv – umgekehrt ist aber nicht alles Reflexive ein Postulat). Postulate sind Setzungen, zu denen wir uns in einer Gemeinschaftsordnung entschieden haben. D.h.: Man kann Postulate auch wieder abschaffen. Wir haben kein ‚Programm‘ im Kopf, das uns diese Rechte gebietet. Wir sind aber vernünftige Lebewesen, die begreifen können, dass wir unsere Möglichkeiten FÜR ALLE nur vermehren können – und das ist es, was Menschen im wesentlichen bestimmt: sie entwerfen sich als jemand und sie entwerfen die Welt und die Anderen und sie entwerfen noch dieses Entwerfen und: dieses Entwerfen-Können (Freiheit) – dass wir sie also nur vermehren können, wenn wir jedem dasselbe Recht zugestehen, Möglichkeiten zu schaffen. D.h.: Gewalt, Menschenverachtung, überhaupt jedes Dogma, das einfach hin so gesetzt wird, vernichtet Möglichkeiten.
Die reflexiven Rechte haben zwar den Charakter einer Setzung, eines Postulats, aber sie sind kein Dogma. Ein Dogma legt eine bestimmte Wahrheit als für alle gültig fest. Das ist deswegen Unsinn, weil man ‚Geltung‘ nicht alleine für sich beanspruchen kann. ‚Geltung‘ gibt es nur, wenn andere zustimmen können und zustimmen müssen (z.B. aus logischen Gründen). Ein Geltungsanspruch beansprucht Geltung, fordert also die Anerkennung dieses Anspruchs ein – und, weil ein Geltungsanspruch immer in Form einer Behauptung vorgebracht wird, ermächtigt damit alle anderen, diese Behauptung zu prüfen bzw. Begründungen für diese Behauptung einzufordern. Und erst wenn eine Behauptung und/oder Begründung nicht mehr ohne Selbstwiderspruch verneint werden kann, dann gilt sie für alle. – Eine einfache, bestimmende Geltungssetzung dagegen – sofern sie nicht innerhalb einer formal argumentierenden Disziplin (formale Logik, Mathematik) for the sake of the theory vorgebracht wird – ist, in der Formulierung von reflexiven All-Quantoren (‚Alle‘, ‚Man‘, ‚Keiner‘, ‚Jeder‘, ‚Immer‘, ‚Niemals‘ usw.), ohne hinreichende Begründung, dogmatisch. In der Philosophie heißt das ‚petitio principii‘: Jemand setzt das, was zuallererst zu beweisen ist, als schon bewiesen, als schon in Geltung gesetzt voraus. – Diese Rechte haben also auch den Charakter einer solchen Setzung; aber das Besondere an diesen Rechten ist: Sie ermöglichen nur. Sie legen nichts im Vorhinein inhaltlich fest! Sie legen nur fest, dass jemand etwa – irgendwas, Beliebiges – setzen und als festgelegt behaupten kann. Sie verpflichten nicht auf einen Inhalt. Aber sie verpflichten auf die Anerkennung des gleichen Rechtes auf Inhalt. Sie ermöglichen somit sich selbst UND sie ermöglichen sogar noch den Widerspruch gegen sie. Sie sind reflexiv konsistent mit sich selbst, denn jeder, der sie in Frage stellt, hat sie schon in Anspruch genommen. Dasselbe gilt (wenn man von Aristoteles und nicht von der formalen Logik ausgeht und wenn man ersteren logisch, nicht ontologisch versteht) vom Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch, dem obersten reflexiven Prinzip unseres Denkens. Der auf der einfachen Tatsache beruht, dass wir uns, wenn jemand etwas Bestimmtes gesagt hat, auf eben dieses Bestimmte beziehen können, so wie auch er es muss – und schon getan hat, indem er es gesetzt hat.
Und eben hier haben wir die Grenze von Meinungsfreiheit: Denn der Widerspruch und der Selbstwiderspruch ist wieder nichts anderes als ein Dogma: ‚Ich kann etwas sagen, was kein anderer sagen kann/darf/soll‘, ‚Ich kann A sagen und hinterher behaupten, ich hätte B gesagt und jeder muss das anerkennen‘. Und ein Dogma ist schließlich ein Widerspruch: Es beansprucht, als einzelne Position, immer schon für alle und über alles inhaltlich sprechen zu können. Er beansprucht als relative und immer nur bestimmte Position – im Vorhinein! – eine bezüglich seines Inhalts absolute und bestimmende Position zu sein. Deswegen wird für Dogmen immer ein logischer ‚Ort‘ gewählt, zu dem man sich nur bekennen kann oder dem man diese Qualität zuschreibt. Die bekanntesten ‚Örter‘ sind: ‚Gott‘, ‚die Natur‘, ‚das Sein‘, ‚die Wahrheit‘, ‚die Geschichte‘, ‚das Unbewusste‘, ‚das, was keiner wissen kann‘, ‚das absolut Relative‘. Ich denke, ihr habt das Prinzip verstanden: Man spricht im ‚Namen‘ einer All-heit, die man natürlich selbst schon eingesehen zu haben glaubt – und bemitleidet all diejenigen, die noch nicht zur bestimmten Wahrheit gefunden haben. Deswegen gibt es derer so viele: In ihrer Pluralität führen sich dogmatische Wahrheiten stets selbst ad absurdum, weil sie nur das verwirklichen, was durch die Reflexivität der Rechte ermöglicht wird: eine Pluralität von Meinungen. Dogmatische Wahrheiten fordern Bekenntnis statt Erkenntnis, Bezeugen statt Begründen, Mission statt (Aus)Bildung, Selbstermächtigung statt die Ermächtigung anderer usw. Und deswegen ist Macht schlicht: der Glaube an Macht.

II. Die Grenze der reflexiven Rechte

Die Grenze dieser Rechte – der Menschenrechte, des Rechts auf Toleranz und auf Meinungsfreiheit – liegt, dementsprechend, im performativen und/oder pragmatischen Selbstwiederspruch. – Beispiel Meinungsfreiheit: Wer Meinungsfreiheit – also: die freie, uneingeschränkte und uneinschränkbare Äußerung einer Meinung – in Anspruch nimmt, um das Ende der Meinungsfreiheit zu fordern (oder zu konstatieren), widerspricht sich selbst. Wer Meinungsfreiheit in Anspruch nimmt, um das Fehlen von Meinungsfreiheit zu behaupten, widerspricht sich selbst. Wer Meinungsfreiheit in Anspruch nimmt, um anderen das Recht auf Meinungsfreiheit abzusprechen, widerspricht sich. Ein Widerspruch setzt dann einfach die Geltungsfähigkeit der Behauptung außer Kraft. Denn niemand hat schon von Beginn an Recht (auch nicht der, der Tautologien äußert, denn auch die kann man und muss man – so kurz sie auch sind – nachvollziehen (können). In der Kürze liegt dann oft die Illusion von Evidenz). – Ebenso: Wer das Recht auf Toleranz in Anspruch nimmt, um anderen dieses Recht durch Pathologisierung (‚das ist krank‘, ‚Schwule sind geistesgestört‘), durch Diskriminierung oder rhetorische Formen der Herabwürdigung der Gegenposition (tendenziöse Darstellung, Strohmann-Argumente, Unterstellung von Intentionen, geheimen Absichten usw.) abzusprechen, wer z.B. die öffentliche Toleranz in Anspruch nimmt um anderen gegenüber derselben Inanspruchnahme (heterosexuelle Normalität vs. homosexuelle Propaganda) intolerant zu sein, widerspricht sich selbst – für alle anderen ersichtlich. – Und wer schließlich sein Recht auf Freiheit in Anspruch nimmt, um einem anderen Menschen dieses Recht zu nehmen, widerspricht sich selbst pragmatisch. Und solche pragmatischen Selbstwidersprüche ahnden wir rechtlich, als Verstoß gegen unsere gesellschaftliche Ordnung.
Grundsätzlich gilt – und das kann nicht konsistent bestritten werden – : wer sich in einer Behauptung selbst widerspricht und diese Behauptung ansonsten dann nicht anders als durch eine dogmatische Setzung (Kurzform: ‚isso!‘) rechtfertigen kann, dessen Behauptung kann keinen Anspruch auf Geltung erheben. Und genau das ist dann: ‚Kritik‘. Kritik stellt nicht und niemals das Recht des anderen, eine Meinung zu haben, in Frage. Kritik stellt aber, wenn sie begründet ist (eben z.B. so, wie ich es hier vormache), den Anspruch auf die GELTUNG dieser Meinung für alle anderen in Frage. Einen Dogmatiker wird man nicht von seiner Meinung abbringen, denn er kennt die Wahrheit schon. Aber man kann ihn als solchen kennzeichnen und ansonsten stehenlassen. – Warum ist das so? Das liegt daran, dass wir uns, wenn wir etwas behaupten u.ä., alle desselben Mittels bedienen: des Logos (der Sprache, einer Rede, eines Satzes usw.). Und der ist immer bestimmt. Er ist nie überhaupt. Warum? Weil man das sehen kann: ‚A‘ ist nicht ‚B‘. Und er ist immer von jemandem gesetzt. Warum? Weil ich das auch sehen kann: ich kann aus A eben ‚A‘ machen. Ich kann anzeigen, dass etwas ‚angeführt‘ wurde. Und deswegen spricht eben immer eine bestimmte Position. Niemals eine absolute. Denn: auch ‚absolut‘ ist nur eine Bestimmung.

III. Zusammenfassung

Reflexive Rechte sind Setzungen, ja, und deswegen sind sie auch aufhebbar – zwar nicht konsistent, aber Gewalt schert sich nicht um Konsistenz. Deswegen (!) müssen wir diese Rechte verteidigen! Weil sie – als Setzung – nur solange gelten, solange sie eben als diese Setzung anerkannt werden. Und weil sich ihre Setzung nicht auf einen (auf Gott, auf die Geschichte, auf den Geist) bezieht, sondern auf alle. Und wenn diese alle denken, dass sie nichts mehr gemeinsam haben – dann ist diese humanistische Errungenschaft: weg. Die Folgen kennt jeder, der in Geschichte aufgepasst hat.
Behauptungen dürfen sowohl hinsichtlich dessen, was sie in Anspruch nehmen (Rechte, Positionen, Bestimmungen, Begriffe, Legitimationen…), als auch hinsichtlich dessen, was sie sagen, kritisiert, d.h.: fragend und differenzierend in Augenschein genommen werden, immer aber unter Beachtung der eigenen Tendenz zum Dogmatismus und Selbstwiderspruch! ‚Dürfen‘ heißt: Jeder hat das Recht darauf, jede Behauptung zu hinterfragen (Das heißt nicht: alles ist relativ. Sondern ermöglicht erst Einigung über einen Sachverhalt, die Richtigkeit einer Behauptung o.ä. Und dieses Recht auf probeweises Verneinen ermöglicht erst Argumente, in denen solche Verneinungen selbstwidersprüchlich werden und damit die (strenge, logische) Geltung eines Satzes erweisen). – Begründungen dürfen immer eingefordert werden, außer dort, wo die Forderung einer Begründung auf der Rückseite die Verneinung eines Satzes betrifft, der ohne Selbstwiderspruch nicht verneint werden kann (deswegen ist auch der skeptische Begründungsregress dogmatisch – wie Dogmatismus und radikaler Skeptizismus auf’s Engste zusammenhängen). Kriterien sind: Ablehnung des (Selbst)Widerspruchs und Ablehnung eines Dogmas bzw. einer petitio principii. Das war’s. Keine bestimmte Meinung, keine bestimmte philosophische Position (auch wenn es umgekehrt Philosophen gab und gibt, die diese Position vertreten, so ist diese nicht umgekehrt nur deren Position), keine Heilslehre. Sondern nur: Was uns ermöglicht, unseren Selbst-, Welt- und Fremdbezug miteinander, gegeneinander, füreinander, insgesamt: einander – auszuhandeln. Dissense sind absolut möglich, auch die Freiheit des grundlosen ‚Nein‘, der Rückzug auf die persönliche Wahrheit, das Beharren auf der eigenen Position. Es kann eben keine Geltung für alle anderen beanspruchen, das ist alles. Soviel Hysterie und Bummbumm für ein kleines bisschen Westentaschen-Logik. – D.h.: Für alle Erkenntnisskeptiker und Logiker, für alle Wissenschaftler und alle Intellektuellen da draußen: Ihr arbeitet alle – alle – nach dem Prinzip des auszuschließenden Widerspruchs. Er ist kein ‚fremdes Gesetz‘, sondern nur eine Explikation des reflexiven Satzes der Identität: Beliebiges A, insofern A, notwendig A. – Die Umkehrung: Beliebiges A, insofern A, unmöglich nicht A. Reflexiv ist hier das ‚insofern‘. Denn es ‚zeigt‘ auf das erste A. War doch ganz einfach, oder? 🙂

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13 Kommentare

  1. Meine bisherige Theorie: Kennzeichnendes Merkmal jeglichen Dogmas: Das Wörtchen „wir“. Im Präsens Täuschung, im Futur Blindheit, und im Präteritum Irrtum bezeichnend.

    1. Das wäre aus meiner Sicht zu modifizieren: Ein ‚wir‘ muss nicht zwangsweise schon eine Geltungssetzung behaupten, sondern kann auch in einem Geltungsanspruch enthalten sein, z.B.: wir – Sie, als Leser, und ich, als Autor und Leser dieses Blogs – können uns gemeinsam auf den oben stehenden Text beziehen. Daran ist noch nichts Dogmatisches, denn wenn dort kein Text steht, dann können Sie diese Behauptung verneinen – und zwar mit Recht. – Ein ‚wir‘ kann außerdem im philosophischen Text den Leser dazu einladen, sich mit dem Autor in eine bestimmte Perspektive zu stellen – in Platons Dialogen ist so eine ‚Metalepse‘ immer wieder eingebaut, um den Leser als Dritten einzubinden als Zweiten – als Dialogpartner des Dialogs als Text, den er soeben liest. – Schließlich sind ‚Täuschung‘ und ‚Irrtum‘, wenn sie nicht nur persönliche Einschätzungen sind, eben von genau diesem ‚wir‘ abhängig – eine ‚Täuschung‘ besteht dann, wenn wir beide einsehen können, dass und warum sie besteht, denn wir kennen ihr gegenüber die Wahrheit. – Schließlich verweist noch die Tatsache, dass Sie das äußern können, dass Sie das, wenn Sie es diskutieren wollen, äußern müssen und dass Sie es so äußern müssen, dass ein anderer sich zu Ihrem Argument verhalten kann, darauf, dass Sie ohne ein ‚wir‘ gar nicht auskommen. – Ein ‚wir‘ – und darin gebe ich Ihnen recht – wird dann problematisch, wenn man von vorneherein davon ausgeht, dass man schon an der Stelle aller anderen spricht, dass die eigene Rede von vornherein gilt. Das ist die rhetorische Funktion des ‚wir‘: man suggeriert, dass alle anderen es genauso sehen wie man selbst es sieht: „Wir wissen doch alle, dass der Tugendterror die Meinungsfreiheit beschneidet“ – „Wir haben gesehen, welche hinterlistigen Absichten unser Feind hat“ usw. Ein solches ‚wir‘ nimmt den empirischen Nachweis oder die logische Begründung für eine Behauptung in dieser Behauptung vorweg: „Ein Dogma legt eine bestimmte Wahrheit als für alle gültig fest.“ – Aber jede Überzeugung kann nur dann ‚wahr‘ sein und nur dadurch ‚gelten‘, dass andere in diese ‚Wahrheit‘ einstimmen können (und nur dann ‚müssen‘, wenn sie sich ansonsten selbst widersprächen). ‚Geltung‘ oder ‚Wahrheit‘ kann nicht im Vorhinein beansprucht werden – auch nicht bei sogenannten ‚evidenten‘ Wahrheiten, die ‚unmittelbar‘ wahr erscheinen, die aber trotzdem immer eine bestimmte Struktur besitzen – die dann eben jeder nachvollziehen (können) muss.

  2. Ich habe gerade diesen Beitrag hier über Google gefunden. Ich würde mich gern mal in die kleine Debatte einklinken. Auch wenn dieser Blog ansonsten leider noch recht einsam scheint 🙂

    Ich muß gegen Sie (man scheint sich hier zu siezen, oder?) leider Herrn oder Frau Be zur Seite springen. In dem „Wir“ scheint eine Art von Dogma – wenn man das so nennen will – zu stecken. Nehmen Sie mal Ihren Satz:

    [quote]Aber sie verpflichten auf die Anerkennung des gleichen Rechtes auf Inhalt.[/quote]

    Das Wir nimmt eben diese Rechte vorweg. So nach dem Motto: Wir erkennen uns alle an und haben dann die Rechte. Ist das kein Dogma? Das Recht wird als schon gegeben vorausgesetzt und dem anderen untergeschoben.

    Nun würden Sie, wenn ich Ihre Position richtig verstehe, wahrscheinlich sowas sagen: Das kommt daher, weil man das durch den Satz vom Widerspruch zeigen kann. Aber jetzt schauen Sie sich mal an, wie Sie diese Sache erklären:

    [quote] dass wir uns, wenn jemand etwas Bestimmtes gesagt hat, auf eben dieses Bestimmte beziehen können, so wie auch er es muss – und schon getan hat, indem er es gesetzt hat.[/quote]

    Ich muß gestehen, daß mir das nicht ganz klar ist. Das ist aber gerade der Clou ihrer ganzen Argumentation, oder? Aber da ist das Wir ja wieder. Hier sind „wir“ – wie Sie sagen – dann auch wieder in Be’s Präteritum. Denn das Wir wird ja in meine Vergangenheit eingeschmuggelt! Sie sagen zwar, man könne Geltung und Wahrheit nicht von vornherein beanspruchen, machen das aber irgendwie selber genau hier.

    Ich sehe das hier so: Die Rechte „müssen“ nur gegeben werden, weil die Sacvhe mit dem Widerspruch bei Ihnen genau so gebaut ist, daß das alles aufgeht; wenn man das nicht so macht, funktioniert das alles nicht. Das Wir wiederholen Sie dann a einfach, so als wäre quasi von Anfang an einfach da. Das muß aber niemand mitmachen. Und ich glaube da hat Be einfach Recht gehabt: Das Dogma steckt dann an diesem Punkt, weil so wie Sie das darstellen, einfach das Wir im Präteritum untergeschoben wird. Das ist zwwar ein bisschen tiefsinniger – aber trotzdem dogmatisch. Man findets einfach nicht so leicht 🙂

    Aber überhaupt: Was ist überhaupt so schlimmes daran, wenn man sich widersprechen würde? Man würde dann zwar nicht mehr diskutieren, aber hey, es geht ja bei Sarazin auch nicht darum, daß alle alle mögen müssen, oder? 🙂

    Noch eine Sache: Einerseits sagen Sie, wir können uns auf den Text gemeinsam beziehen. Ok, immerhin ist er ja da. Auch auf meinen Text können wir uns beziehen. Dann aber sagen Sie, der Andere muß sich darauf beziehen und hat sich schon bezogen; das klingt sehr seltsam. Es klingt Spanisch in meinen Ohren, und ich kann leider kein Spanisch, ich hatte nur früher mal Französisch, aber lange her 🙂 Aber im Ernst: Von einem können kommt man doch nicht zu müssen, oder? Ich kann doch ganz vieles, was ich nicht muß! Klingt ansonsten ein bisschen wie ein Trick, mit dem man den anderen hereinlegen und mundtot machen will. Was ja genau das Sarazin-Thema betrifft. Da gehts ja um Political Correctness. Ist das, was Sie da machen nicht auch so ein bisschen politcally correct? 🙂

    Naja, ich würde mich auf eine Antwort freuen, woher das wir bei Ihnen kommen. Immerhin ein sehr durchdachter Beitrag in dieser Debatte, die ja schon wieder etwas abgeebbt ist. Mich interessierts, weil ich das Buch gekauft habe. 🙂 Ich bin also quasi einer von denen, die sich rechtfertigen sollten 🙂 Philosoph bin ich zwar nicht, nur so ein bisschen privat interessehalber, aber die Sarazinkiste hat mich ja hierher geführt. Ich finde nämlich, daß Sarazin durchaus an etwas rührt, was nicht ganz falsch ist… und das hängt damit zusammen, daß so ein vorausggesetztes Wir eben, wie Be sagte, doch ein bisschen dogmatisch ist.

    Oder in aller kürze: Sie und ich, wir können uns gemeinsam oder auch jeder einzeln auf den Text oben beziehen. 🙂 Wenn man unterstellt, wir müssten das auf Teufel komm raus gemeinsam machen, dann gibts genau so ein Dogma wie Be meinte.

    Entschuldigung übrigens, falls sie fehler finden, ich schreibe grade vom Laptop aus, von unterwegs 🙂

  3. Vielen Dank für Ihren Kommentar! – Ich bemühe mich mal um eine verständliche Antwort auf Ihre Einwände, die zugleich bestimmte Passagen aus Ihrer Erwiderung an mich aufnimmt und kommentiert, einverstanden?

    „Wir erkennen uns alle an und haben dann die Rechte. Ist das kein Dogma?“ – Nein, das ist ein reflexives Postulat. Ein Dogma wird so gesetzt, dass von einem ‚Prinzipiellen‘ her nur ein bestimmter Inhalt erlaubt ist, während andere Inhalte verboten oder ausgeschlossen werden. Ein reflexives Postulat legt nur fest, dass jeder, der etwas beizutragen hat, eben dadurch, dass er etwas Bestimmtes beiträgt – wie Sie, hier, in Ihrem Kommentar, ja auch nicht schon ‚alles‘, sondern eben etwas Bestimmtes gesagt haben – eben dasjenige Recht, das durch das Postulat gesetzt wird, schon in Anspruch genommen hat. Das ist dann im Gegensatz zu einem Dogma eben nicht dadurch geltungslogisch abgesichert, dass man eine bestimmte notwendige Wahrheit nicht teilt, die jemand als a priori gültig behauptet, sondern dadurch, dass auch eine öffentlich und ungehindert geäußerte Infragestellung dieses Postulats nur dadurch möglich ist, dass das Postulat von allen anderen aufrechterhalten wird. Kurz gesagt: Man nimmt etwas in Anspruch, was für alle anderen gelten muss (gegolten hat), damit man seine Meinung sagen kann und widerspricht zugleich in dieser Inanspruchnahme des Rechts auf freie Meinungsäußerung inhaltlich diesem Recht, wenn man es einschränkt oder verneint. Oder noch anders gesagt: Das Dogma liegt auf der Seite desjenigen, der das reflexive Postulat verneint, denn er nimmt das Recht in Anspruch, a priori das Recht auf eine Meinung zu haben, welches Recht er zugleich, inhaltlich, (ggf. allen) anderen abspricht. Und da performative Widersprüche in dieser Weise dogmatisch sind, müssen sie von niemandem akzeptiert werden. – Das Recht wird gesetzt: soweit liegen Sie richtig. Es wird gesetzt, als Garantie für alle, die sich im Geltungsbereich dieser Setzung befinden – seit 1948 z.B.: im Geltungsbereich der Setzung der Menschenrechte, als Postulat gemeinsam geteilter Werte, oder im Geltungsbereich der Setzung der Würde des Menschen im Grundgesetz – dafür, dass sie sich selbst – und noch ’sich selbst‘ – frei setzen und auslegen können, ungehindert durch andere – und eben nur gehindert durch den Widerspruch, dass sie, wenn sie so setzen, dass andere am Setzen gehindert werden, das Postulat in Anspruch nehmen, indem sie andere daran hindern es in Anspruch zu nehmen. Das Postulat lässt alles andere zu – nur nicht dies. Es lässt Differenz, Pluralität, Widerspruch, Polemik usw. zu – aber eben nicht, dass man den gleichen Ausgangspunkt qua Setzung – Menschenrechte, Grundgesetz – gegen ihn selbst wendet.

    Was das angeblich dogmatische ‚wir‘ angeht, so haben Sie es doch bereits ebenso schon vorausgesetzt, als Sie Ihren Satz begonnen haben mit „Ich muß gegen Sie… zur Seite springen“ i.S.v. ‚Ich muss gegen Ihren Logos einen Widerspruch vorbringen‘. Sie setzen das ‚wir‘ voraus, sogar mehrfach: im Gemeinsamen von ‚Spruch‘ und ‚Widerspruch‘, im Gebrauch einer uns beiden gemeinsamen Sprache, in ihrer thematischen ‚Gegenüberstellung‘ von Ihrer logischen Position und meiner logischen Position usw. – Der Unterschied zwischen eine Dogma und einem reflexiven Argument liegt eben darin: Ein Dogma kann ich ohne Selbstwiderspruch verneinen. Deswegen beharren Dogmatiker ja zumeist auf einer ‚Mission‘ bzw. bei unverbesserlichen Zweiflern eben auf einem ‚falschen Bewusstsein‘: Ein Widerspruch zu einer a priori in Geltung gesetzten Wahrheit kann eben dann nur noch eine Art ‚ontologischer Fehler‘ sein, der ad personam zu suchen ist. Ein reflexives Argument, umgekehrt, benötigt, um zu gelten, gerade den Widerspruch, denn nur die Einsicht, die einer Infragestellung dieses Argumentes folgt, kann überhaupt notwendige Geltung ins Werk setzen: ein reflexives Argument ist dann eines, wenn es ohne Selbstwiderspruch nicht mehr verneint werden kann, weil es die logischen Voraussetzungen jeglicher Aussage betrifft – die eben auch eine Verneinung sein kann. Das ist keine metaphysische Zauberei, sondern gehört zum philosophischen Grundbestand seit Platon und Aristoteles und wurde, durch Kant, in der Neuzeit in verschiedenen ‚erkenntnistheoretischen‘ Texten als ‚transzendentales Argument‘ bekannt.

    ‚Durch‘ den Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch ‚zeigt‘ sich nichts. Er ist nur Ausdruck eben dieser reflexiven Regel: dass dasselbe von demselben in ein und derselben Hinsicht nicht zugleich zu- und abgesprochen werden kann. Vulgo: Sie wollten mir widersprechen und haben mir nicht zugleich zugestimmt. Oder? Darin liegt der recht einfache Sinn von „dass wir uns, wenn jemand etwas Bestimmtes gesagt hat, auf eben dieses Bestimmte beziehen können, so wie auch er es muss – und schon getan hat, indem er es gesetzt hat.“ – Schauen Sie mal auf sich und nicht nur auf den von Ihnen vermuteten Inhalt meiner Rede, was Sie hier tun: Sie beziehen sich zurück auf das, was ich geschrieben habe, Sie zitieren es sogar, beziehen sich also auf dieses Bestimmte (und nicht auf anderes) was ich gesagt habe. Und umgekehrt kann ich mich darauf beziehen, dass Sie mir widersprochen haben – und dass Sie mich z.B. nicht in meinem Argument bestärkt haben. Alles, was Sie setzen, setzen Sie – und alles, was Sie setzen, ist für Sie und für mich ein verbindliches Bestimmtes, selbst wenn es nur ‚x‘ (und eben nicht ‚y‘) ist. Dieser Zusammenhang erscheint derart trivial, dass er eben nur in einer reflexionslogischen Betrachtung thematisch wird; er ist die Grundlage jedes Indizienprozesses und von Gerichtsverfahren überhaupt, von Wissenschaft, die auf die Bestimmtheit von Ergebnissen – ‚empeiria‘ – angewiesen ist, um eine solche zu sein.

    „das Wir wird ja in meine Vergangenheit eingeschmuggelt! Sie sagen zwar, man könne Geltung und Wahrheit nicht von vornherein beanspruchen, machen das aber irgendwie selber genau hier.“ – Man könnte sagen: Durch Ihre implizite Bezugnahme auf etwas, das wir bereits gemeinsam teilen – Sprache, diese Rede, das Verständnis von Argumentation (Widerspruch, petitio principii) – haben Sie es selbst ‚eingeschmuggelt‘. Sie können natürlich abstrakt denken und so tun, als würden Sie sich ohne Selbstbezug und ohne Bezug auf den Anderen auf etwas beziehen können – faktisch tun Sie es aber – und wer das liest, der kann das, jederzeit, an Ihrer Rede wahrnehmen, eben in den expliziten Bezugnahmen auf mich und meine Rede. – Auch habe ich nie behauptet, man könne Geltung (‚Wahrheit‘ lasse ich außen vor, weil der Begriff zutiefst äquivok gebraucht wird) nicht im Vorhinein beanspruchen. Ich denke, hier liegt das Problem in der Äquivokation von ‚Beanspruchen‘: Das kann heißen, dass man einen Anspruch auf etwas erhebt, dem erst noch stattgegeben werden muss – oder dass man etwas schon beansprucht, i.S.v. man nimmt es für sich. Das ‚wir‘ in meinem Satz ist im ersten Sinn gemeint, was Sie auch im Text nachlesen können:

    „Ein Geltungsanspruch beansprucht Geltung, fordert also die Anerkennung dieses Anspruchs ein – und, weil ein Geltungsanspruch immer in Form einer Behauptung vorgebracht wird, ermächtigt damit alle anderen, diese Behauptung zu prüfen bzw. Begründungen für diese Behauptung einzufordern. Und erst wenn eine Behauptung und/oder Begründung nicht mehr ohne Selbstwiderspruch verneint werden kann, dann gilt sie für alle. – Eine einfache, bestimmende Geltungssetzung dagegen – sofern sie nicht innerhalb einer formal argumentierenden Disziplin (formale Logik, Mathematik) for the sake of the theory vorgebracht wird – ist, in der Formulierung von reflexiven All-Quantoren (‘Alle’, ‘Man’, ‘Keiner’, ‘Jeder’, ‘Immer’, ‘Niemals’ usw.), ohne hinreichende Begründung, dogmatisch.“

    Bestimmte Meinungen können – aus der Sicht aller anderen – nicht sinnvoll Geltung beanspruchen, weil man sich, beansprucht man sie, bereits widerspricht. Sie können es natürlich trotzdem tun – und das tun die ‚Tugendterror‘ beklagenden (!) Leute ja auch. SIe müssten also Geltungsanspruch („Ich sage … und ich behaupte, das gilt und andere müssen es nun prüfen“) und Geltungssetzung („Ich sage … und das gilt schon, weil ich es sage und das muss auch keiner mehr prüfen“) auseinanderhalten, weil sonst alles gleich dogmatisch aussieht.

    „Die Rechte ‚müssen‘ nur gegeben werden, weil die Sache mit dem Widerspruch bei Ihnen genau so gebaut ist, daß das alles aufgeht; wenn man das nicht so macht, funktioniert das alles nicht.“ – Und wenn Sie ‚die Sache bei mir‘ unterscheiden können von einer ‚Sache, die das nicht macht‘, dann haben Sie – qua ’nicht‘ und Unterschied, den Sie feststellen können – den Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch wieder vorausgesetzt. Wenn nicht: woher wollen Sie dann wissen, ob eine ‚Sache, die das nicht macht‘ nicht dasselbe ist wie ‚meine Sache‘? Eben. 🙂 – Die ‚Sache mit dem Widerspruch‘ ist keine nachträgliche Regel, zu der man sich entscheiden kann oder auch nicht (sic!). Sie haben Sie schon vorausgesetzt, darin, dass Sie offenbar beanspruchen, mir zu widersprechen, relativ ausführlich sogar.

    Und nun wird Ihnen vielleicht auch deutlich, dass der folgende Satz sich widerspricht: „Das Wir wiederholen Sie dann da einfach, so als wäre quasi von Anfang an einfach da. Das muß aber niemand mitmachen“ – Wer ’niemand‘? Von uns? Oder von den anderen, die Ihre Rede hier lesen und meine Argumente mit Ihren vergleichen können? Die also schon insofern etwas gemeinsam haben…? – Übrigens: Niemand hat behauptet, dass Sie ‚das mitmachen müssen‘! Sie müssen das natürlich nicht. Es gibt genügend Menschen auf dieser Welt, die daran glauben, dass die Welt nur eine Illusion ist, dass es nur sie gibt, dass die Realität niemals ‚wirklich‘ erreicht wird – oder die zumindest Seminare damit bestreiten, weil sie solche Sophistik mit Philosophie verwechseln. Hier werden keine Aussagen getroffen über Ihren Bewusstseinszustand (was auch immer das sein mag), über Ihre persönlichen Überzeugungen, die Sie mit niemandem teilen, nicht mal über irgendwelche ‚psychischen‘ Gesetzmäßigkeiten an die Sie sich halten müssten. Sondern nur darüber, was Sie sagen – weil das das Einzige ist, was ich – indem es hier in Text festgehalten ist – beurteilen kann. – Was Sie also wahrnehmen – „Das Dogma steckt dann an diesem Punkt, weil so wie Sie das darstellen, einfach das Wir im Präteritum untergeschoben wird“ – bezieht sich nicht auf den Inhalt der Aussage, sondern – wenn Sie so wollen – auf Ihr Aussagen, auf die Performanz ihrer Aussage, insofern es Ihre ist und insofern es diese ist. Ich kann AN Ihrer Rede – wie jeder andere auch – etwas erkennen, das auch ich teilen können muss (z.B. hier, in diesem Satz: wenn ich ‚ich‘ sage und von ‚etwas‘ spreche, das ich teilen können muss). Es bleibt eine Geltungsbehauptung, ein bloßer Anspruch – den Sie gerne versuchen können zu verneinen, wenn Sie das wollen 🙂

    „Was ist überhaupt so schlimmes daran, wenn man sich widersprechen würde? Man würde dann zwar nicht mehr diskutieren, aber hey, es geht ja bei Sarazin auch nicht darum, daß alle alle mögen müssen, oder?“ – Diese beiden Sätze verstehe ich nicht. Denn natürlich kann man diskutieren, obwohl man sich am laufenden Band widerspricht – genau das vollziehen ja Sarrazin und Co. am laufenden Bande. Man kann sogar in dieser Diskussion ernstgenommen werden – wie es eine Menge Menschen tun, denen der Widerspruch nicht klar ist. Die Hinsicht dieses Blogs ist nun aber eine logische Hinsicht – und aus der logischen (genauer: reflexionslogischen) Hinsicht derjenigen ‚Freiheiten‘, die Sarrazin einklagt und die Chauvinisten und verächtliche Menschen ständig in Anspruch nehmen, um sie anderen abzusprechen, sind diese Handlungen eben selbstwidersprüchlich, nicht mehr und nicht weniger. Sie können auch daran glauben, dass, wenn Sie A sagen, sie eigentlich B gesagt haben – aber das müssen eben nicht alle anderen auch glauben, eben weil Sie erkennbar A gesagt haben. Das Durchstreichen des SdW macht Diskussion nicht unmöglich – aber sinnlos, insofern dann alles gleichermaßen gelten kann, z.B. auch, dass Ihre Aussage zugleich ein wunderbares Lob auf meine herausragenden philosophischen Fertigkeiten ist. Und da das offensichtlich absurd ist, frage ich mich, warum Sie dann überhaupt hier ein Gegenargument bringen, wenn es doch eigentlich egal ist? – Zudem scheinen Sie Sinnlosigkeit mit Meinungspluralität zu verwechseln: Es geht nicht darum, sich ‚zu mögen‘ oder auch nur ’nett zueinander sein zu müssen‘ – es geht darum, dass man schlechterdings nicht in Anspruch nehmen kann, was man andern abspricht. Sie können jederzeit widersprechen – müssen dann aber damit rechnen, dass Ihnen jemand widerspricht (wie ich Ihnen hier). Und diese Kritik ist dann keine ‚Einschränkung Ihrer Meinungsfreiheit‘, sondern die Ausübung meiner Meinungsfreiheit, als Antwort auf die Ausübung Ihrer Meinungsfreiheit. Die Dogmatiker vom Schlage Sarrazins streichen Ihre eigene Tat durch, sie vergessen, dass Sie bestimmte Botschaften nur dann öffentlich äußern können, wenn Sie niemand daran hindert. – Ich hatte die Wahl, Ihren Beitrag freizuschalten oder zu löschen. Sie sehen, was ich gemacht habe 🙂

    „Dann aber sagen Sie, der Andere muß sich darauf beziehen und hat sich schon bezogen; das klingt sehr seltsam“ – Das mag auch deswegen ‚Spanisch‘ klingen, weil Sie Ihre Interpretation meines Satzes und nicht meinen Satz heranziehen. Der Satz lautete: „dass wir uns, wenn jemand etwas Bestimmtes gesagt hat, auf eben dieses Bestimmte beziehen können, so wie auch er es muss – und schon getan hat, indem er es gesetzt hat.“ – Der Bezug hängt also an der Bedingung ‚wenn jemand etwas Bestimmtes gesagt hat‘ (z.B. Sie, in dem Satz, den ich am Anfang dieses Absatzes zitiert habe). Problematisch ist wahrscheinlich die reflexive (oder wenn Sie so wollen: reflektierende) Wendung im Gedankenstrich: „wie auch er es muss – und schon getan hat, indem er es gesetzt hat.“ – Versuchen Sie es mal so: Wenn Sie einen Bezug auf etwas angeben – sich auf einen Bezug auf etwas beziehen – dann haben Sie IN diesem Bezug bereits das Etwas, worauf Sie sich beziehen, angegeben. Sie haben sich, wenn sie sich auf etwas beziehen, zugleich darauf bezogen, dass SIE sich darauf beziehen. Diese Nachträglichkeit ist unhintergehbar, nicht dogmatisch, sondern logisch: Versuchen Sie etwas zu setzen, ohne Ihren Bezug mitzudenken. Es wird Ihnen nicht gelingen – denn spätestens wenn Sie mir hier mitteilen, was Sie sich (!) gedacht haben, ist der Versuch gescheitert. Was so ‚Spanisch‘ klingt, ist der reflexive Bezug, den wir normalerweise weglassen, auch wenn er überall – z.B. hier, im Blog, in ihrem ‚Nick‘ – eine Rolle spielt. Wir lassen ihn weg, weil er uns selbstverständlich erscheint. Und genau da liegt ja der Bereich der Philosophie.

    „Von einem können kommt man doch nicht zu müssen, oder?“ – Die Frage führt schon in die richtige Richtung. Wenn Sie unter einem ‚Können‘ eine Möglichkeit verstehen, dann erscheint es zunächst paradox, diese Möglichkeit – die ja gerade nicht Notwendigkeit ist – als ein ‚Müssen‘ anzusetzen. Das vereinfacht aber die hier angepeilte Struktur, gerade um den wichtigen Unterschied. Eine Notwendigkeit, könnte man sagen, ist das, was Sie immer setzen müssen: es ist notwendig, genau darum, weil es immer gilt. Wenn Sie nun aber eine Möglichkeit formulieren, die Sie immer voraussetzen können, dann ist dieses Voraussetzen-können notwendig. Sie müssen können, d.h. nicht: Sie müssen oder Sie können nur. Sie können, und weil Sie es immer können – und nicht ohne auskommen – müssen Sie können. D.h. Sie können auch so tun, als sei es weg – aber trotzdem müssen Sie es können. Im Prinzip meint die ganze geheimnisvolle Rede vom ‚Apriori‘ nichts anderes als diese notwendige Möglichkeit. Und wie Sie sicher nach einigem Nachdenken feststellen können, gilt das nicht eben für viele Möglichkeiten.

    „Klingt ansonsten ein bisschen wie ein Trick, mit dem man den anderen hereinlegen und mundtot machen will. Was ja genau das Sarazin-Thema betrifft.“ – Sehen Sie: Genau das ist das Problem. Eine Kritik – auch wenn Sie aus einem Trick bestünde (was diese hier nicht tut, nur weil Sie reflexionslogische Argumente nicht verstehen) – macht den anderen nicht ‚mundtot‘. Sondern es setzt ihm eine Gegenmeinung entgegen. Wenn ich Ihre Kommentare lösche: dann mache ich Sie mundtot. Wenn ich Ihnen und Ihren Argumenten Kritik – d.h. Prüfung, alternative Sichtweisen, logische Fehler – entgegenbringe, dann nehme ich Sie als Gesprächspartner ernst und sehe Sie auf Augenhöhe. Kritik und Differenz ist nichts Schlechtes. Aber eine Kritik, die sich selbst widerspricht, ist abzulehnen, aus logischen Gründen – und nicht weil man den anderen ‚mundtot‘ machen will. Man lehnt nicht den anderen ab, sondern nur sein Argument. D.h. auch: Man anerkennt (!) die Möglichkeit, dass er es auch anders sehen kann – oder bessere Argumente vorbringen kann für seine Sache.

    „Ist das, was Sie da machen nicht auch so ein bisschen politcally correct?“ – Nein, würde ich nicht sagen. Ich würde sagen es ist logically correct 🙂

    „Mich interessierts, weil ich das Buch gekauft habe. Ich bin also quasi einer von denen, die sich rechtfertigen sollten.“ – Das haben Sie gesagt. Ich finde nicht, dass man sich für den Kauf, das Lesen oder die eigene Meinung über ein Buch rechtfertigen muss. Man muss sich nur rechtfertigen – und das ist ja das Thema meines Blogs – wenn man behauptet, dass die eigene Meinung auch für alle anderen gelten soll.

    „Sie und ich, wir können uns gemeinsam oder auch jeder einzeln auf den Text oben beziehen. Wenn man unterstellt, wir müssten das auf Teufel komm raus gemeinsam machen, dann gibts genau so ein Dogma wie Be meinte.“ – Lassen Sie mich – vor dem Hintergrund meiner bis hierher gemachten Ausführungen – Ihren Satz ein wenig umschreiben und versuchen Sie ihn noch einmal nachzuvollziehen: „Sie und ich, wir können uns gemeinsam oder auch jeder einzeln auf den Text oben beziehen. Wenn man unterstellt, wir müssten das auf Teufel komm raus gemeinsam machen KÖNNEN, dann gibts genau so ein Postulat wie ich meinte.“ – Wir müssen es können: Das garantieren uns die oben angesprochenen reflexiven Rechte. Darum geht es: Dass man uns beide in diesem KÖNNEN nicht behindert, weil dieses KÖNNEN ein Recht ist. Dazu gehört dann auch das Recht – nur damit wir uns nicht falsch verstehen – dass jeder von uns seinen eigenen Beitrag zurückziehen kann – weil es eben seiner ist.

    Ich hoffe, meine Antwort macht Ihnen an einigen Stellen klar, dass es nicht ein dogmatisches, sondern so etwas wie ein ‚apriorisches‘ Wir ist, auf das ich mich beziehe. Es wird allein dadurch bestätigt, dass Sie es lesen und nicht ich sind. 🙂

  4. [Ad: Der Tom – Anm. v. mir, D.P.Z.]

    Nun ist es so, dass das „wir“, das jenen Plural bezeichnet, welcher nicht mit dem Dual verwechselt werden sollte, ja ohne Bezugspunkt nicht auskommt, der über den Plural „wir“ zusammengefasst. Jenes über „wir“ Bezeichnete kann nun jegliche beliebig große bzw. kleine Teilmenge an Exemplaren der Gattung Mensch sein, oder gar die Gattung selbst als solche.

    Bei der Nutzung des Wörtchens „wir“ in einer Rede verhält es sich ja so, dass der Sprechende vorgibt, nicht für sich selbst zu sprechen, sondern über andere, sich selbst jenem Kreis hinzurechnend. Nun kann solch Sprechender in dieser Eigenschaft die Nutzung des Wörtchens „wir“ dahingehend ausdehnen, dass er darüber auch jene einbezieht, die sich darin gar nicht sehen, zum Beispiel mich. Womit die Gattung als Bezugspunkt für das „wir“ wegfalle für den Fall, dass ich von Σ Exemplare (Gattung) – 1 als Exemplar dieser Gattung angenommen. Blieben demnach nur beliebige Teilmengen der Gattung übrig, auf welche über ein „wir“ Bezug genommen. Dort verhält es sich aber so, dass – wenigstens mir – kein „wir“ bekannt ist, welches stets als solches aufgefasst, und mit „stets“ meine ich jenen Zeitraum, in welchem die Gattung vorkam, und zwar „durchgängig“ und „gleichbleibend“. Nun, vielleiht gibt es so etwas auch, und es ist mir nur entgangen.

    Nun, bezogen auf das Wort „Tugendterror“ und jene, welche dieses Wort im Mund führen, verhält es sich so, dass ich zu darüber gegebenem „wir“ nicht gehöre, es mir auch verbitte, mich dahingehend vereinnahmen zu wollen, allerdings anerkenne, dass dieses ein „wir“ sich konstituiere. Über das Niveau eines solchen „wir“ ist festzustellen, dass es noch nicht einmal das Niveau des Wanderpredigers Peregrinus erreicht, von dessen lächerlichem Geltungsbedürfnis Lukian von Samosata bereits vor ca. 2000 Jahren zu berichten wusste.

    Bereits das Wort „Tugendterror“ weist darauf hin, dass da jemand schrieb, der Intelligenz nicht unbedingt mit Schöpflöffeln zu sich genommen haben muss, so dass sich mir die Frage stellte, wie es dann dazu komme, dass er darüber in den Genuss einer so zahlreichen Leserschaft kam.

    Denn es ist so, dass eben dieser Status, Autor eines Bestsellers geworden zu sein, eindrucksvoll dessen Brauchbarkeit belegt, „Brauchbarkeit“ nun ebenfalls sich auf etwas zu beziehen hat, da sonst sinnentleert, und darüber auch nur jenes beschrieben wird, welches etwas als „brauchbar“ betrachte.

    Was zu amüsanten Ergebnissen führt: Die Tatsache einer vorhandenen zahlreichen Leserschaft, die sogar derart umfangreich ist, dass dessen Rede die Kategorie „Bestseller“ erreicht, belegt dessen „Tauglichkeit“ und „Tüchtigkeit“, sprich: „Tugendhaftigkeit“. Es ist folglich ausgerechnet ein Tugendhafter, der über vorhandenem „Tugendterror“ in Tränen ausgebrochen, da darunter leidend. Womit er prädestiniert, für das Grundrecht auf einen Sitz in jeglicher Talk-Show.

    Nun wird unter dem Wort „Terror“ die systematische Verbreitung von Angst und Schrecken durch ausgeübte und angedrohte Gewalt verstanden, die angewendet, um Menschen gefügig zu machen. Der Tugendhafte sieht sich demnach einer systematischen Verbreitung von Angst und Schrecken ausgesetzt, durch ihm gegenüber ausgeübte und angedrohte Gewalt, um ihn gefügig zu machen. Dies ist ebenso betrüblich, wie mir unbekannt geblieben.

    Nachdem ich zu meinem Leidwesen in diesem Land einen großen Bogen um Bestseller mache, bin ich außerstande, auf Inhalte solcher Werke eingehen zu können, also nachzuprüfen, ob da nicht noch einer sich herumtreibe, der sich am inflationären Gebrauch des Wortes „Terror“ mäste, und muss mich daher begnügen, nur Argumente vortragen zu können zu einem einzigen Wort, dem Wort „Tugendterror“. Ich bitte um Nachsicht. Ist doch der durch Mehrheit bestimmte Zustand einer Republik an jenem Geisteszustand zu messen, der durch tägliche Einschaltquoten dokumentiert. Und ich bin um Begrenzung meines Leidens bemüht.

  5. Hallo,

    Wie angekündigt setze ich mich mit deinem Text nun genauer auseinander. Wenn du einverstanden bist möchte ich zuerst ein Verständnisfragen stellen:

    „Das Recht auf Meinungsfreiheit ist ein reflexives Recht. Es ist das Recht darauf, sich frei eine Meinung bilden und diese Meinung in der Öffentlichkeit vertreten zu können. – Meinungsfreiheit hat dementsprechend für alle anderen sichtbar schon in Anspruch genommen, wer eine Meinung öffentlich äußert.“

    Du bringst hier das Beispiel der Meinungsfreiheit und anderenorts auch der Toleranz.

    Meine Fragen lauten: Wenn du dises als reflexive Rechte bezeichnest, gibt es deiner Meinung nach dann auch nicht-reflexive Rechte? Und wenn ja, welche wären das (zum Beispiel) und kann man diese dann sinnvoller Weise noch Rechte nennen? Ist die Reflexivität vielleicht schon im Begriff des subjektiven Rechtes selbst enthalten, weil das Recht immer den Anspruch hat für alle Adessaten genauso zu gelten, wie für den, der es in Anspruch nimmt?

    Vielen Dank und Grüße
    Norman

  6. Hallo Norman,

    vielen Dank für Deinen Kommentar. Zunächst müssen wir zwischen dem (engeren) juristischen und dem (weiteren) philosophischen Rechtsbegriff trennen. Der juristische Rechtsbegriff betrachtet „Recht“ im weitesten Sinne als eine „verbindliche Regel“, die qua Gesetzgeber für alle gilt. In diesem Sinn ist natürlich jedes Recht reflexiv, schon darin, dass es Regeln für die Gemeinschaft festlegt, zu denen auch diejenigen gehören, die diese Regeln festlegen und darin, dass derjenige, der es in Anspruch nimmt, es nur kann, weil es auch für alle anderen gilt. – Der philosophische Rechtsbegriff kann auch noch die Bedingung der Möglichkeit jeglichen Rechts betreffen, das Kriterium, nach dem so etwas wie „Recht“ überhaupt sinnvoll gedacht werden kann. Ausgangspunkt für den Philosophen ist, logisch, „díke“ und „nómos“: In der „díke“ steckt die „deîxis“, die „weisende Anzeige“; im „nómos“ liegt der „Brauch“, die „Sitte“, die „Gewohnheit“ – „Brauch“ durchaus mit dem Aspekt des „Wie“ des Ge-Brauchs, wie auch „chreôn“, der „Bedarf“ – u.a. dann in „chrémata“, die (Gebrauchs-) Dinge – und „anankè“ anzeigen, die sehr bald im logischen Gebrauch die „Not“ und die „Not-Wendigkeit“ anzeigen. „Recht“ in einem philosophischen Sinn betrifft also immer die operativen Bedingungen von etwas, das schon irgendwie vorliegt; das, was man dazu im Gebrauch hat und – weiter – im Gebrauch haben muss, dass dann – wenn man es kennt – zu diesem Gebrauch von sich her zwingt. Ein „Recht“ wäre – in dieser Pseudo-Genealogie – zuerst das Wie und und das Was einer überlieferten Praxis, das thematisch wird und in dieser Thematisierung zu einer Norm erhoben wird, weil es die notwendige Bedingung für die Aufrechterhaltung und die Möglichkeit der Praxis ist (reflexive Explikation kann Normativität begründen). Abstrahiert man davon, dann kann man Rechte auch umgekehrt „einsetzen“, um bestimmte „Rechtsbereiche“ allererst zu schaffen.

    Was Du nun „subjektives Recht“ nennst, das kann – aus einer ANDEREN Sicht allerdings als meiner – in der Tat bezeichnen, was ich hier „reflexive Rechte“ genannt habe: Im wesentlichen quasi-naturrechtliche Postulate, die nachträglich die Bedingung der Möglichkeit noch ihrer eigenen Postulierung formulieren.

    Die Pointe bei dem, was ich hier „reflexive Rechte“ nenne, liegt allerdings darin, dass sie in einem performativen Sinne reflexiv sind: Man hat sie IMMER SCHON in Anspruch genommen. Sie sind damit, eine reflexive Stufe tiefer, noch die Bedingung der Möglichkeit z.B. der Aushandlung BESTIMMTER Rechte, die eben nicht z.B. für alle Menschen gelten, INSOFERN sie Menschen sind, sondern z.B. für alle Menschen, INSOFERN sie Autofahrer, Polizisten, Lebensmittelhersteller oder Bundestagsabgeordnete sind oder für juristische Personen, INSOFERN sie z.B. eingetragene Vereine, Aktiengesellschaften oder GmbH’s sind. Du wirst mir zustimmen, dass nicht alle Rechte gleichermaßen für alle Menschen gelten, sondern eben nur gelten KÖNNEN – und, sofern sie Rechte sind: gelten können MÜSSEN -, nämlich wenn man Rechtsfähigkeit im Sinne der gesetzlichen Regelungen besitzt. Wenn Du Lebensmittelhersteller bist, dann hast Du keine Immunität; wenn Du Autofahrer bist, dann darfst Du keine Waffe tragen usw.

    Reflexive Rechte, wie ich sie hier bespreche, haben diese Einschränkung nicht. Sie gelten für jeden Menschen, insofern er Mensch ist: insofern er frei reden kann und darf und insofern er fordern kann, von anderen darin – und in seiner freien Entfaltung – nicht eingeschränkt zu werden und insofern er als Mensch geboren wurde (Menschenrechte). Postulate sind immer an Bedingungen geknüpft, die nachträglich die Vorträglichkeit ihrer eigenen Formulierung betreffen. – In der Philosophie findest Du sie bei Aristoteles, bei Cusanus, bei Pico, bei Spinoza, bei den Gesellschaftsvertrags-Theoretikern (Locke, Hobbes, Rousseau), bei Kant. Sie haben verschiedene Namen: Bei Aristoteles heißt es „gutes Leben“, bei Cusanus und Pico „Freiheit“ und „Freizügigkeit“, bei Spinoza „Sein-Können“, bei den Vertragstheoretikern wird es oft mit dem „common sense“ oder dem „Gemeinschaftswillen“ chiffriert usw.

    Das bedeutet: Selbst wenn es noch gar keine festgelegte Rechtsordnung gibt – und wir denken das jetzt mal nicht wie Schmitt und Kelsen, weder als ursprünglichen „Ausnahmezustand“, noch als nachträgliche Rekonstruktion eines transzendentalen leeren Aktes -, haben alle Teilnehmer, sofern sie ins Gespräch miteinander eintreten, bei jeder Inanspruchnahme ihres Rederechtes ebendieses reflexiv schon allen anderen zugestanden – einfach dadurch, dass sie es in Anspruch genommen haben.

    Das heißt: Ein „reflexives Recht“ wie „Meinungsfreiheit“ oder eben „Freiheit“, wie „Toleranz“ oder „Menschenrechte“ kann man – wenn sie einmal per Postulat (und das sind performative Erklärungen wie der Art. 1 des GG oder die Menschenrechtserklärung von 1948) festgelegt sind – nicht mehr sinnvoll in Frage stellen. Sie konstituieren eine Gemeinschaft, sie regeln sie nicht nur, sondern sie ermöglichen sie. Sie sind auch deswegen keine „Regeln“, weil sie den Inhalt nicht festlegen: Die Meinungsfreiheit ermöglicht es durchaus, eine Kampagne gegen Meinungsfreiheit anzustrengen. Aber sie verunmöglicht es zugleich, das als konsistent betrachten zu müssen. Es sind gewissermaßen „Regeln“ für die Formulierung beliebiger „Regeln“ und diejenige Struktur, die inhaltlichere und regionalere Gesetzgebungen ermöglicht.

    Habe ich Deine Verständnisfragen hinreichend beantworten können?

    1. Das hilft mir wunderbar, da ich jetzt weiß wie du hier den Begriff Recht verwendest. Meine Fragen sind damit beantwortet, es werden sich aber höchstwahrscheinlich neue stellen, die ich dann hier aufwerfen werde.

      Ein Gedanke kam mir beim Lesen deiner Antwort noch, berichtige mich, wenn er völlig in die falsche Richtung geht. Es geht draum:

      „Selbst wenn es noch gar keine festgelegte Rechtsordnung gibt – und wir denken das jetzt mal nicht wie Schmitt und Kelsen, weder als ursprünglichen “Ausnahmezustand”, noch als nachträgliche Rekonstruktion eines transzendentalen leeren Aktes -, haben alle Teilnehmer, sofern sie ins Gespräch miteinander eintreten, bei jeder Inanspruchnahme ihres Rederechtes ebendieses reflexiv schon allen anderen zugestanden – einfach dadurch, dass sie es in Anspruch genommen haben.“

      Bei Habermas´ Diskurstheorie des Rechts, gibt es bestimmte Diskursvoraussetzungen, die erst die Bedingung der Möglichkeit sind, dass Rechtsnormen im Diskurs gefunden werden können, begrifflich die Ideale Sprechsituation. In der Rechtsphilosophie wird vertreten, dass allein diese Sprechregeln schon den Inhalt der später zu findende Rechtsordnung konstituieren, also ein fester Kern an Chancengleichheit und Freiheit konsistent geschaffen werden muss, weil nur diese den Diskurs ermöglicht haben. Könnte man diese Sprechregeln daher als reflexive Rechte in dem hier gebrauchten Sinn verstehen?

  7. „Habermas […] bestimmte Diskursvoraussetzungen, die erst die Bedingung der Möglichkeit sind, dass Rechtsnormen im Diskurs gefunden werden können, begrifflich die Ideale Sprechsituation. […] Könnte man diese Sprechregeln daher als reflexive Rechte in dem hier gebrauchten Sinn verstehen?“

    Habermas expliziert die Bedingungen der Möglichkeit gemeinsam geteilter Rede als „Diskursvoraussetzungen“, die in der Struktur von „immer-schon“ stehen – damit thematisiert er eine reflexive – oder transzendentallogische – Ebene des gemeinsam geteilten Logos (Habermas: „Diskurs“). Das ist zunächst keine normative, sondern eine explikative Funktion: Die Frage nach der Bedingung der Möglichkeit z.B. dieser Fragestellung expliziert eine logische Voraussetzung. Sofern Habermas das aber diskursethisch wendet – qua „ideal“ – ist diese Reflexivität postulativ verstanden und formuliert damit die Struktur dessen, was ich hier „reflexive Rechte“ genannt habe, ja. – Wichtig ist in der Philosophie aber, dass dieselbe Struktur ganz verschiedene Auslegungen haben kann. „Den Diskurs“ und „die Diskursvoraussetzungen“ sind, reflexiv, keine Sachen oder Tatsachen, sondern Auslegungen desjenigen Logos, der sie als diese formuliert. Den Logos kann man nur nachträglich inhaltlich thematisieren. Dementsprechend gilt reflexiv, dass nicht

    „ein fester Kern an Chancengleichheit und Freiheit konsistent geschaffen werden muss“

    sondern: dass dieser „feste Kern“ schon vorliegt und nun gemäß der gemeinschaftlichen Einigung auf bestimmte konstitutive gesellschaftliche Selbstbeschreibungen ausgelegt werden muss. Das ist ganz einfach zu verstehen: Das „Schaffen“ findet ja auch durch Sprechakte statt, also in einem Diskursraum, der im Vorhinein dafür konstituiert sein muss, dass er im nachhinein als solcher zuallererst ausgelegt werden kann. Aus dieser reflexivitätslogischen Sachlage kann sich dann der Imperativ ergeben, dass „Chancengleichheit“ und „Freiheit“ in verschiedenen Hinsichten – cf. GG – inhaltlich ausgelegt werden können und deswegen sollen. Und DAS würde ich dann als „festen Kern an Chancengleichheit und Freiheit“ bezeichnen, der aber darauf beruht, wie Du richtig anmerkst, dass „nur diese[r] den Diskurs ermöglicht haben“ wird, nachträglich, reflexiv. Die kurze Antwort: Ja 🙂

  8. „Kriterien sind: Ablehnung des (Selbst)Widerspruchs und Ablehnung eines Dogmas bzw. einer petitio principii. Das war’s.“

    Wäre da nicht die geheime, oder offene Verliebtheit des Denkens (oder die Einsicht, dass das zu Vermeidende zusammenfällt mit dem es ermöglichenden) in Widerspruch und Zirkularität.

    „seit Hegel wissen wir, daß ein Widerspruch nicht notwendig ein Beweis gegen die Wahrheit eines metaphysischen Satzes ist, sondern ein Beweis dafür.“ (Heidegger, Nietzsche 1)

    Die έπαγωγή ist jenes, was dem an das wissenschaftliche Denken gebundenen Menschen sogleich verdächtig wird und meist fremd bleibt; er sieht darin eine unzulässige »petitio principii«; d.h. einen Verstoß gegen das »empirische« Denken; allein das petere principium, das Auslangen nach dem gründenden Grunde ist der einzige Schritt der Philosophie, der er-öffnende Vorstoß in den Bereich, innerhalb dessen erst eine Wissenschaft sich anzusiedeln vermag. (Heidegger, Vom Wesen und Begriff der physis, Wegmarken)

    Die petitio principiie als beistellender Vorgriff in das »Ermöglichende« ist das echte Wesen des metaphysischen Denkens; der einzige Schritt der Philosophie, mit dem sie auf der einzigen Stelle tritt und immer als Metaphysik dasselbe und ihr Höchstes sagt. Setzt man dieser petitio principii freilich das »empirische« Denken zum Maßstab, dann kann man sie als »fehlerhaft«
    dartun.f Dieses Verfahren läuft auf das Beharren in einer Denkungsart hinaus, die ihre Überlegenheit darin behaupten darf, daß mit ihr nicht zu streiten ist, sobald ein Geringes vom Wesen der Philosophie begriffen worden und zu bedenken gegeben wird. (Bd 67, Metaphysik und Nihilismus)

    1. Hinsichtlich der „Verliebtheit des Denkens […] in Widerspruch und Zirkularität“ kann ich nur zustimmen: Die petitio principii und der performative Selbstwiderspruch gehören zu den am wenigsten beachteten Prinzipien in der Philosophie.

      Was genau mir die drei Heidegger-Zitate sagen sollen, weiß ich nicht. Ich interpretiere sie daher einmal als eine Art „Widerspruch“ mit den Mitteln, die Heidegger zur Verfügung zu stellen scheint. Dabei ist zunächst zu beachten, dass man nicht einfach a priori voraussetzen kann, dass Heidegger und ich die Begriffe „Widerspruch“ und „petitio principii“ gleich gebrauchen. Dieses Problem wird dadurch verschärft, dass die drei Zitate aus ihrem Kontext gerissen als eine Art „Statement“ zu den von mir genannten Prinzipien präsentiert werden, ohne zu bedenken, in welchem Argumentationszusammenhang sie ursprünglich standen.

      Zum ersten Zitat: Heidegger weist hier selbst auf, dass kein Widerspruch besteht zwischen dem „Willen zur Macht“ und der „ewigen Wiederkehr“. Er bezieht sich dabei kritisch auf Baeumler, der diesen Widerspruch konstatiert hat. Entsprechend ist die Annahme dieses konkreten Widerspruchs zwischen zwei Konzepten hier schon einmal nur Hypothese: „Aber gesetzt, es bestehe ein Widerspruch…“ Und entsprechend weist Heidegger darauf hin, dass ein Widerspruch „nicht notwendig ein Beweis gegen die Wahrheit eines metaphysischen Satzes ist“. Nicht notwendig besagt hier: Es kann ein Beweis sein, aber es muss nicht. Warum ist das so? Hegel behandelt den „Widerspruch“ nur als inhaltlichen Widerspruch bzw. er begreift die unterschiedlichen Hinsichten (die nach Aristoteles Met. IV gar kein Widerspruch sind, gemäß der Klausel „kata auton“ im Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch) von inhaltlich und operativ zunächst als „Widerspruch“ – um diesen dann, gerade indem er die Hinsichten unterscheidet, „aufzulösen“. Der Witz an Hegels Vorgehensweise ist, dass er von einem metaphysischen Verständnis seines Lesers ausgeht, der eine Hinsicht stets verabsolutiert: Wenn da „Nichts“ steht, dann ist das auch „Nichts“. Hegel weist eben – in einer anderen (!) Hinsicht – darauf hin, dass da durchaus „Etwas“ steht – womit die reflexive Bewegung der Dialektik induziert ist. Hegel eignet sich also nicht, um den performativen Widerspruch auszuspielen – denn er selbst setzt ihn fortlaufend ein. Man muss eben inhaltlichen und performativen Widerspruch unterscheiden lernen. Dass es Heidegger hier nicht um den Widerspruch geht, sondern um einen Einspruch gegen Baeumlers These, das zeigt der weitere Verlauf: „Aber selbst zugegeben, es liege ein unaufhebbarer Widerspruch [!] vor und der Widerspruch zwinge zu einer Entscheidung … warum entscheidet sich Baeumler dann… usw.“ Heidegger selbst macht hier also einen begrifflichen Unterschied zwischen einem bloßen „Widerspruch“ und einem „unaufhebbarem Widerspruch“ – womit wiederum kein Widerspruch mehr zu meiner Argumentation gegeben ist – die ja gerade auf reflexiv „unaufhebbare“ Widersprüche, also eben: performative Widersprüche rekurriert.

      Zum zweiten Zitat: Thematisch ist hier nicht die „petitio principii“ überhaupt, sondern der Vorwurf des „an das wissenschaftliche Denken gebundenen Menschen“ an die epagogé, also ein (reflexives oder analogisches) Induktionsargument, das Heidegger hier in guter Tradition reflexionslogisch interpretiert: Gefragt werden muss nach dem Prinzip, vom Besonderen hin zu dem, was dieses Besondere prinzipiiert, die Frage also nach den Bedingungen der Möglichkeit – Heidegger: „der er-öffnende Vorstoß in den Bereich, innerhalb dessen erst eine Wissenschaft sich anzusiedeln vermag [!].“ Dabei bedient sich Heidegger allerdings eines Tricks – denn er übersetzt die perfektive Form „petitio principii“, die also etwas bereits in Anspruch genommenes bezeichnet, in eine präsentische Form, „petere principium“, die er dann mit „das Auslangen nach dem gründenden Grunde“ übersetzt. – Das ist aber nicht der Sinn, in dem ich hier „petitio principii“ gebrauche – eine „petitio principii“ liegt, nach Aristoteles, dann vor, wenn man etwas als bereits gültig behauptet, d. h. gerade ohne ein Beweisverfahren (und die epagogé ist ein solches) durchgeführt zu haben: „[die], die einen Zirkelbeweis annehmen […] müssen […] nichts anderes sagen, als, das sei, weil das sei. So aber ist es leicht, alles zu beweisen.“ (Anal. post. 72b) Und das nennt Aristoteles dann „Fordern und Sich-Nehmen der Anfangsnahme [parà to aiteîsthai kaì lambánein tò en archê]“ (Soph. elench., 181a) – was mit Lateinisch „petitio principii“ ziemlich wörtlich übersetzt wird. Was Heidegger hier also kritisiert, das ist, dass ein Wissenschaftler den Unterschied zwischen der dialektischen Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit und einer Setzung derselben nicht versteht. Heidegger selbst setzt die „petitio principii“ natürlich auch als Gegenargument ein, vgl. GA 1, 165.

      Auch das dritte Zitat steht in genau dieser Argumentationslinie: Der Abschnitt zur „petitio principii“ wird wie folgt eingeleitet:

      „Aus ihrem hohen Alter schöpft die Ermöglichungsfrage [!] […] jene einleuchtende Sicherheit ihres Beweisens, wenngleich doch auch wieder die ‚Schlüssigkeit‘ gerade dieses Denkens einem besonderen Verdacht unterworfen bleibt; der Grund dafür liegt in der verkehrten Meinung, daß es sich hier um ein Schließen handle, das sich allerdings im Kreis bewege und deshalb sich selbst zuwiderlaufe; denn es führe nicht in einen Grund (principium), der erst zum Seienden sich einstelle, sondern nehme diesen Grund vorweg und beharre so in einer petitio principii. Diese gilt als Hauptfehler eines richtigen Denkens.“ (GA 67, 27)

      Thematisch ist also die „Ermöglichungsfrage“ – die übrigens, selbst in ihrer ‚rehabilitierten‘ Form – in sich problematisch ist: „Die Ermöglichungsfrage verhindert […] jeden Aus-zug aus der Metaphysik“. Heideggers Einsatz der „petitio principii“ ist ihr keineswegs kritisch gegenüber eingestellt, denn sie „ist das echte Wesen des metaphysischen Denkens; der einzige Schritt der Philosophie, mit dem sie auf der einzigen Stelle tritt und immer als Metaphysik dasselbe und ihr Höchstes sagt.“ – Das Problem, das Heidegger hier hat, liegt in der wissenschaftlichen Beanspruchung der „petitio principii“ als bloßes Argument gegen wissenschaftlich (!) fehlerhaftes Denken – was die Einsicht in die eigentliche Problematik, die diese reflexive Figur erzeugt – nämlich dass die Metaphysik immer wieder irgendwelche Prinzipien setzt und damit die Seinsfrage verstellt – selbst verstellt. Deswegen notiert Heidegger auch in einer Anmerkung: „was heißt petitio principii – vom Walten des Unterschieds her gesehen das Wahr-lose.“ – In diesem Moment geht es also offenbar um eine Wissenschaftskritik – nicht um die „petitio principii“ als solche.

      Ich hoffe, dass ich damit die Intention getroffen habe, die – wie gesagt – leider nicht mit angegeben war. Wenn nicht, dann kann man es vielleicht immer noch als Kommentar zu den Stellen lesen. Auf jeden Fall lehnen weder Hegel noch Heidegger die „petitio principii“ oder „dogmatische Setzung“ als Gegenargument ab – genauso wenig wie den „performativen Widerspruch“.

  9. 1. „D.h.: Für alle Erkenntnisskeptiker und Logiker, für alle Wissenschaftler und alle Intellektuellen da draußen: Ihr arbeitet alle – alle – nach dem Prinzip des auszuschließenden Widerspruchs.“ 2. “ Eine einfache, bestimmende Geltungssetzung dagegen – sofern sie nicht innerhalb einer formal argumentierenden Disziplin (formale Logik, Mathematik) for the sake of the theory vorgebracht wird – ist, in der Formulierung von reflexiven All-Quantoren (‘Alle’, ‘Man’, ‘Keiner’, ‘Jeder’, ‘Immer’, ‘Niemals’ usw.), ohne hinreichende Begründung, dogmatisch.“ Widerspruch also, was die erste Behauptung betrifft. Ich nicht, jedenfalls nicht ausschließlich (und insofern auch nicht, als du die All-Aussagen, deren Geltung du als dogmatisch inkriminierst, selbst ständig ebenfalls machst.) Ich arbeite möglicherweise zwar nach dem Prinzip des auszuschließenden Widerspruchs, aber nur so, dass ich mit jedem – aufgrund permanent sich einstellender Widersprüche überhaupt nötigen – Ausschluß des Widerspruchs diesen Widerspruch als Ausgeschlossenen immer wieder miteinschließe. Ein Widerspruch ist (k)ein Widerspruch. Nur aufgrund dieses permanenten Widersprechens (von dem ich mich, jedoch ohne Erfolg, in ständigem Exorzismus ein für alle mal reinigen möchte) kann und muss ich „wieder sprechen“ (also besteht überhaupt die Notwendigkeit der Fortsetzung meiner Rede.). Beweis? Gerade erbracht und weiter zu erbringen. Da Widersprüche (als Selbstwidersprüche, bzw. des Selbst als Widerspruch) nicht ultimativ zu tilgen sind (Spruch nur als Wider-Spruch sein kann), sondern immer, wenn man meint sie wären weg, doch auch da sind (das Denken sich, ähnlich wie es vom Kapitalismus gesagt worden ist, durch Widersprüche nicht ruiniert, sondern gerade erhält), wäre zu überlegen, ob man nicht wie in der Systemtheorie überhaupt von Invisibilisierung oder profaner: Eskamotage reden sollte. Man widersprichst sich stets, am meisten vielleicht mit der Behauptung, man selbst widerspreche sich nicht, der andere aber schon. Insofern gelten sämtliche Bemühungen der erfolgreichen Ablenkung von diesem Umstand.

    1. „Widerspruch also, was die erste Behauptung betrifft.“ – Wo genau soll dieser Widerspruch liegen? Die zweite Behauptung (!) (eben das: es ist eine Behauptung) sagt ja explizit: „Eine einfache, bestimmende Geltungssetzung dagegen […] ist, in der Formulierung von reflexiven All-Quantoren (‘Alle’, ‘Man’, ‘Keiner’, ‘Jeder’, ‘Immer’, ‘Niemals’ usw.), ohne hinreichende Begründung, dogmatisch.“ – „Ohne hinreichende Begründung“. Das heißt: Wenn ich einfach sage „Alle X sind Y“ und das nicht begründe. Das ist hier aber nicht der Fall: Der Umstand, dass jemand ein Gegenargument formuliert, ein Argument also negiert, zeigt an, dass man dem Prinzip folgt. Hier wähle ich Aristoteles‘ Argument aus seinem elenktischen Beweis: Wer etwas sagt, hat immer etwas Bestimmtes gesagt, das etwas anderes nicht ist. Vgl. „Der auf der einfachen Tatsache beruht, dass wir uns, wenn jemand etwas Bestimmtes gesagt hat, auf eben dieses Bestimmte beziehen können.“ Und das ist die hinreichende Begründung für die erste Behauptung. Die Repräsentation meines Arguments als Ausgangspunkt Deiner Kritik ist also eine Misrepräsentation, ein Pappkamerad.

      „Ich nicht“ bestätigt, dass Du Affirmation und Negation auseinanderhalten kannst und beides jedenfalls nicht für dasselbe hältst. „nicht ausschließlich“ macht in diesem Kontext keinen Sinn – denn es geht nicht um ein ‚kognitives Gesetz‘, sondern um einen reflexionslogischen Sachverhalt – etwas, was Du in und an Deiner eigenen Rede beobachten kannst. Du hast Dir also gerade in beiden Fällen performativ selbst widerspruchen.

      „Ich arbeite möglicherweise zwar nach dem Prinzip des auszuschließenden Widerspruchs, aber nur so, dass ich mit jedem – aufgrund permanent sich einstellender Widersprüche überhaupt nötigen – Ausschluß des Widerspruchs diesen Widerspruch als Ausgeschlossenen immer wieder miteinschließe.“ – Das Prinzip des ausgeschlossenen Widerspruchs besagt nicht, dass keine Widersprüche möglich oder sagbar sind – das widerlegt, reflexiv, schon die Formulierung ‚Satz des ausgeschlossenen Widerspruchs‘. Die bestimmte (reflexive) Negation ist ja gerade die Pointe. Wahrscheinlich beziehst Du Dich auf eine hegelianische Denkfigur – aber Hegels Konzept des ‚Widerspruchs‘ ergibt sich aus einem (didaktisch) verschobenem Verständnis: Er setzt voraus, dass seine Leser seine Begriffe auf ihr inhaltliches Verständnis reduzieren – und dann erscheint die reflexive Wendung natürlich als ‚Widerspruch‘. Tatsächlich wendet Hegel aber den ‚Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch‘ an und operationalisiert ihn für seine Dialektik.

      „Ein Widerspruch ist (k)ein Widerspruch.“ – Du missverstehst einfach, was der Satz besagt. Er besagt nicht, dass der Widerspruch getilgt wird, sondern dass eine Aussage, die sich selbst widerspricht, nicht gelten kann. Der Widerspruch *soll* also für eine Rede ausgeschlossen werden, die Geltung beansprucht. Was einfach sagt: Wer Geltung beansprucht, darf sich nicht selbst widersprechen. Insofern ist ‚ausgeschlossener Widerspruch‘ schlicht deswegen missverständlich, weil nicht ganz klar ist, was hier wovon wie ausgeschlossen wird.

      „Nur aufgrund dieses permanenten Widersprechens (von dem ich mich, jedoch ohne Erfolg, in ständigem Exorzismus ein für alle mal reinigen möchte) kann und muss ich ‚wieder sprechen'“ – Ach, nein, das ist eine reflexionslogische Illusion. Sie sieht überall Widersprüche am Werk, wo eigentlich keine sind (sie missachtet das reflexive Verständnis von ‚kata auton‘ in Aristoteles‘ Originalargument) und setzt das dann als eine Art skeptizistischen ‚Motor‘ ins Werk. Denn natürlich ist die Regressfigur der ‚Uneinholbarkeit‘ (etc.) das Resultat eines Widerspruchs: Von demselben soll in derselben Hinsicht gelten, dass es principium und principatum ist. Die Operation wird auf den Inhalt reduziert und wird dadurch regressiv. Ganz einfach. – Natürlich hatte dieses reflexive Selbstmissverständnis theoretisch Hochkonjunktur: Lacan benutzt es; Lyotard ebenso.

      „Beweis? Gerade erbracht und weiter zu erbringen.“ – Nein, das ist kein ‚Beweis‘, sondern eine Interpretation vor dem Hintergrund eines falschen Verständnisses von „ausgeschlossener Widerspruch“, mithin ein Schluss im Bestätigungsfehler. Weil Dir der „ausgeschlossene Widerspruch“ selbst widersprüchlich erscheint (weil er zugleich einschließt, was er ausschließt), interpretierst Du Dein Anschließenkönnen ebenso. Aber wenn man genau hinsieht, dann ist „ausgeschlossener Widerspruch“ auf der inhaltlichen Ebene (Hinsicht 1) ein Ausschluss und auf der operativen Ebene (Hinsicht 2) ein Einschluss. Sobald man Hinsicht 1 nicht verabsolutiert, verschwindet auch der Widerspruch. Man könnte sagen: Du hast Dich selbst getäuscht (wieder war wohl Hegel verantwortlich, jedenfalls sieht das ganz nach spekulativem Satz aus).

      „Da Widersprüche … nicht ultimativ zu tilgen sind“ – Darum geht es nicht. Du verwechselst ein intensives, normatives Kriterium mit einem extensiven, deskriptiven. Es geht nicht darum, Widersprüche zu „tilgen“, schon gar nicht „ultimativ“. Das hat niemand behauptet. Sondern es geht darum, dass eine Rede, die sich selbst performativ widerspricht – und die jederzeit möglich, erlaubt, gegeben usw. sein kann – keinen Geltungsanspruch erheben kann. Weil sie versucht, etwas zu verneinen, was sie selbst in eben dieser Verneinung tut.

      „als Selbstwidersprüche, bzw. des Selbst als Widerspruch“ – Siehst Du? Schon ist der Widerspruch an die Position des ‚Selbst‘ gerutscht. Nochmal: Die allermeisten Philosophen, die (existentialistisch z. B.) über ‚das Selbst‘ sprechen, haben einfach keinen hinreichenden Begriff für Reflexivität – und ein nur inhaltlich reduziertes Verständnis des SdW. Deswegen nennen sie es oft ‚paradox‘ oder ‚widersprüchlich‘, obwohl es das gar nicht ist. Der ‚Selbstwiderspruch‘ meint aber weder den ‚Widerspruch des ‚Selbst“ (was auch immer das sei) noch das ‚Selbst‘ als Widerspruch. Sondern es meint, dass die inhaltliche Ebene einer Aussage der operativen Ebene widerspricht – was man so aussagen kann: sie widerspricht sich selbst.

      „das Denken sich … sondern gerade erhält“ – Das ist schlicht Effekt Deiner Voraussetzung / Auslegung meines Satzes, die ich nicht teile. Du verwechselst Anknüpfen mit Widerspruch.

      „wäre zu überlegen, ob man nicht wie in der Systemtheorie überhaupt von Invisibilisierung oder profaner: Eskamotage reden sollte“ – Die ‚Invisibilisierung‘ wäre eben ein dogmatischer Fehlschluss (Ausgang von einer Paradoxie von außen, die von innen her keine ist). Dein Vorschlag zeigt wieder, dass Du Dich an einem anderen Phänomen abarbeitest als das, worauf ich mich hier beziehe.

      „Man widersprichst sich stets, am meisten vielleicht mit der Behauptung, man selbst widerspreche sich nicht, der andere aber schon“ – Man / der Andere widerspricht sich, wenn man / er sich widerspricht – und nicht, weil man es behauptet. Einer Regel folgen glauben ist nicht: einer Regel folgen.

      „Insofern gelten sämtliche Bemühungen der erfolgreichen Ablenkung von diesem Umstand.“ – Ja, hübsche Schlussfolgerung, leider aus falscher Prämisse (s. o.)

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