Einführung in die Lektüre philosophischer Texte – Teil II

Wenn Sie einen philosophischen Text an einem Rahmen messen, den Sie bereits als geltend vorausgesetzt haben – es sei eine bestimmte, ihnen selbstverständlich erscheinende, Überzeugung über die Welt oder eine bestimmte, von Ihnen favourisierte Position eines anderen Philosophen – dann wird der fragliche Text sie immer nur genau dann zufriedenstellen, wenn er den von Ihnen verabsolutierten Rahmen bestätigt und genau dann nicht, wenn er von diesem Rahmen abweicht. D.h.: Noch bevor sie den Text überhaupt gelesen haben, haben Sie ihn an einem Maßstab gemessen. Sie begehen einen logischen Fehler: Sie unterscheiden zwei Hinsichten – den Text und Ihren Rahmen – und verabsolutieren eine Hinsicht – Ihren Rahmen –, anstatt beide Hinsichten quasi gleichermaßen gelten zu lassen, um beide zu verstehen und dann kritisch aufeinander beziehen zu können. Daraus müssten Sie folgende Konsequenz ziehen: Sie müssten für die Lektüre eines philosophischen Textes alle Geltungen, alle Überzeugungen, von denen Sie meinen, dass Sie sich wohlbegründet auf sie beziehen, in Klammern setzen. –

Tun Sie das nicht, dann wird, bei fortgesetzter Lektüre philosophischer Texte, jeder Text immer wieder die Bestandteile Ihres Rahmens bestätigen, die Sie vorausgesetzt haben und Sie in ihrer Weltsicht affirmieren, so dass Sie eine Art Rangfolge aufstellen können, welcher Text Ihrer eigenen Weltsicht am nächsten kommt. Damit haben Sie aber nichts gelernt. Noch schlimmer: Sie verunmöglichen sich selbst das Lernen, weil Sie bereits eine Überzeugung haben, die Sie immer wieder bestätigt sehen wollen. Mit Ihnen ist dann kein Gespräch mehr möglich, nicht nur deswegen nicht, weil Sie von vornherein Recht behalten wollen (und nicht: andere Sichtweisen kennenlernen, neue Erfahrungen machen, das eigene Denken befragen), sondern weil Sie voraussetzen – implizit, ungesagt – dass Sie von vornherein das Recht haben, einen Text an einem Rahmen zu messen, den Sie als geltend voraussetzen. Oder, aus der Perspektive eines solchen Gesprächs: Den Sie dogmatisch als geltend eingeführt haben. Diese Einstellung wird oft verschleiert durch die übermäßige Betonung, man wolle den Autor natürlich ‚stark machen‘ usw. – oder man sei nur dann überzeugt, wenn ein Autor jeden einzelnen Aspekt, der für einen selbst fraglich ist, beantwortet. Schließlich kritisiert man also nichts anderes, als die eigene Differenz zum Text; man kritisiert den Autor dafür, dass er nicht mit einem übereinstimmt und hält ihm vor, dass er es nur dann überzeugend getan hätte, wenn man die eigene Meinung bestätigt gesehen hätte.

Versuchen Sie einmal, einen philosophischen Text ein wenig mehr, als Sie es vielleicht bisher gewohnt sind, wie Literatur zu lesen. Gemeinhin wird Ihnen erzählt: Lassen Sie sich bloß nichts erzählen! Stehen Sie dem Text kritisch gegenüber! Man gewöhnt Ihnen eine quasi ideologiekritische Haltung gegenüber einem Text an, die nichts anderes ist, als die stillschweigende Voraussetzungshaltung einer bereits als geltend angenommenen Perspektive. Lassen Sie sich nicht täuschen, der Text versucht sie nicht zu überrumpeln. Vertrauen Sie sich und dem Text. Die panische Angst, der Text könnte einen in der eigenen ‚noch unsicher schwankenden Meinung‘ (Platon) hinwegreißen, zeigt vielleicht auch ein Defizit in der Lektüreerfahrung auf. Oder haben Sie, wenn Sie J.R.R. Tolkien lesen, danach auch Angst davor, dass sich Orks unter Ihrem Bett verstecken? Sie müssen sich eine Art ‚doppelte‘ Haltung angewöhnen, die genuin philosophisch ist, d.h. die keine andere Disziplin in dieser Weise ausgebildet hat: Sie müssen einen Entwurf, um ihn zu verstehen, erst einmal in seinem Eigenrecht stehen lassen, sich in ihn versenken und lernen, sich gleichzeitig bei dieser Versenkung zu beobachten. Was in der Literaturtheorie des 20. Jahrhunderts als Hermeneutik, Rezeptionsästhetik, Wirkungsästhetik, Dekonstruktion thematisiert wird, das ist im Grunde nichts anderes als das präzise und auf vielfältige Faktoren aufmerksame Lesen von Texten.

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