Einführung in die Lektüre philosophischer Texte – Teil III

Stellen Sie sich vor, Sie hätten einen Text geschrieben, von dem Sie sicher sind, dass er konsistent ist. Nehmen wir an, er ist es tatsächlich. Nun sterben Sie. Ich nehme Ihren Text und verstehe Sie an vielleicht zwei zentralen Stellen falsch. Ich nehme das aber als Beweis dafür, dass Ihr Text inkonsistent ist. Das heißt: Ich kritisiere nicht etwa Ihren Fehler, sondern mein eigenes Missverständnis Ihres Textes. – Frage: Durch welche Autorität ließen Sie sich, wären Sie an meiner Stelle, von Ihrer Überzeugung – die Sie vielleicht überdies berühmt gemacht oder Ihnen zumindest einen lukrativen Job an der Universität verschafft hat – abbringen, dass Sie den Fehler gemacht haben – und nicht der von Ihnen kritisierte Autor? Vielleicht durch einen guten Freund Ihres Autors, der dessen Texte sehr wohl verstanden hat? Und wenn kein ‚Zeuge‘ mehr lebte? Durch die Schüler, die danach drängen, an die Gedanken ihres Lehrers anzuschließen und sie weiterzuverbreiten? Oder durch die Schüler der Schüler, die danach drängen, die inhaltliche Sachfrage des Autors anders oder besser zu beantworten und so versuchen den Autor zu ‚überwinden‘? – Lesen Sie Texte also von vorneherein auf ‚Fehler‘ hin (oder Probleme) – vielleicht aus Angst, der Autor könnte Sie quasi unversehens überrumpeln? – dann vergeben Sie die Möglichkeit, eine Unterscheidung treffen zu können ob Ihre Kritik wirklich die Darstellung des Autors – oder Ihr eigenes Missverständnis betrifft.
Als Leser haben Sie sich dann nie gefragt: Was setze ich als selbstverständliche Grundlage voraus? Was ist für mich ein unhinterfragbarer Horizont? Von wo aus beurteile ich die Gedanken anderer? Und ist das alles schon so klar, wie es scheint? –

Im Hinblick auf philosophische Texte sollte dieser Hintergrund möglichst minimal gehalten werden: (1) Jeder philosophische Text muss für seine Darstellungen und Begründungen Begriffe gebrauchen, die er nicht thematisiert (weil jede ‚Thematisierung‘ durch Begriffe geschieht) und (2) jede philosophische Begründung ist an den Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch gebunden, weil ohne ihn so etwas wie ‚Geltung‘ nicht mehr denkbar ist. Was sich widerspricht ist beliebig oder im Ansatz dogmatisch und kann von jedermann jederzeit zurückgewiesen werden. Natürlich müssen Sie immer einen Verständnishorizont voraussetzen. Aber Sie dürfen diesen Verständnishorizont nicht im Vorhinein zum Geltungshorizont erklären. Der Unterschied zwischen diesen beiden Auffassungen der eigenen Lektürevoraussetzungen ist der Unterschied zwischen einer Position, die nichts (mehr) lernt und einer Position, die etwas lernen kann, weil sie es immer auch noch einmal anders auslegen, in einer anderen Hinsicht betrachten kann. Das bedeutet nicht, das die Auslegung beliebig ist. Sondern: dass die Lektüre sich hinsichtlich des Verständnisses dem anzumessen hat, was im Text steht und nicht umgekehrt. Und dass manche Probleme sich in Luft auflösen, wenn man dieselbe Textstelle erst von einem und dann von einem anderen Blickwinkel aus betrachtet. Dieses Betrachtenkönnen ist gemeint – und nicht ein beliebiges Hineininterpretieren von ‚Meinung‘ in einen Text!

Beachten Sie, dass ‚Kritik‘ zunächst ganz leicht ist: Sie können immer um einen einmal gezogenen Kreis einen anderen Kreis ziehen. Weil Sie immer mehr sehen können als der Text gesehen hat (z.B. die Begriffe, die er nicht mehr thematisiert). Sie können jede systematische Darstellung historisieren (z.B. das Argument „dafür muss man sich einer bestimmten historischen Sprache bedienen“ – übersieht, dass Logik nicht identisch ist mit Sprache). Sie können jede Andeutung von geschichtlicher Kontingenz systematisch rechtfertigen. – Sie können sich auch eines Tricks bedienen und eine Äußerung eines Autors – etwa eine Selbstein- oder überschätzung – einfach zum ‚eigentlichen‘ Anspruch eines Textes erklären.

Warum ich Ihnen nahelege, erst einmal alles, was Sie über den Text zu wissen glauben, einzuklammern (nicht: zu vergessen)? Weil Sie lernen sollen, Ihre eigene Position, von der aus Sie einen Text befragen, mitzudenken, mitzureflektieren.

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2 Kommentare

  1. Gehe völlig d’accord und begehe trotzdem einen der von dir angekreideten Fehler. Ich kritsiere etwas, das der Text selbst gar nicht will. Bzw. genauer kritisiere ich, dass er etwas bestimmtes nicht will. Und dass, obwohl ich weiß, dass es eine der leichtesten und langweiligsten Übungen ist, einem Text vorzuwerfen, dass er etwas nicht thematisiert, weil jeder Text allein schon aus mengelogischen Gründen etwas nicht thematisiert, das zu thematisieren wichtig wäre.

    In diesem Fall fehlt: der Hinweis auf die Möglichkeit nicht-textimmanenter Kritik.
    Das für die Lektüre zunächst einmal gilt: „dass [sie] sich hinsichtlich des Verständnisses dem anzumessen hat, was im Text steht und nicht umgekehrt“ ist völlig richtig, aber kann nur der erste Schritt sein.

    Denn: Ein Text steht nie für sich allein, sondern (und das gilt vor allem für die philosophischen Klassiker) wird immer auch in einem Zusammenhang benutzt, etwa zur Rechtfertigung von Ideen (der Aufklärung, der Menschenrechte, von Recht, von Liebe) und vermittels dessen zur Rechtfertigung und Durchsetzung von Institutionen (der Universität, der Nato, des BVerfG, der Ehe oder der heterosexuellen monogamen Beziehung).

    Im Zuge dessen ist es nicht nur möglich, sondern wird es sogar notwendig, dass kritisiert wrd, dass ein Text beispielsweise bestimmte Personengruppen schlicht und ergreifend nicht mitdenkt oder als minderwertig kritisiert (etwa Frauen, Nicht-Bürger) oder eigene Positionen unverhältnismäßig universalisiert, dass also das rein textimmanente vorgehen an einen Text überschritten wird.

    Nichtsdestotrotz wäre es manchmal wünschenswerter, weil Erkenntnisfördernder, dass ein Text genau gelesen wird, als das erneut aufgezeigt wird, dass er etwa rassistische Stereotype enthält.

    1. Danke für diesen Kommentar. – Ich weiß nicht genau, was ich mit ihm anfangen soll. Auf der einen Seite sagen Sie „Ich kritisiere etwas, das der Text gar nicht will.“ Auf der anderen Seite sprechen Sie davon, dass hier etwas fehlt, dass das, was hier steht, nur der Anfang sein kann, dass das gelten soll: „Ein Text steht nie für sich allein.“ – So kann man also zunächst feststellen: Die vorherige Entschärfung eines Argumentes hinsichtlich der Offenlegung eines ‚Fehlers‘, den man macht, wird genau dann wertlos, wenn man den Fehler danach wiederholt. Das ist ein sophistischer oder rhetorischer Spielzug, keine Argumentation.
      – Sehen wir uns doch gemeinsam die Voraussetzungen an: (1) die hier vorgeschlagene Lektüre „kann nur der erste Schritt sein.“ – Der erste Schritt wohin? In Bezug worauf? Was ist eine ‚Einführung in die Lektüre philosophischer Texte‘ anderes, als die Hinleitung zu ‚ersten Schritten‘? Schon in diesen einfachen Fragen stellt sich mir die Frage nach Ihrem (nicht meinem) Erkenntnisinteresse. Was zeigt: Sie gehen davon aus, dass Ihr Erkenntnisinteresse automatisch meines sein soll. – Gehen wir weiter: (2) es fehle „der Hinweis auf die Möglichkeit nicht-textimmanenter Kritik“. Genau das ist aber die Absicht dieser Einführung: Sie will deutlich machen, dass die Kritik, die von einem außertextlichen Rahmen einen Text kritisiert – nicht-textimmanente Kritik also – schon von einer Welt- und Selbstauffassung aus kritisiert, die sie unter der Hand zu der aller anderen erklärt. Wer philosophische Texte aber nicht einfach nur an sein Welt- und Selbstverständnis anmessen will, sondern wer sie verstehen und begreifen will, der muss sie zunächst (!) textimmanent lesen. Eine solche textimmanente Kritik bleibt dem Text gegenüber fair, denn sie unterstellt ihm nicht einfach die eigenen Überzeugungen als auch von ihm zu teilende Geltungsvoraussetzungen. Interessant ist, dass das, was Sie zugleich inhaltlich vermissen (in ihrer Thematisierung dessen, was ‚fehlt‘), Sie auch operativ tun, mit meinem Text: Sie gehen von der Richtigkeit Ihrer eigenen Überzeugungen aus. Und Sie rechtfertigen diesen Ausgangspunkt, indem Sie einen Hinweis auf die Richtigkeit dieser Möglichkeit einfordern. Strukturell betrachtet begehen Sie also eine petitio principii. – (3) „Ein Text steht nie für sich alleine.“ – Das wird auch nicht behauptet. Aber ich mache eine klare Unterscheidung, in eben jenem Text, den Sie kommentieren: “ Natürlich müssen Sie immer einen Verständnishorizont voraussetzen. Aber Sie dürfen diesen Verständnishorizont nicht im Vorhinein zum Geltungshorizont erklären.“ – Sie verwechseln diese beiden Ebenen, z.B. hier: „Rechtfertigung von Ideen (der Aufklärung, der Menschenrechte, von Recht, von Liebe) und vermittels dessen zur Rechtfertigung und Durchsetzung von Institutionen.“ – Sie glauben an eine historische Asservatenkammer, wo die gemeinsam geteilte Bedeutung ein für alle Mal für alle gesichert vorliegt. Aber diese Asservatenkammer gibt es nicht. Auch Ihre Vorstellung von ‚Aufklärung‘, ‚Menschenrechten‘, ‚Recht‘, ‚Liebe‘, sobald sie als Argument eingesetzt wird, ist nur ein Text, ebenso wie die Texte, auf die Sie sich beziehen. Sie konstruieren unter der Hand eine gemeinsame Bedeutung idealtexttypischer Art für alle Texte der ‚philosophischen Klassiker‘. Sie setzen Ihr Verständnis von Bedeutung für alle anderen – hier: für mich – voraus. Und es kann aber durchaus sein – und es ist sogar wahrscheinlich – dass wir beide nicht dasselbe unter diesen Begriffen verstehen. Dass ich unter ‚Aufklärung‘ etwas anderes begreife als Sie. Und mein Text will Ihnen beibringen, diesen Unterschied zu verstehen: Dass Verstehen nicht gleich Gelten heißt. Dasselbe können Sie in den Texten der ‚philosophischen Klassiker‘ beobachten: Humboldt, Heidegger, Wittgenstein sprechen nicht über denselben Begriff, wenn sie über Sprache sprechen. Sie gebrauchen nur dasselbe Begriffswort, denselben Namen für die Sache, die sie interessiert. Diese Unterscheidung von ‚Name‘ und ‚Begriff‘ ist grundlegend – Sie finden ihn im wesentlichen bei Platon zugrundegelegt.
      (4) „dass ein Text ein … nicht mitdenkt.“ – Dieser Vorwurf ist nur statthaft, wenn Sie mit guten Gründen davon ausgehen können, dass ein Text beansprucht, ALLES über sein Thema gesagt zu haben (z.B. weil er das behauptet). Die allerwenigsten Texte tun das aber. D.h.: Sie konstruieren aus Ihrer Möglichkeit – die Sie vorher ja ‚mengenlogisch‘ durchaus begriffen haben – der Distanznahme zu einem bestimmten, endlichen, jeweiligen Text einen Vorwurf an den Text, nicht auch ihr Verständnis mit eingeholt zu haben. Und auch wenn Sie z.B. mit verdeckteren All-Quantoren wie ‚man‘ oder ‚es ist‘ formulieren, bleibt es doch ein absurder Vorwurf an einen Text, nicht alles über ein Thema gesagt zu haben. Wenn aber ein Text explizit seine Sichtweise „unverhältnismäßig verabsolutiert“ und Sie kritisieren das – dann ist Ihre Kritik ja wieder textimmanent, nicht wahr ;-)?

      – Sie machen also nicht nur einen, sondern zwei Fehler: Sie verabsolutieren Ihre Sichtweise – und Sie werfen dem Text automatisch vor, seine Sichtweise zu verabsolutieren. Und genau gegen eine solche Herangehensweise ist meine Einführung gerichtet – weswegen ich das ‚völlig d’accord‘ nicht verstehen kann. Der Witz an dieser Einführung ist aber: dass man sie einnehmen KANN, nicht: dass man sie einnehmen MUSS. Ein Großteil der philosophischen Kommentarliteratur arbeitet so, wie Sie es einfordern und auch tun. Lassen Sie es mich einmal so ausdrücken: Es gibt Gründe dafür, wieso nach 2500 Jahren Analyse und Kommentar immer noch Forscher daran glauben, Platon hätte an ‚Ideen im Ideenhimmel‘ geglaubt. Dogmatismus ist – per se – hervorragend tradierbar…
      Ich hoffe, Sie verstehen meine Kritik als Hinweis darauf, dass es um eine Frage der ‚Haltung‘, der ‚Einstellung‘ zu einem Text geht – und nicht um die Verabsolutierung einer Lektürehinsicht und eine Verunmöglichung kritischer Theorie. Daher ein Vorschlag: Jede kritische Theorie geht auf operative Voraussetzungen eines Textes, auf seine Geltungsvoraussetzungen. Das kann auch ontologische Züge annehmen – z.B. als ‚Produktionsverhältnisse‘, ‚Unbewusstes‘, ‚Sprachsystem‘ – aber die Logik bleibt die gleiche: In einem Text werden Voraussetzungen kritisiert. Und ich will sagen: Es ist wichtig – auch für die Reliabilität der Kritik wichtig – zu unterscheiden zwischen den eigenen Voraussetzungen – und denen des Textes.

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