Kants Kategorischer Imperativ – die Kurzfassung zum Mitnehmen

Kants Konzept des ‚Kategorischen Imperativs‘ aus der Grundlegung der Metaphysik der Sitten und der Kritik der praktischen Vernunft gehört zu den bekanntesten und zugleich häufig missverstandenen Philosophemen von Kants Philosophie (wie auch z.B. das ‚Transzendentale Ego‘ oder das ‚Ding an sich‘). – Deswegen hier einmal der Versuch, das Argument, ein wenig gestaucht, zum Mitnehmen zu reformulieren:

Das Ganze basiert auf einer Einsicht der praktischen Vernunft, einer ‚Interpretation‘, wenn man so will, der Vernunft durch die Vernunft: Weil wir vernünftig sein können, sollen wir es auch, weil wir wissen können, dass wir es können. Andernfalls würden wir uns freiwillig in die irrationale Dunkelheit begeben (und das will ja keiner… oder?)

Zunächst ein paar Grundüberlegungen: Eine Definition (de-finitio) ist eine Begrenzung von etwas, das in seiner Abgeschlossenheit und in seinen wesentlichen Eigenschaften benannt werden kann. Menschliches Handeln ist per se (als ‚praxis‘) zunächst ein Vollzug und daher nur im Nachhinein de-finierbar (eine Handlung war so-und-so, das-und-das). Auch wenn wir aus einem solchen Pool von Bedeutungen üblicherweise auch zukünftiges Handeln beschreiben, hält das keiner philosophischen Kritik stand (weil sonst die Grundlage menschlichen Handelns, die notwendige Annahme menschlicher Freiheit als seine Voraussetzung, in Frage gestellt würde = reflexiv inkonsistent oder performativer Widerspruch). Davon ausgehend:

… müssen wir etwas finden, was allen Handlungen – vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen – insofern sie Handlungen sind notwendig zugesprochen werden muss, sofern (!) diese Handlungen außerdem moralisch bewertbar sein sollen. Was wir aber allen Handlungen zusprechen müssen ist eine ‚Richtung‘, die sich in einem bestimmten Willen äußert. D.h. um eine Handlung moralisch zu bewerten, müssen wir unterstellen, dass mit Ihr eine Absicht verbunden ist. Diese Absicht ist allerdings, wie die Handlung als abgeschlossene Handlung selbst, nur im Nachhinein bestimmbar, wenn überhaupt. Also muss ein moralischer Imperativ grundsätzlich die Form eines kategorischen Imperativs annehmen, d.h. eines Imperativs für jede mögliche (denkbare) Handlung, sofern (!) es möglich sein soll, sie moralisch zu bewerten. Der Imperativ betrifft also die (logische) Bedingung der Möglichkeit jeglicher Handlung. Da wir aber von allen möglichen Absichten sprechen, können wir nun nicht jede einzelne Absicht durchgehen. Wir brauchen etwas, von dem unser konkretes Handeln als im Vorhinein richtig ausgeht, etwas, an dem es sich orientiert. Wir brauchen eine Handlungsmaxime, d.h. eine Hinsicht auf die Handlungsabsicht, als denjenigen Aspekt einer Handlung, in dem eine Übereinstimmung oder Vollkommenheit mit den eigenen Überzeugungen und Interessen angestrebt wird. Wenn ich handle, dann äußert sich in diesem Handeln eine bestimmte Absicht, die ich dadurch rechtfertige, dass ich mich auf eine bestimmte Überzeugung berufe, von der ich der Meinung bin, dass sie richtig und anerkannt ist. Das ist die Maxime der Handlung.

Wir dürfen dabei nicht vergessen: Kant geht es nicht um eine Ontologie menschlicher Handlungen oder um das bloße Aufstellen von moralischen Vorschriften. Sondern es geht ihm darum, den Menschen – das sind wir, seine Leser – vermittels einer Argumentation den Grund einsehen zu lassen, warum und wie moralische Urteile über menschliche Handlungen vernünftig rechtfertigbar sind. Seine Argumentation diktiert nicht, sie argumentiert. Das einzige echte Postulat, von dem sie ausgeht, ist, dass der Mensch die Welt als vernünftig eingerichtet, als zweckmäßig betrachten kann. Es geht ihm also um die logische Begründbarkeit von moralischen Urteilen.

Das bedeutet: (1) der kategorische Imperativ besteht nicht in einem einzelnen Satz (sowenig, wie der grammatische Imperativ auf „geh!“ oder „sitz!“ reduziert werden kann), sondern in der Struktur der Rückwendung der Vernunft auf sich selbst in kritischer Absicht: wenn ich wissen will, ob meine Handlung gut war, dann kann ich mich auf sie hinsichtlich dessen zurückwenden, was für sie, unabhängig von ihrem konkreten Vollzug, aus Vernunftgründen gelten soll. (2) Deswegen sind in den folgenden Formulierungen des kategorischen Imperativs auch die ‚Maxime‘, der ‚Wille‘ (die Handlungsabsicht) und das ‚zugleich‘ wichtig: Das ‚zugleich‘ bedeutet: Dein einzelnes, konkretes Handeln soll zugleich (im selben Zug, in derselben Bewegung) auf sich selbst in bestimmter Weise reflektieren:

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

„Handle nach der Maxime, die sich selbst zugleich zum allgemeinen Gesetze machen kann.“

Wichtig ist: Es handelt sich hier nicht nur um Handlungsanweisungen, sondern auch um die philosophische Begründung von Kriterien zur Prüfung des eigenen Handelns. Wenn man sein eigenes Handeln moralisch prüfen will, dann indem man sich fragt, ob die Maxime des eigenen Handelns es für einen selbst erlaubt, dass sie – für einen selbst und jeden anderen – allgemeines Gesetz werde. Die Maxime ist hier das Reflexive: Durch sie wird etwas als etwas gerechtfertigt (wichtig: wird gerechtfertigt, nicht: ist schon gerechtfertigt!). Das was das bestimmt, was gerechtfertigt wird, ist der Wille. – Also: man reflektiert auf die eigene Handlungsabsicht – man reflektiert auf den Aspekt der eigenen Handlungsabsicht, welche die eigenen Überzeugungen betrifft (Maxime), also das, was man an ihr für verallgemeinerbar hält. – Man reflektiert schließlich hypothetisch darauf (‚zugleich‘), ob die Absicht, die Maxime der eigenen Handlung als allgemeines Gesetz zu wollen, das also dann auch für einen selbst noch gelten, einem selbst vorgeschrieben werden könnte von anderen, mit dem Vernunftinteresse (Übereinstimmung, Vollkommenheit, Vollständigkeit usw.), d.h. mit dem Postulat, dass die Welt vernünftig eingerichtet sein soll, übereinstimmt. Verglichen wird also die Verallgemeinerung der Maxime einer Handlung damit, ob sie hinsichtlich des eigenen Wollens als vernünftig eingesehen oder als unvernünftig verworfen werden muss. D.h.: Man kann jederzeit auch unmoralisch handeln. Aber man kann dieses Handeln dann nicht mehr vor anderen vernünftig rechtfertigen.

Wie man sieht, ist damit eine Reflexion, eine Rückwendung auf das eigene Handeln angesprochen. Und in dieser Rückwendung wird dafür argumentiert, dass allein der Ausgang von einem Vernunftinteresse die Begründbarkeit der eigenen Handlungen in moralischer Hinsicht ermöglicht – aber dass, wenn von einem solchen Vernunftinteresse ausgegangen wird, das Argument zwingend ist. Das ‚Vernunftinteresse‘ ist dabei nicht irgendetwas Metaphysisches, sondern das, was wir alle kennen: wir haben ein intrinsisches Interesse daran, dass eine Aussage nicht widersprüchlich ist, wenn sie eine Behauptung aufstellt, die für alle gelten soll oder dass etwas nicht alleine dadurch wahr ist, weil es gesagt oder gemeint wird. Wir streben danach, dass unser Denken mit sich und mit anderen übereinstimmt – und noch jeder Skeptiker oder Relativist strebt diese Übereinstimmung hinsichtlich der Anerkennung der Unmöglichkeit einer Übereinstimmung an. – Wir haben ein Interesse daran, dass Alles gesagt wird; wir streben nach Vollständigkeit; wir streben nach einer Befriedigung in unserem Fragen und Streben, danach, im Denken zur Ruhe zu kommen. Noch der zynischste oder polemischste Kommentar will etwas anderem ein Ende setzen, will seine eigene Sichtweise durchsetzen, sobald er öffentlich beachtet werden will. Wir wollen schließlich, dass die Welt einen Zusammenhang für uns besitzt, dass wir uns in ihr orientieren können. Dieses Interesse ist es, was Kant voraussetzt. Und dass Handeln eine Absicht hat und einer bestimmten Maxime folgt. –

Mit dem kategorischen Imperativ wird die moralische Instanz in den Bereich der Vernunft (des vernünftigen Nachdenkens) jedes Einzelnen verlegt. Und weil wir Handlungen zwar nur nachträglich beurteilen können, aber wir eine solche Nachträglichkeit uns in Bezug auf eine bestimmte Handlung vorstellen können und weil wir sie uns nicht nur hinsichtlich ihrer Bestimmtheit ansehen, sondern auch hinsichtlich der Maxime, die sie in Anspruch nimmt und diese Maxime beurteilen – können wir auch unsere möglichen Handlungen moralisch beurteilen. Um mehr geht es nicht. – Die Voraussetzungen und Grenzen dieser Argumentation der praktischen Vernunft sind deutlich: Man muss sein eigenes Handeln realistisch einschätzen können wollen und nicht unter dem Eindruck irgendeiner Ideologie handeln. Ausgangspunkt ist eine rationale Begründung, keine ontologische Einschätzung. – Wer sich ansehen möchte, wie Kant den Menschen auch gesehen hat, der werfe einen Blick in die Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, entstanden aus Vorlesungen, die Kant während der knapp 25 Jahre der Niederschrift eines kritischen Programms gehalten hat. Dort – und nicht in der prinzipiell logisch angelegten Kritischen Philosophie Kants – findet sich all das, was den Menschen in seinen Niederungen und Pathologien ausmacht: Rachsucht, Machtspiele, geistige Krankheiten, unbewusste Motivationen, das soziale Spielen mit Rollen und Höflichkeiten, Egoismus und Modegeschmack.

Advertisements

7 Kommentare

  1. Ich finde das Abstellen auf die Reflexion bei der Betrachtung des KI sehr fruchtbar. Dies ist in der Literatur bisher zu kurz gekommen. Der einzige der mir einfällt, welcher genau den Weg geht, den du hier gehst, ist: Klaus Steigleder, Kants Moralphilosophie, Stuttgart 2002. Wenn du dieses Buch noch nicht kennst, kann ich es wärmstens empfehlen. (Es versucht Kants praktische Philosophie reflexionslogisch zu begreifen und kommt zu tollen Ergebnisen. Vor allem die reflexionslogische Betrachtung der hypothetischen Imperative hat mich überzeugt.)

    Ich stimme zudem mit dir damit überein, dass Ausgangspunkt des KI die Intentionalität menschlichen Handelns ist, bin aber der Überzeugung den Schwerpunkt weg von der Universalisierungsformel auf die Zweck-an-sich Formel zu verlagern und letztere als Ausgangspunkt zu nehmen. Dort erklärt Kant was denn immer der materiale Zweck unserer Handlung ist bzw. woran wir notwendig Interesse nehmen müssen, nämlich am autonomen verünftig-sinnliche Wesen. Die Ableitung des KI würde ich von dieser Stelle aus angehen. Am Anfang steht mE. der absolute Wert des Menschen, durch die Reflexivität dieser Annahme, werden wir genötigt auch den Wert anderer Menschen anzuerkennen. Damit werden wir erst zur Formel der Allgemeinheit, über den Weg des „Reiches der Zwecke“ genötigt.

    Im Ergebnis stimme ich dir also vollkommen zu, setze aber den Schwerpunkt anders.

    Viele Grüße
    Norman

  2. Vielen Dank für Deine Antwort. – Ich denke, ich muss hier etwas erklären: Zunächst kenne ich Steigleder sehr gut, denn ich habe in Bochum (auch) bei ihm studiert. Allerdings denkt er Kant v.a. im Schema von Gewirth, womit freilich ein bisschen Reflexionslogik mit im Spiel ist, was z.T. so ähnlich aussieht wie bei mir. Steigleder hat freilich wenig Ahnung bezüglich der früheren Formulierungen der reflexiven Struktur dessen, was Kant dann „K. I.“ genannt hat, so bei Aristoteles oder bei Spinoza. Deswegen argumentiere ich hier nicht kantianisch, sondern erkläre aus einer operational aufmerksamen textimmanenten Lektürehinsicht (s. „Willkommen“), wie das Gesamtgebilde logisch funktioniert.

    Wenn ich hier von „Reflexion“ spreche, dann meine ich nicht den reflexionsphilosophischen Begriff von „Reflexion“, sondern eine logische Rückwendung und Rückbezüglichkeit. Das hat mit einem Vermögen, das in uns wohnt, nicht viel zu tun, sondern ist viel mehr wie eine Praxis zu verstehen (das kann man auch mit Kant so sehen, vgl. die Auseinanderlegung des Unterschieds von logischer und transzendentaler Reflexion im Amphibolienkapitel der KrV) – eine Praxis der Rückwendung auf den eigenen Logos, der z.B. in der KrV „Erkenntnis“ und hier eben „Handeln“ heißt. Heißt: Ich versuche Kant, von Kant her reflexionslogisch zu begreifen und das geht auch ganz gut.

    Ehrlich gesagt würde ich auch nicht sagen, dass die „Intentionalität“ der „Ausgangspunkt“ Kants ist. Sondern: Er hat eine Frage bzw. ein Problem – nämlich: wie kann ich Kriterien für die Bewertbarkeit jeglichen menschlichen Handelns begründet angeben (und ihre Begründbarkeit, s.u.) – und um diese Frage zu beantworten bzw. das Problem zu lösen geht er aus von dem, was in jedem Handeln a priori vorausgesetzt werden muss: Dass von jemandem gehandelt wird – das auf bestimmte Weise gehandelt wird – dass es ein Telos des Handelns gibt – dass sich das Handeln schließlich an bestimmten Überzeugungen orientiert. Mir geht es um die Erläuterung der hier spielenden Mechanik: die Universalisierungsformel ist hier nur ein BEISPIEL, das für alle anderen steht – insofern nehme ich sie also nicht „als Ausgangspunkt“, sondern zeige an dieser Formel, was reflexionslogisch auch für alle anderen – auch die „Zweck an sich“-Formel – gilt. Ich stelle keine Hierarchie zwischen den Formeln auf, weil ich das unsinnig finde und weil mich das auch nicht interessiert – jede Formel ist letztlich nur eine bestimmte Hinsicht (oder von mir aus „Manifestation“, Auslegung), die eben die logische Struktur des reflexiven Postulats verwirklicht, die Kant „Kategorischer Imperativ“ nennt. Je nachdem, worauf Dein Handeln gerichtet ist, ändert sich eben auch die Formel – weil das Dingen reflexiv ist, also die Rückbezüglichkeit sich immer zwischen dem Worauf und dem Worin bzw. dem Woher ergibt. Erst in einer späteren, inhaltlichen Auslegung, wie Du sie vorzunehmen scheinst, kann man dann den Schwerpunkt auf „den Menschen“ legen, was sich mit Kant auch durchaus plausibilsieren lässt (allerdings muss man dazu dann immer die Anthropologie lesen…).

    Daher ist das hier auch keine „Ableitung“. Einen reflexionslogischen Satz kann man nicht „ableiten“ (auch wenn Steigleder das versucht), sondern man kann ihn nur „explizieren“ – und zwar nachträglich, in Aufmerksamkeit auf die Bedingungen der Möglichkeit/operativen Voraussetzungen. Das stellt einfach – zudem aus einer möglichen, nicht aus der einzig möglichen – Sicht dar, wie der KI funktioniert. Nichts weiter.

    Der „absolute Wert des Menschen“ ist, gemäß der GMS, eine Chiffre für ein reflexives Begründungspostulat, das freilich so einfach, wie Du es darstellst, nicht gesetzt wird. Wäre dem so, dann brauchte man ja gerade keinen KI mehr, denn dann kann man auch Pico oder Spinoza heranziehen. – Pico: „Die essentia des Menschen ist, dass er keine bestimmte essentia hat – und so frei ist, sich entwerfen zu können“, woraus – reflexiv – folgt, dass dieses Postulat nur dann gilt, wenn es für alle Menschen gilt – woraus sich ein KI ergibt. – Spinoza: „Die notwendige Natur des Menschen, ist Mehr-Sein-Können“ . woraus sich – reflexiv – wieder ein KI ergibt usw. – Kant formuliert diese reflexive Struktur auch, in der KpV, als Begehrensstruktur, die im Grunde sehr aristotelisch und spinozistisch ist (aus komparativer Sicht):

    (A 17 Anm.) „Leben ist das Vermögen eines Wesens, nach Gesetzen des Begehrungsvermögens zu handeln. Das Begehrungsvermögen ist das Vermögen desselben, durch seine Vorstellungen Ursache von der Wirklichkeit der Gegenstände dieser Vorstellungen zu sein. Lust ist die Vorstellung der Übereinstimmung des Gegenstandes oder der Handlung mit den subjektiven Bedingungen des Lebens, d.i. mit dem Vermögen der Kausalität einer Vorstellung in Ansehung der Wirklichkeit ihres Objekts (oder der Bestimmung der Kräfte des Subjekts zur Handlung, es hervorzubringen).“

    Lust ist die Vorstellung davon, dass man selbst durch sich selbst Ursache der Verwirklichung von etwas ist. Darin liegt eine weitere reflexive Pointe, die Kant vom „Leben“ her denkt. Das ist kein Wunder, denn „Leben“ ist hier einfach „Möglichkeit-zur-Verwirklichung“. Du siehst: Das Thema ist bei Kant, auch operativ, in verschiedenerlei Ausführung da.

    Kurz: Ich habe ein anderes Erkenntnisinteresse als Du mir unterstellst (nur eine Feststellung, kein Vorwurf). Und ich glaube, dass Kant hier den Leser reflexiv mit einbezieht, wodurch der „absolute Wert des Menschen“ von dem (vermeintlichen) Anfang weiter nach „innen“ rutscht, als Auslegung eben der reflexiven Bewegungen, die man – mit Kant – bis dahin vollzogen hat. Reflexionslogisch ausgedrückt: Das Postulat ist nachträglich das, was vorträglich auch noch seinen eigenen Entwurf möglich gemacht hat (ohne andere Entwürfe zu verunmöglichen). Das ist ein bisschen anders als bei Steigleder, auch weil es die gesamte Philosophie im Rücken hat und nicht nur den Kant, der für die KpV und die GMS wichtig ist (Steigleder ist da leider sehr monothematisch). – Aus meiner Sicht geht es Kant auch nicht um so etwas wie die „moralische Ontologie“ des Menschen – wie bei Pico und Spinoza (et al.) – sondern um viel mehr: Es geht darum, den Leser in den Stand zu versetzen, FÜR SICH diesen reflexiven Beweis durchzuführen. Kürzer: Es geht Kant nicht so sehr darum, für alle schon festzustellen, was „gutes Handeln“ ist, sondern: Es geht Kant mehr darum, den Leser selbst in den Stand zu versetzen, diese Beurteilung auf der Basis von Kants gegebener Begründung – und reflexiver Rechtfertigung dieser Begründung – durchführen zu können. Die Ethik Kants ist nicht eine Begründung moralischen Handelns, sondern sie ist propädeutische Begründung der Begründbarkeit moralischen Handelns. Diese Dimension ist außerordentlich wichtig.

  3. Servus,

    ich freu‘ mich ja, daß ich manchmal noch gute Texte auf Blogs entdecke 🙂

    Aber ich frag‘ mich eine Sache, die vielleicht banal ist, aber mir nicht klar wird: Wenn ich Handlungen und Absichten nur im Nachhinein beurteilen kann, wie kann ich dann Maximen, welche sich auf Handlungen oder Absichten beziehen, im Vorhinein beurteilen? Ich hab‘ den Text mehrfach gelesen, es würd‘ mich freuen, das nochmal klarer zu bekommen.

    Grüße,

    Jim

    1. Danke für Deine Frage, Jim. – In ihr steckt schon die Antwort: Nachträglich ist die moralische Beurteilung einer konkreten Handlung und einer konkreten Absicht. Wir können aber auch unser Handeln planen, d.h. wir können unser Handeln so einrichten, dass unsere Absicht sich an einer Maxime orientiert, die dem KI gerecht wird. D.h.: Das konkrete moralische Urteil – „Handlung x war gut“ – ist nachträglich; da aber alle Handlungen etwas gemeinsam haben – eine Absicht – kann ich im Bezug auf diese Gemeinsamkeit einen Imperativ formulieren, der über die Maxime JEDE mögliche Absicht – und d.h. auch zukünftige – betrifft. Heißt: „im Nachhinein“ bedeutet nicht, dass wir blind handeln und dann erst wissen, was „gut“ war. Sondern: dass wir eine konkrete Handlung im Vorhinein qua Absicht orientiert an einer Maxime so einrichten können, dass wir es im Nachhinein als „gut“ bewerten können. Kant gibt und quasi das Kriterium selbst in die Hand; er sagt nicht, was „gut“ ist, sondern er sagt, wie wir unsere Handlungen so orientieren können, dass „gutes“ Handeln nicht abhängig ist von äußeren Faktoren oder Mehrheitsverhältnissen, sondern von der Orientierung unserer Absicht im Hinblick auf die Maxime – völlig egal, was unsere Absicht sei. – Nachträglich: konkrete Handlung, konkrete Absicht; Vorträglich (praktisch transzendental): Handlung überhaupt (man kann nicht nicht handeln), Absicht überhaupt (jede moralisch beurteilbare Handlung hat eine Absicht). – Jetzt klarer?

  4. Servus,

    danke für die Antwort. So ganz klar ist‘ immer noch nicht. Denn mir fehlt irgendwie der Übergang von Absicht im allgemeinen zur konkreten Absicht. Wenn meine Absicht wirklich nur im Nachhinein klar ist, dann schenits‘ mir so zu sein, daß ich zwar wissen kann, welche Handlungen überhaupt gut sein kann. Aber ich weiß nicht, ob meine Handlung darunter fällt. Oder seh‘ ich das falsch?

    Das ist ein bisschen so wie vor Gericht, oder nicht? Ich werd‘ auch nur verurteilt für Dinge, die getan wurden. Aber ich kann mir manchmal sehr unsicher sein, ob ich mich nicht gerade strarfbar mache. Möglicherweise entscheidet sich das erst nachträglich.

    Also meine Frage wäre dann: Gibts da nicht so eine gewisse Grauzone?

    Jim

    1. Ich glaube, Du verwechselst logische Argumentation mit psychologischer Beschreibung. Es gibt keinen „Übergang“ zwischen „Absicht im Allgemeinen“ und „konkreter Absicht“. „Absicht im Allgemeinen“ ist keine Absicht, sondern ein Begriff dafür, dass jede Handlung eine Absicht hat. Kant geht es um die Begründbarkeit von Ethik. Und dafür muss er sich auf etwas stützen, das für JEDE Handlung gilt, WENN sie moralisch beurteilbar sein soll. Und das, was in dieser Hinsicht für jede Handlung gilt, ist, dass sie eine Absicht hat.

      Deine Handlung ist dann „gut“, wenn die Maxime Deiner Handlung dem Postulat der Vernünftigkeit der Welteinrichtung nicht widerspricht. Das ist ein reflexives Kriterium. Es ist also genau umgekehrt: Du kannst wissen, ob Deine Handlung darunter fällt – aber so etwas wie eine „Menge aller guten Handlungen“ gibt es nicht. Es gibt nur die Handlung und ihre Beurteilung. Und sofern die Beurteilung sich auf etwas stützt, was für alle Handlungen gilt, sofern sie moralisch beurteilbar sein sollen, hast Du ein Kriterium, mit dem Du selbst entscheiden kannst, ob Dein Handeln gut oder schlecht ist. Und dieses Kriterium ist deswegen eines, das Du mit allen anderen teilen kannst, weil eben auch für alle anderen gilt, dass ihre Handlungen, sofern… usw., Absichten haben. – Kurz: Alle Leser von Kant werden von Kant in den Stand versetzt, aus Vernunftgründen ihre eigenen Handlungen durch ein intersubjektiv geteiltes Kriterium beurteilen zu können – und diese Beurteilung und dieses Kriterium auch noch vernünftig begründen zu können.

      Also nein: Es gibt keine Grauzone. Weil es sich um ein transzendentales Argument handelt, also eines, das die Bedingung der Möglichkeit jeder Handlung und die Bedingung der Möglichkeit jedes Urteils betrifft.

      Aber: Kants Argument bezieht sich nur auf die Grundlage jeglicher Ethik. Die inhaltliche Ausformung, die sich in einer Gesellschaft in impliziten Wertvorstellungen und expliziten Regeln bis hin zu Gesetzen sedimentiert, ist dadurch nicht irgendwie „ausradiert“. Es geht um den Begründungsaspekt, nicht um eine vollständige Ausschöpfung. – Versuche es Dir so vorzustellen: Du kannst in jeder Situation beschreiben, was Du siehst – aber die Voraussetzung dafür ist, dass Du Dich, egal worauf Du Dich beziehst, immer irgendwie beziehst. Und auf DIESER Ebene findet das Argument statt.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s