Klagelied über die akademische Philosophie in G-Moll

In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich die Philosophie aus einem ihrer Kernbereiche zurückgezogen. Dieser Kernbereich war gekennzeichnet durch Vokabeln wie Textualität, Hermeneutik, Dekonstruktion und betraf vor allem philosophische Überlegungen zur Literatur, zu Ästhetik und Rhetorik, zur Philosophie als Text. Das heißt nicht, dass in den letzten zwei Jahrzehnten auf diesen Gebieten philosophisch nichts geschehen ist. Aber die Philosophie hat ihren Anspruch auf eine Deutungshoheit, auf Begriffsarbeit und auf die (kritische) Reflexion regionaler Geisteswissenschaften weitestgehend eingebüßt. Das Vakuum, das die Philosophie hinterließ, als sie sich auf ihre Geschichte und bald nur noch auf ihre Geschichte besann, wurde besetzt von jungen, aufstrebenden Disziplinen wie Medienwissenschaft und Theaterwissenschaft, vor allem aber von einer selbstbewussten und wichtige philosophische Topoi zu ihren Zwecken transformierenden Literaturwissenschaft. Wir sind der Überzeugung, dass mit diesem Rückzug der Philosophie aus ihrem hermeneutischen Hoheitsgebiet, wie es Mitte bis Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts noch gefördert und bearbeitet wurde, wertvolle neue und freie Konzepte der Welt- und Selbstdeutung entstanden sind. Die andere Seite dieser Entwicklung ist aber, dass durch die Fragmentierung des theoretischen Diskurses in eine Vielzahl von Post- und Neo-Theorien und in eine noch größere Zahl an Methoden, die genuin philosophische Frage nach der denkenden Rechtfertigung theoretischen Entwerfens in den Hintergrund, ja lokal in die Vergessenheit gerückt ist. Das meint die den Kulturwissenschaften vorgeworfene ‚Beliebigkeit‘, die dem freien Entwurf einer Perspektive, einer Sicht, einer ‚theoria‘ den Vorrang vor ihrer theoretischen Durchdringung und Prüfung im Logos durch eine als repressiv empfundene Philosophie den Vorrang gibt.

Was wir in der heutigen akademischen Philosophie wahrnehmen ist aber ein ganz anderes Bild als das, was von den Kulturwissenschaften zur Legitimation ihrer theoretischen Freiheit, in gewissermaßen negativer Idealisierung, von der Philosophie als Repressionsmacht gezeichnet wurde. Seit den Überwindungsbewegungen der französischen Theorie Anfang der 60er Jahre, seit den philosophisch-literarischen Experimenten, in denen sich intellektuell die soziale Unruhe dieser Zeit spiegelte, ist beinahe ein halbes Jahrhundert vergangen. In dieser Zeit ist die kritische Theorie, wie sie sich in den freien Entwürfen der Kulturwissenschaften ausdrückt, selbst bereits zu einer mächtigen, zu einer diskursmächtigen Tradition geworden. Mit der Instrumentalisierung kritischer Impulse zur stetigen Wiederbelebung – in den 70ern Wissenschafts- und Sozialkritik, in den 80ern Geschichtskritik und Kritik der Humanwissenschaften, in den 90ern Machtkritik, aktuell Kritik der Produktion und Reproduktion – hat diese Bewegung zugleich den kritisch-philosophischen Blick auf diese kritischen Theorien selbst beinahe verunmöglicht. Die akademische philosophische Rezeption begann mit ihrer eigenen Vergangenheit (und Vergangenheitsverhaftung) zu hadern – und verlegte sich auf’s Eigenteil, legte sich auf einen Kanon fest und festigte ihre Weltanschauungen. Es gibt bis heute keine kritischen Kommentare zu den immer wieder zitierten Grundwerken der Kulturwissenschaften, keinen historisch-kritischen Kommentar zu Foucaults Archèologie du Savoir, keinen historisch-kritischen Kommentar zu Derridas La Grammatologie, keinen historisch-kritischen Kommentar zu Lacans Seminaren, in deutscher Sprache. Das Spiel des Textes und das Spiel mit dem Text, das Experimentallabor der französischen sogenannten ‚Poststrukturalisten‘, so innovativ es vor einem halben Jahrhundert erschien, hat sich verselbständigt und reihenweise ratlose und zum Teil sogar uninformierte Kommentatoren im philosophischen Diskurs zurückgelassen, die sich durch wichtige philosophische Texte der Spätmoderne bewegen wie durch Kriegsruinen. Dabei wird immer wieder vergessen, dass diese Philosophen in der Tradition von Marx und Freud, Nietzsche und Heidegger, dass die Foucault, Derrida, Lyotard, Deleuze, Lacan, Badiou, Serres u.v.m. alle ihre philosophischen Studien bereits hinter sich hatten, als sie ihr eigenes Denken versuchten in Experimenten zu entwickeln. Das waren (und sind) keine theoretischen Halodris, keine dahergelaufenen Dampfplauderer, sondern Denker, die versucht haben – mit Wittgenstein gesprochen – gegen die Grenzen der Sprache, der Erfahrung, der Logik anzurennen, gegen alles das, was in der von sich selbst verzauberten Philosophie als unbefragte Grundlage angenommen wurde und wird. Viele von Ihnen haben dabei vor allem antike Denkfiguren erneuert und wiederbelebt, von der Sophistik über die Stoa, von Platon bis Augustinus reichen die z.T. mutigen, z.T. auch waghalsigen Relektüren der französischen Philosophie.

Foucaults Auseinandersetzung mit Kant und Hegel, Derridas Untersuchungen zu Husserl, Lyotards und Lacans Schriften zu Kant, zur Sprachphilosophie, zur Problematik von Imagination und Macht, Deleuzes Schriften zu Leibniz, Nietzsche, Bergson, Proust und Hume zeigen allesamt, dass diese angeblich ‚unverständlichen‘ Philosophen beides beherrschten, die Tradition ebenso, wie das Experiment. Das Letztere macht nur vor dem Hintergrund des ersteren Sinn; und so lässt sich feststellen, dass ein eklatanter Mangel der heutigen Kulturwissenschaften, der Lacanianer, Badiouianer, Foucauldianer, der Dekonstruktivisten, Postfundamentalisten, Neomarxisten usw. darin besteht, vor der Kür des Experiments die Pflicht der genauen und jahrelangen Beschäf-tigung mit der Tradition schlicht vernachlässigt zu haben. Dieser Befund gilt nicht nur für Studierende, er gilt ebenso für anerkannte Forscher und Lehrstuhlinhaber. Ironischerweise entspricht der Zustand der Theorie genau dem Bild, was von der sogenannten ‚Globalisierung‘ gezeichnet wird: Eine dezentrale Deutung von Welt, eine Fragmentierung der Idee, eine Streuung des Geistes – zugleich mit einer Monokulturalisierung der ‚wichtigen Themen‘ und einem jahrelangen Kulturkampf um ökonomische Ressourcen. Die philosophische Welt beginnt, sich von ihrer Tradition abzusetzen, als bräuchte jede extreme Bewegung eine extreme Gegenbewegung. Die philosophischen Leser werden weniger oder sterben ganz aus; die Aufmerksamkeit – und die Aufmerksamkeitsspannen – reichen nicht mehr, um einen Text zur Gänze zu lesen und zu diskutieren. Studierende der Geisteswissenschaften hören teilweise ganz das Lesen auf, als handle es sich um bloß inhaltliches Wissen, als handle es sich nicht um eine Praxis, eine Übung, ein laufendes Gespräch, das von der Achtung und der Redlichkeit und der Pflicht zur genauen und engagierten Lektüre lebt.

Ganze Zweige der akademischen Philosophie kennt die Philosophen, auf die sie herablassend hinunterschauen – als auf ‚Metaphysiker‘, ‚bloße Literatur‘, ‚bloß historisch bedeutsame Texte‘ – selber nur noch vom Hörensagen – oder, wie Ihre Schriften rückschließen lassen, aus einer eher kursorischen und stark durch unreflektierte Erwartungen aufgeladenen Lektüre. Wer so bei Kant Aufschlüsse über den ‚menschlichen Kognitionsapparat‘ und ‚mentale Repräsentationen‘ erwartet; wer Aristoteles und Platon nur noch ‚wissenschaftsgeschichtlich‘ aufarbeitet, wer 2500 Jahren logischen Denkens aus der eigenen, schmalen Perspektive einer bloß formalen, generalisierenden Logik ‚Ungebildetheit‘ und ’schlechte logische Ausbildung‘ vorwirft, der muss sich nicht wundern, wenn alsbald die eigenen Fragen zu einem scholastischen System des immer Gleichen verkommen. – Es wäre so einfach: Das eigentliche Hauptengagement im Philosophiestudium ist die Lektüre, nicht die teilnahmslosen Diskussionen im Proseminar. Und diese Diskussionen sind teilnahmslos, weil die Studierenden sich nicht mehr für die Auseinandersetzung mit der Philosophie interessieren. – An vielen Unis wird nicht mehr Philosophie, sondern Rhetorik und Sophistik und Metaphysik mittelalterlichen Ausmaßes gelehrt und gelernt. All das wird gedeckt durch eine an maximaler Selbstüberschätzung leidenden Selbstgerechtigkeit Texten gegenüber, die man nicht mehr kennt. Latein und Griechisch werden abgeschafft; diejenigen Fächer, wie die Sprachwissenschaften und verschiedene historische Wissenschaften, die uns so etwas wie ‚Geschichte‘ als reflektierten Horizont unseres Welt- und Selbstverständnisses ermöglicht haben, werden abgewickelt. Die Wüste wächst und mir ihr die leeren Stellen auf der Landkarte unserer Möglichkeiten. Wir verbauen uns nicht nur die Zukunft – durch beharrliche Ignoranz hinsichtlich unserer ökonomischen und ökologischen und sozialen Probleme – , wir verbauen uns auch die Vergangenheit – durch beharrliche Arroganz gegenüber dem Früheren, durch Anbetung einer ‚technischen Entwicklung‘, die teleologischer strukturiert ist als jede göttliche Vorsehung, und vor allem durch fehlenden Antrieb zur Lektüre und Diskussion, und durch fehlenden Mut, den allzu Selbstgerechten unter den akademischen Lehrern etwas entgegenzusetzen. Ein philosophischer Lehrer sagt einem nicht, wie es ist oder sein soll. Ein philosophischer Lehrer befähigt einen im besten Fall dazu, zu können was er kann. Und gehen uns nicht die Lehrer aus..? – Auf der anderen Seite gibt es wunderbare Lehrer, Menschen, die die Philosophie lieben und sie weitergeben können. Philosophen, die zu lesen und zu hören sich wirklich lohnt, weil sie vor allem an das erinnern, was wir drohen, zu vergessen. Vernunft ist immer auch anamnetische Vernunft – eine Vernunft ohne Erinnerung verkommt zum Glaubensbekenntnis.

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