Vier gute philosophische Gründe, warum ‚Experimental Philosophy‘ (X-Phi) nichts mit Philosophie zu tun hat

In der Geschichte der Philosophie wurden noch nie so viele angebliche ‚Innovationen‘ wie die sprichwörtliche Sau durch das akademische Dorf gejagt wie im 20. Jahrhundert. Ein historischer Grund dafür liegt sicherlich im Zusammenbruch des genuin philosophischen Denkens in der ‚Deflation‘ der Klassischen Deutschen Philosophie: Typisch reflexionslogische Argumentationsfiguren, wie sie die Philosophie seit 2300 Jahren geprägt hatten, wurden zwischen 1750 und 1850 von den sich immer weiter emanzipierenden Wissenschaften entkoppelt. Umgekehrt entwickelte sich durch fortlaufende Weiterentwicklung und Verfeinerung der Messmethoden und Kombinatorik gegebener Relationen ein Selbstverständnis wissenschaftlicher empirischer Forschung, das nicht mehr auf die Rechtfertigung durch philosophische Überlegungen angewiesen schien. Im 19. Jahrhundert wurden so die holistischen Geltungsansprüche der Philosophie aufgeteilt: nicht nur in Naturwissenschaften, auch in Geistes- und Humanwissenschaften, die jeweils eine bestimmte Immanenz der vorher philosophischen Explikation – Geschichte, Seele, Geist, Sprache, Kultur – für sich beanspruchten und vor allem das ursprünglich platonische bzw. neuplatonische Paradigma der ‚Genese‘ als jeweilige Beschreibung einer Entwicklung zur Grundlage ihrer wissenschaftlichen Rechtfertigung annahmen.
In der Philosophie war das Ergebnis zunächst eine Aufspaltung der seit dem Mittelalter beherrschenden philosophischen Lehre in eine professionalisierte Universitätsphilosophie – die Lehrpläne zu entwerfen und Forschungen vor Nichtphilosophen zu rechtfertigen hatte und sich so mehr und mehr dem Paradigma wissenschaftlicher Forschung annäherte – und eine philosophische Publizistik, die entweder an die alten systematischen Entwürfe anzuknüpfen versuchte, oder aber mit neuen Ausdrucksformen experimentierte oder in der Auseinandersetzung mit Problembeständen einer aufgeklärten und industrialisierten Gesellschaft ein praktisch-philosophisches Residuum fand.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts standen sich insbesondere Philosophie und Psychologie als gleichwertig scheinende Explikationen menschlichen Denkens gegenüber. Die Psychologie, die als junge Wissenschaft ihre Ursprünge in gleichen Teilen in der Metaphysik des 17. und 18. Jahrhunderts und in der literarischen Auseinandersetzung mit der Natur des Menschen hatte, beanspruchte die Diskurshoheit mit dem Argument, Denken sei auch nur eine psychische Tätigkeit und sei daher durch die Psychologie zu bestimmen. Was die Psychologie weniger als die Naturwissenschaften verstand, denen sie nacheiferte, war, dass sie als Wissenschaft von einer bestimmten axiomatischen Setzung ausgehen musste, die ihren Gegenstandsbereich ontisch bestimmte. In der Physik und der Chemie war diese Axiomatik im Wesentlichen eine quasi-aristotelische Vulgärontologie, die in der Lage war, Phänomen und Ursache so zu trennen, dass die wissenschaftliche Explikation von Gegebenem sinnvoll erschien. Auch die gerade neu entstandene Naturgeschichte und Biologie hatte ihr Paradigma, im ebenfalls aristotelischen Verständnis des Organismus und des Lebens. Die Psychologie hatte also eine solche axiomatische Setzung nötig, um Wissenschaft sein zu können – aber aus Sicht der Philosophie, die seit Parmenides mit der Frage nach der Geltung eines Logos befasst ist, war diese Inanspruchnahme eines Axioms, das das Denken gleichsam zu einem Gegenstand gerinnen ließ, ein logischer Fehler. Das Bemerken dieses Fehlers in der Philosophie geht so weit zurück, dass in ihm eines ihrer Hauptphänomene gesehen werden kann: Eine logische Voraussetzung wird nachträglich zu einer ontologischen Voraussetzung erklärt. Kant nannte diesen Fehler den ‚transzendentalen Schein‘, der sich aus einer Verabsolutierung der verobjektivierenden Sichtweise der Wissenschaft hinsichtlich bestimmter logischer Voraussetzungen ergibt.

Dieses Problem, das zum Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Gestalt des sogenannten ‚Psychologismus‘-Vorwurfs annahm, gestaltete die Auseinandersetzung mit der Psychologie in der Philosophie wie kein anderes: Von Brentano über Frege zu Russell, den Wiener Kreis und zur Phänomenologie Husserls reichte die Diskussion; Heidegger schrieb seine Dissertation über ‚Die Lehre vom Urteil im Psychologismus‘; die gesamte akademische Welt war in Aufruhr. Das Argument der Philosophen war – trotz vieler Detailanalysen und verschiedenster Interessen – ziemlich eindeutig: Die Psychologie muss für ihre Schlussfolgerungen, um wissenschaftlich sein zu können, Logik in Anspruch nehmen. Und weil sich eine Position – egal welche – nicht a priori selbst ins Recht setzen kann, kann die Psychologie nicht einfach ihre Hypothese über ihren Gegenstand – psychische, mentale, geistige Zustände, Ereignisse oder Handlungen – nachträglich in eine Geltungsvoraussetzung für ihr eigenes Sprechen verwandeln. In der Logik ist dieses Argument als Ausschluss der ‚petitio principii‘ bekannt, im Englischen: ‚begging the question‘. Es ist – ebenso wie der Satz vom ausgeschlossenen Widerspruch – eines der logischen Grundprinzipien logischer Argumentation, ganz gleich, ob es sich um die Artikulation eines wissenschaftlichen Hypothesensystems oder einer philosophischen Explikation handelt. Ohne dieses Prinzip hätte jeder mit allem Recht, was er sagt, einfach dadurch, dass er es sagt: Es schließt den Dogmatismus als unfaires und sophistisches Moment aus dem gemeinsamen Dialog über eine Sache oder einen Logos aus. Umgekehrt ist die ‚petitio principii‘ oder die dogmatische Setzung das Kennzeichen jedes Glaubenssystems: Ein Prophet oder ein Glaubensstifter behauptet, dass irgendeine höhere Instanz oder irgendeine verborgene Macht den Menschen kontrolliert – und wenn Menschen diese dogmatische Behauptung als Wahrheit anerkennen, dann gilt sie ihnen als eine unhinterfragbare Voraussetzung, die jede Argumentation und jede Auseinandersetzung mit der Welt implizit begleitet.

Die Emanzipation der Wissenschaften führte also einerseits dazu, dass sie sich von metaphysischen Erklärmodellen weg der Philosophie hin zu eigenen regionalen Ontologien entwickelten (sic!) und sich ausschließlich auf ihren Gegenstandsbereich und die Methodik seiner Explikation konzentrierten. Dieser Aspekt der Entwicklung der Wissenschaften ist heute Teil jeder Erfolgsgeschichte der wissenschaftshistorischen Selbstlegitimation: Die Wissenschaft oder die ‚Rationalität‘ überwindet den Dogmatismus der Religion oder das ‚irrationale‘ Element des menschlichen Selbst- und Weltentwurfs. Diese Geschichte, die sich die Wissenschaft und an der Wissenschaft ausgerichtete Entwürfe fortlaufend erzählen, hat aber eine Rückseite: Durch den Wegfall genuin philosophischer – logischer und reflexionslogischer – Argumentationsfiguren und die fehlende Ausbildung der Aufmerksamkeit auf die eigene behauptende Rede einerseits und durch das neu gewonnene Selbstvertrauen in die eigenen wissenschaftlichen und allerhöchstens partiell wissenschaftstheoretischen Kenntnisse und – die an einem verabsolutierten wissenschaftlichen Paradigma angemessenen – ‚Anpassung‘ typisch philosophischer Problembereiche andererseits wurde die Erfolgsgeschichte der wissenschaftlichen Selbstlegitimation sukzessive in eine dogmatische Ideologie überführt (ihre proto-hegelianische Grundlage lässt sich in Russells frühen Essays sehr gut verfolgen). Und wie in jeder dogmatischen Ideologie wurde nun zwischen ‚guter‘ und ‚schlechter‘ Philosophie unterschieden; es bildeten sich Autoritätsstrukturen heraus, die stark an die mittelalterliche Lehrscholastik erinnerten (und noch erinnern); die Philosophen auf der ‚eigenen Seite‘ wurden durch Hurra-Rezensionen*) und eine Inflation von einander übertrumpfender Selbstmythologie und Selbsthistorisierung zu einem schiefen Abbild der Philosophie aufgeblasen, obwohl kaum 100 Jahre vergangen waren. Innerhalb dieser Blase wurden dann für diese Blase Philosophiegeschichten geschrieben, wurden Diskussionszusammenhänge durch schiere Besetzung von Diskurs-, Akkumulations- und Multiplikationspositionen homogenisiert und so ein Regime von ‚Rationalität‘ etabliert, das jeglicher Rationalität ganz einfach dadurch entbehrte, dass es zutiefst irrational von dogmatischen Überzeugungen über die Fortschrittsnatur der Geschichte, über Norm und Abweichung im richtigen Denken (das ‚richtig‘ mal in dem Sinne von ‚formallogisch korrekt‘ und mal ‚orthodox‘ meinte) und vor allem, als Erbe der Anpassung an das wissenschaftliche Paradigma, von einer vollkommen unwissenschaftlichen und zum Teil zutiefst metaphysischen Überzeugung über den Grundlagencharakter empirischer Forschung beseelt war. Entsprechend wurden – wie anno 1700 – wieder Unmittelbarkeitsmetaphern zur Grundlage wissenschaftlicher Argumentation: das ‚Kontrafaktische‘ meinte einfach das, was dem eigenen Wirklichkeitsverständnis nicht ohne Murren entsprach; die ‚Intuition‘, die ursprüngliche ‚reine Anschauung‘, die als metaphysisches Konstrukt eine prästabilisierte Harmonie zwischen Geist und Materie garantieren sollte, wurde wieder herausgekramt; desgleichen die ‚Evidenz‘, ganz im metaphysischen Sinne einer ‚unmittelbaren Einsicht‘ – als hätte es insgesamt 350 Jahre philosophischer Aufklärung nach-scholastischer Denkfiguren nie gegeben. Die Metaphysikkritiker von gestern – sie hatten sich in die Metaphysiker von heute verwandelt.

Die gegenwärtige Situation sieht aus meiner Sicht so aus, dass immer neue Vorstöße von Seiten eines reaktionären Philosophieverständnisses die Unterordnung der Philosophie unter die Wissenschaft einfordern. Das erstaunliche daran ist aber, dass diese Forderung nicht sieht, dass sie erstens eine sehr lange Geschichte hat, die genau bis in die metaphysischen Zeiten zurückreicht, die sie eigentlich überwinden will: Auch die Wolffianer wollten eine vorgegebene Ontologie – damals noch von Gottes Gnaden – durch mathematisch exakte Methoden ausmessen und im Übrigen jede andere Philosophie tilgen, die nicht dem ‚Nutzen‘ des menschlichen Fortschritts entsprach. Die Geschichte wiederholt sich: Auch zu Beginn des 18. Jahrhunderts sind es v. a. die Mechanisten und Materialisten, die das Philosophieren auf die empirische Beschreibung von Gegenständen reduzieren wollen. Dasselbe geschieht im 19. Jahrhundert; der Neukantianismus ist ein beredtes Beispiel eines Versuchs, sich gegen materialistische und positivistische Forderungen philosophisch aufzulehnen. Das Ironische daran ist: Schon Platon hatte mit Reduktionisten und radikalen Idealisten zu kämpfen. Im Dialog Sophistes heißen Erstere ‚Somatiker‘; sie wollen nur über das sprechen, woran sie sich ‚stoßen‘ können. Platon entwickelt also gerade in der Auseinandersetzung mit Reduktionisten (darunter die ‚Ideenfreunde‘ und radikale Skeptizisten bzw. ‚Herakliteer‘) die Philosophie; diese Auseinandersetzung ist bei ihrer Geburtsstunde vorhanden – was allein schon gegen jeden Versuch spricht, Philosophie reduzieren zu wollen. – Im 20. Jahrhundert findet sich die Auseinandersetzung gut fünf-, sechsmal, in verschiedenen Vokabularen, und sie endet immer gleich: Die Reduktionisten verheddern sich in ihren eigenen logischen Voraussetzungen; sie argumentieren zutiefst unwissenschaftlich und im Wortsinn ‚ir-rational‘: Die Geltung ihrer dogmatischen Behauptungen, sie ist qua Verhältnis und Setzung nicht nachvollziehbar; sie kann nur akzeptiert oder abgelehnt werden – eine Kritik wird sofort als Angriff missverstanden und mit brachialen Mitteln der sophistischsten Polemik bekämpft (man lese die Rezensionen zu Thomas Nagels Buch Geist und Kosmos).

Was also den jungen Philosophen und Philosophinnen von heute fehlt, das ist vor allem die Lektüre von Philosophen, die nicht in dieses verabsolutierte Paradigma fallen. Es wird ihnen freilich nicht leicht gemacht: Schon im ersten Proseminar bekommen sie das Paradigma einer Fortschrittsgeschichte der Philosophie als Selbstverständlichkeit vorgesetzt – „tote Philosophen interessieren uns nicht.“ Ihnen wird die Objektivität der Wissenschaft als absoluter Maßstab jeder Rechtfertigung vorgegeben und die wissenschaftliche Methodik und die normierte formale Logik als Leitfäden ihres philosophischen Denkens gesetzt. Die jungen Philosoph_innen merken so nicht, dass ihnen eben durch diese dogmatischen Setzungen bereits Fragestellungen wie ‚Was ist ‚Fortschritt‘ und ist er wirklich eine zu verabsolutierende Annahme?‘, ‚Wie gebrauchen Wissenschaftler den Begriff ‚Objektivität‘?‘ oder ‚Ist die Formalisierung einer Vulgärontologie wirklich alles, was man über Logik lernen kann?‘ bzw. ‚Gibt es nur mathematisierte Logik?‘ verstellt werden. Sie erscheinen innerhalb der szientistischen Ideologie als sinnlose oder allerhöchstens programmatische Fragen, die jedoch keinesfalls geeignet sind, den Geltungsanspruch dieser Ideologie irgendwie ins Wanken zu bringen. – Mit dieser Verabsolutierung einer vulgär-wissenschaftlichen Überzeugung (weil kein ernstzunehmender Wissenschaftler seine eigenen Axiome letztbegründend dogmatisch verabsolutieren würde!) geht einher eine Abwertung und, daraus resultierend, eine Abschätzigkeit gegenüber ‚historischer‘ philosophischer Texte: Sie sind – so will es die Ideologie – im besten Falle bloße Vorstufen zum gegenwärtigen ‚besten Wissen‘ oder gleich bloße Literatur, die den engen und bornierten Ansprüchen einer szientistischen Vorstellung von ‚Rationalität‘ oder ‚Logizität‘ nicht erfüllt. Wie sagt einmal ein Jünger dieser Bewegung zu mir? – „Ich lese keine Philosophen, die eine unzureichende logische Ausbildung haben.“ – Ihm fiel nicht auf, dass er mit diesem Satz erstens seine eigene Vorstellung davon, was es heißt, eine ‚zureichende logische Ausbildung‘ zu haben, verabsolutiert hatte; dass er aber vor allem zweitens sich selbst widersprach: Denn wie wollte er wissen, welche logische Ausbildung ein Philosoph überhaupt hatte, wenn er ihn nicht las? – Die Antwort liegt in den vielen kleinen und großen Doxographien, die vor allem im angelsächsischen Bereich die Philosophiegeschichte so zurecht schnitzen, dass der ‚Bestätigungsfehler‘ – oder kognitionswissenschaftlich: die ‚confirmation bias‘ – ohne große Irritationen für haufenweise Assoziativschlüsse sorgen kann. Völlig verdrehte und z. T. vollkommen falsche, nirgends am Text verifizierbare und komplett simplifizierende Lehre tut ihr Übriges dazu, die jungen Philosoph_innen für die ‚richtige‘ Philosophie fit zu machen. – Diese Haltung gegenüber der philosophischen Tradition, die jenseits der magischen 1900 für analytische und naturalistische ‚Philosophen‘ allerhöchstens bis Locke und Hume reicht (und ansonsten nur noch für doxographische Gelehrsamkeitssimulationen), lässt sich – noch einmal mit einem kognitionswissenschaftlichen Begriff – als Auswirkung des ‚Dunning-Kruger-Effekts‘ verstehen: Inkompetente Menschen wissen nicht, dass sie inkompetent sind, weil sie dazu neigen, ihre eigene Inkompetenz für Kompetenz zu halten. Sie neigen entsprechend dazu, ihre eigenen Fähigkeiten zu über- und diejenigen eigentlich kompetenter Menschen zu unterschätzen. Freilich muss man für diese Einsicht sich nicht quasi-psychologischer Formulierungen bedienen, denn es handelt sich wieder um das logische Problem der Verabsolutierung. Eine philosophische Version (aus dem Jahr 1486) lautet entsprechend: „Und in der Tat zeugt es von Engstirnigkeit, wenn man sich immer nur innerhalb der Grenzen einer einzigen Säulenhalle oder Akademie aufgehalten hat. Auch kann man sich nicht aus ihnen allen die eigene richtig auswählen, wenn man sich nicht vorher mit allen genau vertraut gemacht hat.“ (Pico della Mirandola, Oratio de hominis dignitate). Picos Argument ist ganz einfach: Jemand, der nicht alles kennt, kann sich darüber kein abschließendes Urteil erlauben. Wer Platon, Plotin, Cusanus, Spinoza, Kant, Fichte, Hegel, Nietzsche oder Heidegger nie gelesen hat – oder beim Lesen stets einer bereits verabsolutierten Hinsicht unterwirft (vgl. hier den Leitfaden zur Lektüre philosophischer Texte) –, dessen Urteil über diese Philosophen ist, je pauschaler es ausfällt, desto unglaubwürdiger. Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit – die aber erstaunlicherweise in der Philosophie stets Ausweichbewegungen, pseudo-intellektueller Besserwisserei oder sophistischen Argumentkonstruktionen zum Opfer fällt.

Vor eben diesem Hintergrund hat sich nun jüngst eine Gruppe junger Philosophen zusammengetan, um die Philosophie aus ihrem ‚Lehnstuhl‘ oder wahlweise ‚Elfenbeinturm‘ zu befreien. Das erscheint vor allem deswegen wie eine pseudo-emanzipatorische Bewegung, weil sie den ewig gleichen Vorwurf an die Philosophie, sie solle ‚raus in die Welt‘ gehen, um über dieselbe sprechen zu können, auch deswegen wiederholt, weil sie nicht verstanden hat, dass es nicht die Aufgabe der Philosophie ist, über die ‚Welt‘ zu sprechen. Als Grundlage empfiehlt diese junge und dynamische Bewegung – deren ‚Methode‘ bereits an deutschen Universitäten gelehrt wird – eine ‚empirische Herangehensweise‘. Die Begründung entspricht genau der Ideologie, in der die jungen ‚Begründer‘ dieser Bewegung erzogen wurden: „Not only does it seem to us that empirical considerations can be relevant here; it seems to us just obvious that empirical considerations are relevant.“ Die wesentliche Selbstdarstellung kann hier nachgelesen werden – http://dingo.sbs.arizona.edu/~snichols/Papers/Manifesto.pdf (sie enthält freilich auch die vorgebliche Unsicherheit, ob das eigene Vorgehen ‚philosophy‘ sei). Zu dieser Selbstdarstellung und vor dem Hintergrund der soeben gegebenen historischen Darstellung möchte ich nun abschließend die titelgebenden vier guten philosophischen Gründe nennen, warum die ‚Experimental Philosophie‘ oder ‚X-Phi‘ mit Philosophie nichts zu tun hat.

(1) Philosophie ist, hinsichtlich ihrer Geltungsvoraussetzungen, voraussetzungslos. – Diese Behauptung ergibt sich bereits in Platons Politeia, wo zwischen Wissenschaft und Philosophie genau dadurch unterschieden wird, dass Wissenschaften bestimmte Geltungsvoraussetzungen machen müssen, um wissenschaftlich arbeiten zu können, dass aber Philosophie gerade keine Geltungsvoraussetzungen macht. – Man braucht aber nicht Platon, um auf die Begründung für diesen Satz zu kommen: Philosophie setzt sich mit Behauptungen, Begründungen, Argumenten und Begriffen auseinander. Das heißt, sie betrachtet das menschliche Selbst- und Weltverhältnis hinsichtlich dessen, dass das, was behauptet wird, von allen übernommen werden kann oder muss – oder eben nicht. Das könnte sie nicht, wenn sie der untersuchten Meinung von sich her bereits ein Verständnis vorschreiben würde. Sie würde dann nur tun, was alle Dogmatiker tun: Andere Sichtweisen an ihrer verabsolutierten Sichtweise messen. Philosophie bezieht sich deswegen auf die Eigenschaften der gemeinsam geteilten Rede, um ein Kriterium zu haben, das allen Teilnehmern an einer Rede einsichtig sein kann. Und genau deswegen heißen diese Kriterien logisch, weil sie sich auf den gemeinsamen Logos beziehen. – Philosophie spricht auch nicht über alles; sie ist nicht der ‚letzte Rahmen‘, sondern sie ermöglicht uns eine Geltungsreflexion unserer Rede. Wissenschaften müssen dagegen von – aus philosophischer Sicht – dogmatischen Voraussetzungen, also Axiomen und ontologischen Grundannahmen ausgehen. Das ist aber aus philosophischer Sicht solange kein Problem, wie die Wissenschaft nicht versucht, Philosophie zu sein – ihre Geltungsvoraussetzungen also für alle anderen in jeder möglichen Hinsicht zu verabsolutieren (i.e. implizit oder explizit ‚letztbegründend‘ zu argumentieren). In diesem Sinne hat auch die Psychologie eine begrenzte Berechtigung, wie alle anderen Wissenschaften auch: Sie tut so, als ob unsere Selbst- und Weltverhältnisse gegebene geistige Strukturen, Ereignisse oder Elemente sind, die sich wissenschaftlich beschreiben lassen. Sie wird erst dann problematisch, wenn sie – wie die Verfasser des ‚Manifesto‘ – eine solche empirische Beschreibung mit einer philosophischen Dignität versehen wollen, um zu beschreiben, ‚how people think‘. Wenn sie das tun, fallen sie in die ‚petitio principii‘ des Psychologismus: Sie verabsolutieren ihren partikulären Gegenstandsbereich für alle möglichen anderen Gegenstandsbereiche. – Eine typische Reaktion eines Wissenschaftlers oder Szientisten ist dann freilich: Warum auch nicht? Es ist ja so! – was wiederum nur performativ aufzeigt, wo genau das Problem des Szientismus liegt (denn die Behauptung der apriorischen Geltung des Gegenteils einer These ist auch eine ‚petitio principii‘).

(2) Was die jungen innovativen und so praktisch veranlagten Philosoph_innen machen, ist ein verdammt alter Hut. Und zwar nicht nur deswegen, weil er frappierende Ähnlichkeit mit Naturalismen aus knapp zweieinhalb Jahrtausenden aufweist. Sondern auch deswegen, weil es eine solche ‚Forschungsrichtung‘ – inklusive komplettem Programm – schon gibt. In den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts war sie bekannt als ‚public-opinion-research‘ und wurde u. a. vertreten von Hadley Cantril, z. B. in dem Werk Gauging Public Opinion von 1947 (!). Der frühe Michel Foucault schreibt dazu in seinem Überblick über die Psychologie von 1850 bis 1950 aus dem Jahr 1957 (!): „Die Analyse von Meinungen und Einstellungen bemüht sich, die kollektiven Phänomene zu bestimmen, die den affektiven Verhaltensweisen des Individuums ebenso wie seinen intellektuellen Operationen […] als Kontext dienen. Dies ist zunächst quantitativ, dann struktural erforscht worden, Grundlage ist dabei stets die Erarbeitung statistischer Daten: So wird die Verbreitung einer Meinung mittels Erhebungen [also: Fragebögen, Interviews, Experimentalanordnungen] an einer für die Bevölkerung im Ganzen repräsentativen Gruppe oder auch die Stärke einer Einstellung bei einer Gruppe von Individuen durch die im Vergleich bekundete Bindung an diese oder jene Meinung gemessen. Der kollektive Charakter dieser Meinungen und Einstellungen erlaubt es, die Annahme eines Stereotyps, einer Art verallgemeinerter und kristallisierter Meinung aufzustellen, die in Abhängigkeit von vorweg bestehenden Einstellungen stets identische Reaktionen hervorruft.“ (Schriften I, S. 193) – Der Ansatz war also vor fast 70 (!) Jahren ein sozialpsychologischer und sozialwissenschaftlischer; ansonsten unterscheiden sich weder Methode noch Fragestellungen noch Ergebnisse sonderlich von dem, was die ‚Experimental Philosophy‘ zutage bringt. Weitere Vertreter dieser Richtung waren – an der Sorbonne – Jean Stoerzel und die bekannten Gerüchteforscher Gordon Allport und Joseph Postman.

(3) Als Distinktionsmerkmal heben die ‚Experimental Philosophers‘ stets hervor, dass sie sich durch genuin philosophische Fragestellungen von der sozialwissenschaftlichen Herangehensweise unterscheiden, durch die Untersuchung von ‚philosophical intuitions‘ (vgl. das ‚Manifesto‘). Aber was genau ist eine philosophische Fragestellung? – Ein Blick in die tatsächliche ‚Forschung‘ verrät vor allem die unkritische Übernahme von bereits quasi-ontologischen Annahmen wie ‚epistemic intuitions‘ (die auf irgend eine Wese das eigene Erkennen betreffen oder thematisieren oder Störungen dieses Erkennens betreffen oder von der von den ‚X-Phi’s‘ apriorisch vorausgesetzten ontologischen Überzeugung abweichen) oder ‚moral intuitions‘ aus der analytischen Philosophie, die dann – sowieso also bereits Gummibegriffe, die alles und nichts bezeichnen können – zu so etwas wie psychologischen Sachverhalten gerinnen. Eine große Anzahl bezieht sich auf ‚moral intuitions‘, indem eine vulgär-utilitaristische oder vulgär-deontologische Moralvorstellung als Grundlage genommen wird, um mit subjektivem Zustimmungs- oder Ablehnungsverhalten des Befragten bzw. Interviewten eine Abweichung oder Bestätigung des vorausgesetzten Rahmens zu konstatieren. ‚Interessant‘ sind dann immer diejenigen ‚Abweichungen‘ von der Norm der ‚X-Phi’s‘, die implizit ihr vermeintlich ‚besseres Wissen‘ herausstellen – wo also relativ unverkennbar ist, dass sich hier eine selbstgerechte Haltung von Nerds Bahn bricht, die sich für wissenschaftlich und rational halten, aber tatsächlich derart schlecht ausgebildet sind, dass sie über den größten Teil der Philosophie nur die Mythen ihrer Haus- und Hofideologie wiederholen können. In erregten und zugleich selbstzufriedenen Diskussionen wird dann über die ‚Ursachen‘ von ‚biases‘ diskutiert, die üblichen ewig langweiligen Vergleiche mit doxographischem Halbwissen stolz präsentiert und mit ‚Resultaten‘ und Selbstkritiksimulationen jongliert (die deswegen Simulationen sind, weil sie auf der prinzipiellen Ebene zirkelschlüssig sind). – Aus philosophischer Sicht lautet das Argument: Man beobachte vier Sophisten dabei, wie sie ohne jegliches Wissen über die logischen und strategischen Möglichkeiten ihrer Sophismen massiv die philosophische Tradition bis weit zurück in die Antike unterbieten (z. B. die Aufnahme des Gettier-Sophismas als Untersuchung über den „fake barn effect“) – dann hat man verstanden, was ‚Experimental Philosophers‘ tun. Es ist schlicht nicht Philosophie, weil es Sophistik ist.

(4) ‚The mind‘, ‚intuitions‘, ‚empirical methods‘, ‚statistical analyses‘ – dieses klar von den Ontologien der Psychologie, der Neuro- und der Kognitionswissenschaften geprägte Vokabular, das mit der selbstvergessenen Attitüde des ewig rationalen analytischen Philosophen daherkommt, macht derart viele Voraussetzungen, dass in vielen Analysen nicht mal klar ist, inwiefern sie sich eigentlich noch in dem selben begrifflichen Rahmen befinden. Mal sind ‚intuitions‘ so etwas wie ‚Überzeugungen‘ – also das, was die Griechen die ‚dóxa‘ nannten –, mal sind sie Eigenschaften des ‚mind‘ – von dem überhaupt nicht klar ist, was das eigentlich sein soll, weder systematisch, noch historisch –, mal handelt es sich um so etwas wie psychische Zustände, die man durch komplexe mathematische Modelle und multifaktorieller statistischer Analyse, wie sie in der Psychologie eingesetzt wird, untersuchen kann. – Freilich ergibt sich diese babylonische Begriffsverwirrung schon in dem naturalistisch-formalistisch-analytischen Hintergrund, vor dem die jungen Philosoph_innen sprechen: Schon Strawson und Kripke haben massive Probleme mit reflexionslogischen Verhältnissen und verstricken sich darin; David K. Lewis, David Armstrong oder John L. Mackie haben die Ontologie wieder ins Mittelalter zurückbefördert, unter ausdrücklicher Ignoranz von jeglichem Denken von Descartes bis Wittgenstein. Philosophen, die ernsthaft die Neuauflage des ‚velatus‘-Sophismas (z. B. schon bei Eubulides) durch Gettier für eine ‚Widerlegung des platonischen Wissensbegriffs‘ halten, ist kaum mehr durch philosophische Erziehung abzuhelfen, sie müssen fast als verloren gelten. Aber jede/r junge Philosoph_in hat neu die Wahl, sich anders zu bilden als die Masse – es wäre zu wünschen, dass sich die ‚Experimental Philosophers‘ der Begrenztheit ihrer Perspektive vor dem Hintergrund der wirklich ausgetretenen Diskussion, in der sie sich unwissentlich bewegen, bewusst werden. Wahrscheinlicher ist aber, dass – wie bei jedem Hype in der angelsächsisch-analytischen Philosophie der letzten 50 Jahre – die Jubelschreie über die eigene Innovationskraft jede Kritik stumm und das eigene Ohr taub machen für gute Argumente.

*) Als Beispiele folgende Rezensionen und Einschätzungen auf Anregung von Kommentator Phil Eulenspiegel aus hunderten:

– Jakob Hohwy: The Predictive Mind (2013) – „it heralds a paradigm shift in cognitive neuroscience and perhaps neurophilosophy“ (UC London) „Every now and then a book appears that looks set to be a milestone in the interdisciplinary study of mind“ (Univ. of Edinburgh)
– Max Tegmark: Our Mathematical Universe (2014) – „it is incredibly candid about the broad philosophical questions that it tries to address, and somewhat unapologetic that it is trying to answer questions that are both physical and philosophical at the same time“ (About.com Physics)
– Graham Priest: Beyond the Limits of Thought (2003) – „This book is a splendid tour de force, one which should be read by every philosopher […]“ (Philosophical Quarterly) – „clever, resourceful, undogmatic, unpretentious, often sensible and usually clear over a wide range of issues“ (British Journal for the Philosophy of Science)
– David Chalmers: The Character of Consciousness (2010) – „Chalmers offers us his magnificent, mammoth and challenging tour de force […]“ (Philosophy)
– David K. Lewis, the „the leading figure in Anglo-American philosophy“ (EB online)

Zum Selbsttest ein kleines Spiel: Man zähle einmal alle Philosophen der angelsächsischen Philosophie der letzten 30 Jahre zusammen, die Prädikate wie „der einflussreichste“ oder „der wichtigste“ verliehen bekommen haben – und vergleiche diese Liste mit der Liste angelsächsischer Philosophen der letzten 30 Jahre…

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3 Kommentare

  1. Schöner Text. Du sprichst da eine Problemlage an, die mich auch schon seit längerem beschäftigt und von der ich glaube, dass sie sich längst unumkehrbar verselbstständigt hat.

    Es ist – offenbar gerade in den Vereinigten Staaten – kein Tabu mehr die Existenzberechtigung der Philosophie überhaupt in Frage zu stellen, und zwar trotz der dort (größtenteils) üblichen Anbiederung an den Geist der Naturwissenschaft. Zwei, ich nenne sie mal PR-Manager der Naturwissenschaft, empfinden offenbar keinerlei Skrupel mehr die Philosophie ob ihrer vermeintlichen Nutzlosigkeit zu diskreditieren.

    Es handelt sich dabei um:

    Stephen Hawking: http://philosophynow.org/issues/82/Hawking_contra_Philosophy

    und

    Neil de Grasse Tyson: http://scientiasalon.wordpress.com/2014/05/12/neil-degrasse-tyson-and-the-value-of-philosophy/

    Ich will ja nicht melodramatisch werden, aber tendentiell wird es, denke ich, bald zu einem Bruch zwischen Geistes- und Naturwissenschaften kommen, wenn sich das Klima zwischen beiden nicht grundlegend verändert.

    Eine direkte Anmerkung zu Deinem Text habe ich doch noch: Der Teil, in dem Du von den an die „mittelalterliche Lehrscholastik“ erinnernden „Hurra-Rezensenten“ schreibst, hatte einen leicht konspirativen Beigeschmack. Vielleicht solltest Du da entweder noch Namen nennen, um diese Entwicklung nachprüfbarer zu machen oder etwas „entschärfen“.

    1. Lieber Phil Eulenspiegel,

      vielen Dank für Deinen Kommentar – den ich so gut fand, dass er sofort in einem Edit Niederschlag gefunden hat und den ich dennoch so stiefmütterlich behandelt habe, dass er erst heute eine echte Antwort bekommt.

      Zu Deiner Anmerkung zum Verhältnis von Natur- und Geisteswissenschaften: Als Philosoph mache ich die Erfahrung, dass das Wissen darüber, was Geisteswissenschaften eigentlich tun, mittlerweile fast verschwunden ist. Was sich im 18. Jahrhundert als kleine Renaissance (und das war es ja wirklich) geöffnet hat und mit Heidegger und Adorno fast schon wieder ausklang, ist als Kompetenz weitgehend verschwunden. Die Naturwissenschaften haben ideologischen Status erlangt und die Geisteswissenschaften eifern dem nach. Wir befinden uns – um ein Wort Foucaults aufzugreifen – in der „Nacht der Philosophie“…

      1. Auch wenn ich mit Deiner Diagnose zum Stellenwertsverlust der Philosophie im aktuellen Wissenschaftsbetrieb – wie gesagt -vollkommen d’accord gehe, kann ich mir dennoch nicht vorstellen, dass die Fixierung auf das immer wieder ganz Neue – kurzum die ständige Innovation – auf Dauer nicht stutzig machen wird. Ich sehe in einer solchen nämlich so etwas wie eine Sucht nach Revolutionierung, die sich aus einem paradigmenwechsel-induzierten Rausch speist. Wenn dem so sei, käme es fortan nicht mehr darauf an, Ordnung und Pflege am Wissensbestand zu leisten, sondern zu beweisen, dass der Bestand, wie man ihn bisher für gut und richtig hielt, hinfällig sei. Dass hinter einer solchen Wissenschaftsauffassung eher ein destruktives statt ein akkumulierendes Moment steht, dürfte einigermaßen einleuchten. – Ob das aber vielleicht nur eine Mode sei oder vielleicht doch der einzig gangbare Weg der Wissenschaft, stünde dann auf einem anderen Blatt.

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