Die Straße des Exzesses führt zum Palast der Weisheit

Zu Heideggers Thematisierung der ‚Juden‘ in den ‚Schwarzen Heften‘

In Band 95 und 96 der ‚Schwarzen Hefte‘ findet sich der Hauptteil der Äußerungen Heideggers, die als ‚antisemitische Passagen‘ seit etwas mehr als einem Jahr thematisch sind. Sie reichen von typisch antisemitischen Zuschreibungen bis hin zu einer Einbindung antisemitischer Überzeugungen in oder zumindest Parallelisierung derselben mit philosophische(n) Denkfiguren, die unter den Titeln ‚Seinsgeschichte‘ und ‚Seinsvergessenheit‘ zentrales Thema von Heideggers Philosophie ab den 30er Jahren sind.

Die Annahme, dass von dieser Parallelisierung – ‚cum hoc‘ – a priori auf ein kausales oder genetisches Verhältnis – ‚propter hoc‘ – geschlossen werden kann, ist freilich ein Fehlschluss: Sie verwechselt Korrelation mit Kausalität bzw. Genese. Der Fehlschluss ergibt sich zumeist dann, wenn gefragt wird, was Heidegger ‚eigentlich‘ sagen wollte, was der ‚ursprünglichere‘ Sinn seines Denkens sei. Eine solche Frage setzt also voraus, dass es eine und nur eine einzige ‚wahre‘ Bedeutung des Textes gibt, der alle anderen Bedeutungen unterzuordnen seien. Anstatt also das ‚Philosophische‘ gleich auf ein – psychologistisch oder historistisch vorausgesetztes – ‚Ideologisches‘ gleichsam ‚zurückzuführen‘, kann man sich das Verhältnis beider Dimensionen im selben Text ansehen – und damit möglicherweise mehr gewinnen als eine auf Fehlschlüssen beruhende ideologiekritische Lektüre.

Heidegger scheint allerdings mit den ‚Juden‘ in den ‚Schwarzen Heften‘ kein Feindbild zu thematisieren, dass ihm erst in den späten 30er Jahren eingefallen wäre. Schon 1929 thematisiert er in einem Brief an Victor Schwoerer die „wachsend[e] Verjudung im weiteren u. engeren Sinne“, denen sich das „deutsche Geistesleben [endgültig auszuliefern] droht“, wenn ihm nicht „echte bodenständige Kräfte und Erzieher“ *) zugeführt würden. Man kann das als antijudaistisches Ressentiment lesen oder als vorauseilenden Parteiopportunismus; man kann aber auch davon ausgehen, dass Heidegger bereits hier damit beginnt, eine Opposition zu betonen, die in den ‚Schwarzen Heften‘ quasi ‚seinsgeschichtlich‘ interpretiert wird.

Die ungefähr drei bis vier Handvoll Stellen in GA 94-96 wurden in den Medien ausgiebig zitiert – und eine präzise Analyse der gesamten Zusammenhänge mit den philosophischen Implikationen in den ‚Schwarzen Heften‘ würde hier den Rahmen sprengen. Man kann jedoch zumindest exemplarisch einige Eigenschaften und Zusammenhänge herausstellen, die Heidegger den ‚Juden‘ zuspricht: Sie vertreten „die größere Bodenlosigkeit, die an nichts gebunden, alles sich dienstbar macht“ (GA 95, 97); sie sind ausgezeichnet durch eine „Weltlosigkeit“, die gegründet wird durch „die zähe Geschicklichkeit des Rechnens und Schiebens und Durcheinandermischens“ (ebd.); sie „‚leben‘ bei ihrer betont rechnerischen Begabung am längsten schon nach dem Rasseprinzip, weshalb sie sich auch am heftigsten gegen die uneingeschränkte Anwendung zur Wehr setzen“ (GA 96, 56); die Frage nach „der Rolle des Weltjudentums ist keine rassische, sondern die metaphysische Frage nach der Art von Menschentümlichkeit, die schlechthin ungebunden die Entwurzelung alles Seienden aus dem Sein als weltgeschichtliche ‚Aufgabe‘ übernehmen kann.“ (243) „[D]er eigentliche Sieg“, so Heidegger, „der Sieg der Geschichte über das Geschichtslose, wird nur dort errungen, wo das Bodenlose sich selbst ausschließt“ (GA 94, 97). Das kann vorausdeuten auf die Passagen in Band 97, in denen „das wesenhaft ‚Jüdische‘ im metaphysischen Sinne gegen das Jüdische kämpft“, womit „der Höhepunkt der Selbstvernichtung in der Geschichte erreicht“ **) sei.

Damit scheint zumindest eine Stoßrichtung von Heideggers Thematisierung klar zu sein: Die ‚Juden‘, das sind diejenigen, die „die Entwurzelung alles Seienden aus dem Sein als weltgeschichtliche ‚Aufgabe‘ übernehmen“ können, einfach deswegen, weil sie wesentlich unfähig seien, im Sinne Heideggers ‚seinsgeschichtlich‘ zu denken oder zu handeln. Sie erscheinen deutlich als ein besonders ausgezeichnetes Feindbild unter anderen Feindbildern – Amerikanismus, Bolschewismus, Technik, Historismus, das Politische, Individualismus, Biologismus, Kulturchristentum –, nicht nur als Vertreter der ‚Machenschaft‘, sondern seltsam unbeweglich und fest ausgezeichnet durch unbestimmte Komparative und Superlative wie „größere Bodenlosigkeit“, „am längsten schon“ und „überall“ bzw. „nirgends“ (vgl. GA 96, 262) ***)

Diese Zitate scheinen allesamt zu implizieren, dass Heidegger – nicht anders als andere nationalsozialistische Wissenschaftler – die NS-Propaganda über die Juden fest mit einem eigenen Denken verschmolzen hat. – Allerdings gibt es auch Passagen, in denen Heidegger Perspektiven einnimmt, die eine Differenzierung implizieren. Die Annahme des Lesers etwa, Heidegger würde den zeitgenössischen Geschichtsverlauf mit seiner Philosophie quasi identifizieren, muss sich mit der Bemerkung Heideggers auseinandersetzen, dass „[a]lle Hinweise auf das historisch Faßbare und die Begebenheiten und das Zeitgenössische […] die nur im darübergehenden Zurücklassen all dieses Geschichtslosen [meinen]. Allein diese Ausfransungen des flatternden Scheins der verborgenen Geschichte müssen zuweilen genannt werden, nur damit ein Anhalt gegeben ist, an dem sich ein Zurücklassen vollziehen läßt. Das gilt auch vom Planetarismus und seinem Idiotismus.“ (GA 96, 250). – Heidegger selbst scheint also seinen Bezug auf das ‚Zeitgenössische‘ als bloßen ‚Anhalt‘ und den für uns historischen Verlauf als „Ausfransungen des flatternden Scheins der verborgenen Geschichte“ zu begreifen. Das würde freilich bedeuten, dass die ‚Geschichte‘ selbst nur eine Ausformung dessen ist, was Heideggers Philosophie zu explizieren versucht – das ‚cum hoc‘ wäre also gemäß dieses Befundes ein ‚propter hoc‘, aber so, dass das ‚Ideologische‘ nur als „Ausfransung des flatternden Scheins der ‚verborgenen Geschichte‘“ erscheint, der ‚Seinsgeschichte‘ also, als Grundlage der ‚zeitgenössischen Erscheinung‘?

In diesem Sinne wären die ‚Juden‘ – philosophisch gesprochen – ein ethno-kulturell aufgeladener Pappkamerad, per Setzung in den Diskurs eingeführt, um eine bestimmte ‚seinsgeschichtliche‘ Problematik gleichsam zu verkörpern. Die Ähnlichkeiten dieses Pappkameraden zum erklärten Feindbild der real existierenden NS-Propaganda ergäben sich dann einfach aus der Übernahme bereits bestehender ideologischer Narrative für die Explikation des eigenen Denkens. Wie ist das zu verstehen?

Die reflexive Struktur des ‚Antisemitismus‘ ergibt sich aus einer dogmatischen Setzung: Das ‚Wahre‘ ist das rassistisch verstandene ‚Deutsche‘ – und gemäß dieser apriorischen Setzung zugleich das ‚Nichtjüdische‘. Das ‚Jüdische‘ wird negiert, weil es qua Setzung aus dem ‚Wahren‘ von vorneherein ausgeschlossen ist. Damit wird die schiere Anwesenheit dieses Ausgeschlossenen problematisch – denn die bloße Setzung von etwas als etwas lässt es ja nicht gleich verschwinden. Und daraus ergibt sich der menschenverachtende Imperativ: das, was sich zum rassistisch verstandenen ‚Deutschen‘ als gleichsam ontologischer Widerspruch verhält, durchstreichen, vernichten zu müssen. Und zugleich ist der ‚Jude‘, solange er nicht in diesem Sinne vernichtet ist, stets eine ‚Bedrohung‘ für das ‚Wahre‘, qua Setzung. – Auch wenn die historische Genese des rassistischen Antisemitismus wohl anders angelegt werden muss ****), zeigt die Strukturlogik der apriorischen Setzung ihren Exzess: Sich selbst setzt sie durch in der exzessiven Wiederholung von sich selbst, in Propaganda, ‚Ermächtigung‘, Säuberungen, innen und außen. Und den Feind streicht sie exzessiv durch, in der Errichtung von Lagern, die zu Vernichtungslagern werden und irgendwann ebenfalls, gleichsam von selbst, stets neues ‚Material‘ zur Vernichtung erfordern, wie eine im höchsten Maße pervertierte Produktionsmaschinerie.

Auch Heideggers Philosophie bedenkt eine dogmatische Setzung, aber nicht als bloße Voraussetzung, sondern als Problem: das ‚Sein‘, das zum einen irgendwie ‚immer schon‘ vorausgesetzt ist, das zum anderen sich aber jeder begrifflichen Festlegung gleichsam ‚entzieht‘. Wer das ‚Sein‘ einzuholen versucht, es wirklich versucht, der gerät in einen Exzess, denn er muss gerade das zu verwirklichen suchen, was sich nicht verwirklichen lässt. Und umgekehrt: ist das ‚Sein‘ einmal vorausgesetzt, aber stets in Gefahr, zu verschwinden, muss es irgendwann Instanzen geben, die dafür sorgen, dass es verschwindet. Diese Instanzen sind keine realen Personen oder auch nur ideologische Figuren; sie ergeben sich schlicht deswegen, weil die Nivellierung philosophisch immer mächtiger ist als die Differenzierung. Philosophie kann immer nur eine Sache in den Blick nehmen, während gleichzeitig – aus ihrer Sicht – in ungezählten anderen genau das zum Verschwinden gebracht wird, was man philosophisch zum Vorschein bringen will. – Und so agiert Heidegger auch: Auf der einen Seite steht die philosophische Tradition (zunächst), die insgesamt die ‚Seinsfrage‘ vergessen hat, Akteure also, die dafür gesorgt haben, dass die Differenzierung nicht stattgefunden hat. Und auf der anderen Seite steht Heidegger selbst, mit der immer exzessiveren Frage nach dem ‚Sein‘ bzw. dem ‚Seyn‘ und dem ebenso exzessiven Versuch, es irgendwie zur Sprache zu bringen.

Dieses Problem eines strukturlogischen Dogmatismus braucht aber keine Ideologie um zu funktionieren – es findet sich eingeschrieben in die Philosophie selbst und ihre Probleme, von Platon, vielleicht sogar schon von Heraklit an. Es ist sowohl der Ansatzpunkt, von dem aus die Philosophie sich insgesamt – bei Platon gegen die Sophisten – konstituiert, als auch die Gefahr, in die jede Philosophie gerät, die nach einem ‚Ersten‘ oder ‚Letzten‘ fragt.
Interessanterweise reflektiert Heidegger einen solchen Dogmatismus sogar, mit explizitem Bezug auf die ‚Juden‘:

„Jeder Dogmatismus, er sei kirchlich-politisch oder staatspolitisch, hält notwendig jedes von ihm scheinbar oder wirklich abweichendes Denken und Tun für eine Zustimmung zu dem, was ihm, dem Dogmatismus, der Feind ist – seien das die Heiden und Gottlosen oder die Juden und Kommunisten. In dieser Denkweise liegt eine eigentümliche Stärke – nicht des Denkens – sondern der Durchsetzung des Verkündeten.“ (GA 95, 325)

An anderer Stelle bemerkt er, mit deutlichem Bezug auf Carl Schmitt:

„[A]lle ‚Kämpfe‘ um Lehrmeinungen und Lehrsätze, ‚Kämpfe‘ für eine ‚religiöse« oder ‚politische‘ ‚Dogmatik‘ können als Durchgang unvermeidlich sein [!], sie sind keine Kämpfe, weil sie der Freiheit entbehren, kraft deren sie am Gegner wachsen; der Mangel an Freiheit geht so sehr ins Wesentliche, daß solche ‚Kämpfer‘ nicht einmal den Gegner wählen, d. h. sich selbst dabei in Frage stellen können […].“ (GA 95, 83)

Und mit einer für den Leser beinahe schmerzhaften (und von Heidegger selbst explizit durchgestrichenen!) reflexiven Pointe bemerkt er an wieder anderer Stelle:

„Kämpfer – einmal sind jene, die stets einen Gegner brauchen und ihn, falls er fehlt, sich erfinden und sich und anderen als einen solchen vortäuschen; ohne den Gegner erlahmen sie in der Rat und Ziellosigkeit, und um diesem zu entgehen, kämpfen sie im Grunde stets um das jeweilige wirkliche oder scheinbare Vorhandensein von Gegnern und machen sich von diesem abhängig.

Zum anderen sind jene, die nur in dem stehen, wofür sie kämpfen und die Gegner nicht brauchen und wenn solche sind, diese von sich abhängig und d. h. selbst ziellos machen. Der höchste Kampf solcher Kämpfer – die sich gar nicht als solche bezeichnen [!] – ist der für die Ermöglichung des Austrags wesentlicher Entscheidungen

Nicht um Besitz und Erfolg, nicht um Macht und Genuß wird gekämpft, sondern für einen Anfang der Seinsgeschichte.“ (GA 96, 42)

Es ist genau dieses Zitat, das deutlich machen kann, inwiefern Heideggers Reflexionen, die er in den ‚Schwarzen Heften‘ niedergelegt hat, von einer seltsamen Inkonsistenz begleitet werden. Schon im Brief an Schwoerer setzte Heidegger hinzu: „… wenn wir imstande sind, ohne Hetze und unfruchtbare Auseinandersetzung, frischen Kräften zur Entfaltung zu verhelfen.“ (vgl. Vetter, ebd.) – Ist die „wachsend[e] Verjudung“, der man sich „endgültig“ ausliefert, ist dieser Ausdruck keine Hetze? – Und nun hier, in diesem Zitat: Der „Kämpfer … für einen Anfang der Seinsgeschichte“, der „sich gar nicht als solche[r] bezeichne[t]“; der nicht nur die ‚Juden‘ in 15 bzw. 19 Passagen der ersten drei Bände der ‚Schwarzen Hefte‘ als ‚Gegner‘ auszeichnet, sondern auch viele andere – und der „die Gegner nicht brauch[t]“?

Zuvor – in der Passage aus Band 95 – ist die Wahl des ‚Gegners‘, an dem man „wachsen“ und „sich selbst dabei in Frage stellen“ kann, doch gerade das, was den ‚Kämpfer‘ auszeichnet, der sich nicht dem Dogmatismus hingibt. Sind sie nicht eigentlich „keine Kämpfe“, eben deswegen, weil sie einer Auseinandersetzung mit dem ‚Gegner‘ entbehren?
Wie ist schließlich Heideggers Einschätzung des Dogmatismus mit Blick auf sein eigenes Denken zu verstehen? Hält man diesen Satz

„Kämpfer – […] sind jene, die stets einen Gegner brauchen und ihn, falls er fehlt, sich erfinden und sich und anderen als einen solchen vortäuschen; ohne den Gegner erlahmen sie in der Rat und Ziellosigkeit, und um diesem zu entgehen, kämpfen sie im Grunde stets um das jeweilige wirkliche oder scheinbare Vorhandensein von Gegnern“

neben jenen Satz

„Die Frage nach der Rolle des Weltjudentums ist keine rassische, sondern die metaphysische Frage nach der Art von Menschentümlichkeit, die schlechthin ungebunden die Entwurzelung alles Seienden aus dem Sein als weltgeschichtliche ‚Aufgabe‘ übernehmen kann“

so erscheint Heideggers Denken doch gerade als eines, das einen ‚Gegner‘ braucht und ihn sich erfindet. Und wenn Heidegger den Gegner braucht – kennzeichnet er damit nicht seine eigene Rede als dogmatisch aus? Denn „[j]eder Dogmatismus … hält notwendig jedes von ihm scheinbar oder wirklich abweichendes Denken und Tun für eine Zustimmung zu dem, was ihm, dem Dogmatismus, der Feind ist – seien das die Heiden und Gottlosen oder die Juden und Kommunisten. In dieser Denkweise liegt eine eigentümliche Stärke – nicht des Denkens [!] – sondern der Durchsetzung des Verkündeten.“

Eines sollte im Durchgang durch die – hier historisch nicht weiter abgegrenzten – Passagen deutlich geworden sein: Das bloße Aufgreifen von Zitaten aus den ‚Schwarzen Heften‘, das konsequent nicht nur für eine ideologiekritische These durchgeführt wird, die nur nach Bestätigung ihrer eigenen Voraussetzung sucht, sondern das auch andere Stellen aus denselben Schriften in derselben Weise danebenlegt, kann zu einem Ergebnis führen, das weniger Planung, als Konfusion und Inkonsistenz anzeigt. Und vielleicht zeigt eine solche Praxis noch einmal auf, dass wir es in den ‚Schwarzen Heften‘ mit so etwas wie ‚Denktagebüchern‘ (P. Trawny) zu tun haben – und weniger mit einem ausgearbeiteten System, in dem nun der ‚eigentliche‘ Sinn von Heideggers Denken offengelegt wird.

Schon allein die wenigen hier genannten Stellen erzeugen mannigfaltige, auch reflexive Inkonsistenzen – und will man diese nicht einfach per Handstreich als extrem ausgeklügelte Strategien ‚entlarven‘, mit denen Heidegger seine Leser am Ende des Weges der Gesamtausgabe quasi foppen möchte, dann muss man eventuell doch konzedieren, dass eine Analyse der ‚Schwarzen Hefte‘ nicht durch die bloße Aufzählung der antisemitischen Passagen erledigt ist. Man muss nicht Heideggers berühmtes Diktum vom notwendigen Irrtum in der Philosophie bemühen, um festzustellen, dass in diesen Heften auch Vieles nicht zuendegedacht, Vieles nur angedacht ist. Dass es Notizbücher sein können, in denen auch viel Unsinn, auch schrecklicher, auch menschenverachtender, auch zynischer Unsinn steht. Nur weil ein Philosoph spricht, hat nicht gleich alles, was er sagt, eine tiefere Bedeutung. Das heißt umgekehrt nicht, dass das nun auszuschließen wäre. Aber das heißt, dass – wiederum umgekehrt – auch diese Möglichkeit nicht von Vornherein ausgeschlossen werden darf.

*) zit. nach: Vetter, Helmuth: Grundriss Heidegger. Ein Handbuch zu Leben und Werk, Hamburg 2014, S. 413.

**) zit. nach: http://www.hoheluft-magazin.de/2015/02/heidegger-enthuellung/

***) vgl. dazu auch den Artikel von Luca Di Blasi: https://www.academia.edu/10242065/Au%C3%9Ferhalb_des_Logos._Die_Expansion_des_seinsgeschichtlichen_Antisemitismus

****) vgl. z. B. hinsichtlich der strukturlogischen Analogien Sarah Jansen, ‚Schädlinge‘, Geschichte eines wissenschaftlichen und politischen Konstrukts 1840-1920, Frankfurt a. M. 2003

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5 Kommentare

  1. Die hier verwendete voluntaristisch gewendete herakliteische „Kampf“-Begriff (polemos) wäre auch vor dem Hintergrund von dessen widersprüchlichem Vorkommen in der Rektoratsrede und der Einführung in die Metaphysik zu lesen. Dort: „Polemos und logos sind dasselbe.“

    „Der hier gemeinte Kampf ist ursprünglicher Kampf; denn er läßt die
    Kämpfenden allererst als solche entspringen.“ Derrida hat Heideggers „Kampf“ in „Heideggers Ohr“ eingehend analysiert.

  2. Mir ist nicht klar, was mit der Beobachtung gewonnen ist, „dass in diesen Heften auch Vieles nicht zuendegedacht, Vieles nur angedacht ist“. Will der Autor damit sagen, dass der Antisemitismus, der in den Heften zu finden ist, nicht zuendegedacht, nur angedacht ist? Und wenn dies so wäre, würde es sich deshalb dann mehr lohnen, die Hefte zu lesen, als wenn in ihnen der Antisemitismus zudendegedacht wäre?

    1. Vielen Dank für Ihren Kommentar. – Ihre Frage weist zwei Voraussetzungen auf, die Sie in die Irre führen. Sie gehen davon aus, dass „mit der Beobachtung“ etwas „gewonnen“ sein muss und Sie fragen sich, was „der Autor damit sagen [will]“. Ersteres legt an den Text den Anspruch eines festen Ergebnisses an, das man hat, wenn man ihn fertiggelesen hat. Zweiteres fragt nach einem Sinn ‚hinter‘ dem Text, so, als wäre das, was dort geschrieben steht, nur Platzhalter für eine geheime Intention.

      Diese Voraussetzungen führen Sie deswegen in die Irre, weil der Text ihnen von vornherein nicht genügen kann. Wer von einem philosophischen Text ein festes Ergebnis verlangt, behandelt ihn präzise nicht als einen philosophischen, sondern als einen wissenschafltichen oder technischen Text. Anders gesagt: Das, was mit meinen Beobachtungen für Sie „gewonnen“ ist, liegt ganz in Ihrer Hand. Denn ich kann die Kontexte, die Sie mitbringen, nicht vorhersehen. Die – zudem aus dem Kontext der Argumentation gerissene – Stelle kann z. B. so gelesen werden, dass sie davor warnt, den Text als ein festes Ergebnis zu nehmen, was er – erklärtermaßen – eben nicht ist. Dass Sie diese Möglichkeit nicht sehen können, ergibt sich evtl. aus dem Umstand, dass Sie auch von meinem Text ein festes Ergebnis erwarten, also genau die Erwartungshaltung schon als geltend voraussetzen, die hier in Frage gestellt wird.

      Wer auf der anderen Seite von einem Text annimmt, dass er nur Platzhalter für einen Sinn ‚dahinter‘ ist, gerät in einen endlosen Regress. Denn diese Spekulation über den ‚eigentlichen‘ Sinn reißt nie ab, hat sie doch stets nur den vorliegenden Text als Kriterium der Beurteilung. Sie können endlos nach dem ‚dahinter‘ liegenden Sinn fragen, eben weil Sie aus endlos verschiedenen Richtungen fragen können. Die Annahme des ‚einen‘ Textsinns führt so in die Irre.

      Aus logischer Sicht würde ich anmerken, dass die Aussage, dass „Vieles nicht zuendegedacht, Vieles nur angedacht“ ist, nicht dasselbe ist wie ‚Alles ist nicht zuendegedacht, alles ist nur angedacht‘. Da ich zudem den Antisemitismus explizit als einen solchen (offenbar in einer bestimmten Hinsicht zuendegedachten) behandle, geht Ihre Frage nach dem „Antisemitismus, der in den Heften zu finden ist“, aus logischer Sicht am Text vorbei. Entsprechend hinfällig ist die angeschlossene Annahme nach „Und wenn dies so wäre…“, weil es eben nicht so ist. Wobei man natürlich jederzeit darüber nachdenken kann, in welcher Hinsicht genau der Antisemitismus als einer verstanden werden kann, der „nicht zuendegedacht, … nur angedacht“ ist. In einer Hinsicht – nämlich der angegebenen – ist er durchaus zuendegedacht, wenngleich nicht unbedingt von Heidegger. In einer anderen Hinsicht dient er vielleicht als Ansatz einer ideologisch inspirierten Kritik der Seinsvergessenheit o. ä.

      Ihr falsches Dilemma – entweder zuendegedacht oder nicht zuendegedacht – verfehlt also den Blickpunkt des Textes. Denn der arbeitet sich genau an dem Zusammenspiel dieser beiden Hinsichten ab, die sich keineswegs ausschließen (oder eben nur, wenn man ‚den einen Textsinn‘ voraussetzt).

      Ob die Lektüre von Heideggers Texten für Sie „lohnenswert“ erscheint, müssen Sie selber entscheiden. Ich beziehe dazu keine Stellung, weil ich Fragestellungen nach dem Schema ‚für oder gegen Philosophen x‘ (oder ‚Text x‘) für philosophisch unfruchtbar halte. Umgekehrt formuliert: Aus meiner Perspektive ist die Hinsicht, in der der Antisemitismus zuendegedacht ist, ebenso „lohnenswert“ wie die Hinsicht, in der er das nicht ist.

      Sie sehen: Es hängt alles an Ihrer impliziten Voraussetzung, mit einer Beobachtung müsse etwas bestimmtes „gewonnen“ sein und der „Autor“ wolle etwas mit einem Text „sagen“. Suspendieren Sie diese Voraussetzungen. Vielleicht fällt Ihnen dann an meinem Text eine andere Aufmerksamkeit auf als die, die Sie zu üben gewohnt sind.

      1. Ich bleibe bei meiner Frage, was mit der Beobachtung, dass Heidegger etwas nicht zuendegedacht hat, gewonnen ist. Aber ich verstehe den Kommentar zu meiner Frage so, dass weder der erste Text dieses blogs, auf den sich meine Frage bezogen hatte, noch die Erwiderung auf meine Frage geschrieben wurden, um meine Frage zu beantworten.
        Ich hatte den ersten Text des blogs mit dieser Erwartung gelesen:
        Heidegger hat in den Schwarzen Heften Gedanken verfasst, die er zur Veröffentlichung vorgesehen hat. Der Autor dieses Eintrages ueber Heideggers Schwarze Hefte wendet sich nun an die, die die Hefte entweder gar nicht gelesen habe oder gelesen haben und negativ kommentiert haben, und sagt, dass fuer ihn Heidegger in den Heften unfertige Gedanken verfasst habe, und dass deshalb eine Kritik, die die Texte der Hefte als fertige Gedanken läse, die Absicht der Hefte und das in ihnen dokumentierte Vorgehen falsch beurteile.
        Meine Frage dazu war nun: Wenn die Hefte keine fertigen Gedanken enthalten, sind sie dann nach Ansicht des Autors dieses blogs jeder Kritik entzogen?

      2. „Wenn die Hefte keine fertigen Gedanken enthalten, sind sie dann nach Ansicht des Autors dieses blogs jeder Kritik entzogen?“ – Nein, sind sie natürlich nicht. Die Verneinung der Verabsolutierung einer bestimmten Form von Kritik – i. e. die Unterstellung einer ideologischen Haltung und die (vermeintliche) Bestätigung derselben durch bestimmte Passagen – ist nicht dasselbe wie die Verneinung von Kritik überhaupt. Denn die Verneinung von ‚Alles‘ ist nicht ‚Nichts‘, sondern ‚Nicht-Alles‘.

        „Keine fertigen Gedanken“ bedeutet nicht, dass dort keine Gedanken formuliert wären. Aber es bedeutet, dass man nicht einfach ohne Weiteres das, was in den SH veröffentlicht wurde, zu Heideggers philosophischem Werk zurechnen kann. D. h. man muss Abstufungen machen: Es gibt Texte, die Heidegger zu Lebzeiten selbst als Monographien veröffentlicht hat. Es gibt die Gesamtausgabe, die verschiedene, auf bestimmte Weise aufeinander bezogene Textsorten zur Verfügung stellt. Darin sind enthalten Vorlesungen, Aufsatzsammlungen und die genannten Monographien, aber auch Notizen zu unveröffentlichten Werken und eben durchlaufende Notizbücher wie die SH. Wie sich was worauf bezieht, muss im Einzelfall und kann nicht durch pauschale Zuordnungen geklärt werden. Manches in den SH wird in anderen Texten vorweggenommen. Manches darin stellt frühere Texte in ein neues Licht. Wieder manches eröffnet neue Perspektiven. Und wiederum manches ist offenbar Ausdruck einer ideologischen Haltung, die dem philosophischen Denken ganz zuwiderläuft. An diesen Differenzierungen muss man, nach Meinung des Autors dieses Blogs, Kritik ausrichten.

        „dass deshalb eine Kritik, die die Texte der Hefte als fertige Gedanken läse […] das in ihnen dokumentierte Vorgehen falsch beurteile“ ist also korrekt (von einer „Absicht“ habe ich nirgends gesprochen und das wird auch bei Wiederholung nicht richtiger).

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