Fragen und Antworten zur ‚Logik für Demokraten‘ und zur argumentationslogischen Praxis im Netz

„Wofern Hegel seine ganze Logik geschrieben und im Vorwort geschrieben hätte, dass es sich nur um ein Gedankenexperiment handelt, in welchem er sich an vielen Stellen vor etwas gedrückt habe, so wäre er der größte Denker geworden, der gelebt hätte. Nun ist er komisch.“ (Kierkegaard: Tagebücher I, 338)

 

Mein im März erschienenes Buch ‚Logik für Demokraten‘ hat – erwartungsgemäß – einige Fragen aufgeworfen. Einige Rezensionen sind von einem allzu formalen oder idealen Begriff von ‚Logik‘ ausgegangen. Andere fanden sich in dem etwas wohlfeilen – weil die Sache nicht ganz zu Ende denkenden – Urteil wieder, mit Dogmatikern, „Populisten“, Extremisten zu diskutieren sei per se sinnlos. Der Anspruch einer ‚Logik für Demokraten‘ sei entsprechend naiv. Wenige polemische Beiträge konnten wiederum keinen Zusammenhang herstellen zwischen dem Anspruch auf argumentative Redlichkeit, den das Buch erhebt, und meiner Praxis praktischer Argumentationsanalyse in den sozialen Netzwerken.

Stellungnahmen, zumal die eines Philosophen, können hilflos wirken. Sie werden oft als das erste Zeichen dafür gewertet, dass sich sein philosophisches Genie unverstanden fühlt. Entsprechend giftig fallen Publikumsbeschimpfungen und Belehrungen von Rezensenten aus. In diesem Fall allerdings ist die Irritation, die mein Buch und meine Praxis erzeugen, von vornherein eingepreist. Sie ist sogar so etwas wie der eigentliche Gewinn dieser Praxis – nicht das Rechthaben oder die absolute Herrschaft der Vernunft wird angestrebt, sondern nur die Infragestellung absoluter Geltungsansprüche ohne hinreichende gute Begründung. Dafür reichen leichte – oder auch mittelschwere – Irritationen schon aus.

Oft kann man – insbesondere auf den sozialen Netzwerken – heftige Abwehrreaktionen bei meinen Gesprächspartnern beobachten. Das hat zu der Frage geführt, ob solche heftigen Abwehrreaktionen nicht kontraproduktiv sind oder sogar ein verstecktes Problem meines Ansatzes anzeigen. Deswegen habe ich mich dazu entschieden, meine Arbeit ein stückweit zu erklären. Ich komme darin auch auf meine Facebook-Arbeit zu sprechen – wer also immer schon mal wissen wollte, warum ich mache, was ich mache, wie ich es mache, könnte hier ein paar Antworten finden…

Worum geht es in Ihrem Buch ‚Logik für Demokraten?

In meinem Buch geht es darum, zur Versachlichung der Debatte beizutragen, indem man denjenigen, die vorher sprachlos waren oder nur mit aggressiver Abwehr reagieren konnten, ein sachliches Werkzeug in die Hand gibt. Es geht darum, das Publikum, das der populistisch Argumentierende durch „Überwältigungsreden“ (Hans Hütt) in seine Gedankenwelt zu zwingen versucht – und dabei darauf angewiesen ist, dass der zu Überwältigende stillhält –, mit analytischer Aufmerksamkeit für die dabei verwendeten Strategien auszustatten. Es geht auch um die, mit dieser Aufmerksamkeit verbundene, Gelassenheit in der Erkenntnis, dass, was so mannigfaltig und unübersichtlich scheint, eigentlich immer dasselbe ist. Und es geht darum, dass jeder, der sachlich mit jemandem umgeht, der sich populistischer Argumentationsweisen bedient, ein Vorbild sein kann für alle, die ihm dabei zusehen.

Eine Debattenkultur verändert man nicht dadurch, dass man ihr ein Regelwerk aufoktroyiert oder dass man einfache Lösungen behauptet. Sie ist eine Kultur, weil wir diese Kultur in jedem Gespräch, das wir führen, immer wieder neu herstellen. Sie besteht nicht irgendwie unabhängig von uns, sondern sie basiert auf unserer eigenen Gesprächspraxis.

In meinem Buch geht es darum, diese unsere Gesprächspraxis um einen neuen (zugleich aber sehr alten) Aspekt zu erweitern. Es geht um die Ergänzung um, nicht um die Ersetzung unserer Gesprächspraxis durch, die Logik. Und „Logik“ meint in meinem Buch eben nicht ein feststehendes Regelwerk, das von irgendwelchen Annahmen über immer schon vernünftig urteilende Personen ausgeht. Um das zu verstehen, kann man mein Buch ‚Vom Gebäude zum Gerüst‘ lesen – oder eben die Einleitung von ‚Logik für Demokraten‘.

Wollen Sie mit Ihrem Buch Populisten bekehren? Das kann nicht funktionieren!

Zunächst einmal handelt mein Buch gar nicht von „Populisten“, sondern es handelt von Teilnehmern im Gespräch, die sich bestimmter Argumentationsformen bedienen. Einige dieser Argumentationsformen lassen sich, so behaupte ich, mit guten Gründen als „populistisches Denken“ bezeichnen. Zunächst einmal geht es mir also darum, zu verstehen, wie dieses „populistische Denken“ funktioniert. Diese Analyse richtet sich dann aber nicht nur an diejenigen, die sich mit diesem „populistischen Denken“ konfrontiert sehen, sondern auch an diejenigen, die diese Argumentationsformen gebrauchen. Denn „populistische“ Argumentationen weisen bestimmte Schwächen auf, die man umgehen kann, wenn man sie kennt.

Schon Aristoteles wusste aber, dass man jemanden, der um jeden Preis von vornherein Recht behalten will, nicht überzeugen kann. Er empfiehlt am Ende seiner Topik den Abbruch der Diskussion – denn „man würde sich selbst vergeben.“ Sein Lehrer Platon zeigt aber in seinem Dialog Thrasymachos (in Buch I seiner berühmten Politeia) einen anderen Weg: Wenn man sich nicht gerade in einem privaten Einzeldialog mit einem Dogmatiker befindet, schauen oder hören immer Dritte dem gemeinsamen Gespräch zu. Und wenn man auch mit dem Dogmatiker diskutiert, so kann man auch für diese Dritte zeigen, dass und inwiefern seine Thesen dogmatisch sind. Das Gespräch mit einem Dogmatiker ist also keineswegs sinnlos – es schult die Zuhörer und im besten Falle greift, wie in Platons Dialog, das bislang nur zuhörende Publikum in das Geschehen ein und verlangt die Vorlage von Gründen.

Was meinen Sie mit ‚Logik‘? Denken alle Menschen immer logisch? Sollen alle Menschen immer logisch denken?

„Logik“, wie ich sie verstehe, ist zunächst einmal die Beschreibung einer Praxis. Diese Beschreibung bezieht sich auf das, was jemand in einer Rede in ein Verhältnis gesetzt hat. Sie behauptet weder, dass das alles ist, was man beschreiben kann, noch behauptet sie, dass jede Person schon alles so in ein Verhältnis setzt oder auch nur setzen muss, dass es richtig ist. Das wäre eine normative Auffassung von Logik, die ich aber nicht vertrete.

Ich vertrete eine beschreibende, also deskriptive Auffassung von Logik. Sie beschreibt, wie in einer Rede Behauptungen und Begründungen in ein Verhältnis gesetzt sind, ob zu einer Behauptung überhaupt Gründe gegeben wurden oder ob es sich einfach nur um Behauptungen handelt. Wenn Gründe gegeben werden, beschreibt sie, worauf sich diese Gründe stützen: zumeist auf Voraussetzungen, die in bestimmten Begriffen oder in – in der Rede mitformulierten – Geltungsansprüchen liegen. Das bedeutet: „Gründe“ oder „Voraussetzungen“ sind nicht das, was der Argumentierende „im Kopf“ hat – darauf hat eine beschreibende Logik keinen Zugriff. „Gründe“ oder „Voraussetzungen“ sind das, was in der Rede gegeben ist.

Das platonische Verständnis von „Dialektik“ als der Kunst der Gesprächsführung orientiert sich aus Gründen der Fairness an der gegebenen Rede. Und zwar deswegen, weil nur diese Rede – nicht aber stille Absichten, Meinungen oder Überzeugungen – für alle Anwesenden gegeben ist. Deswegen übernimmt es aus dem Gerichtswesen den Begriff für die „Rechtfertigung“ einer Rede: „logon didonai“, eine „Rede (ge)geben“. Wessen Rede so betrachtet wird, der wird – von vornherein – als gleichberechtigter Gesprächspartner unter gleichberechtigten Gesprächspartnern gesehen. Warum? Weil die Absehung von der Person nicht aus moralischen, sondern aus schlicht logischen Gründen geboten ist: Ich kann nur über das reden, was andere in ihrer Rede gegeben haben.

Spielt diese Form der Auseinandersetzung nicht einfach nur philosophische Überlegenheit gegen andere aus?

Es ist richtig, dass nicht jeder die Aufmerksamkeit auf Argumente und ihre Strukturen so weit entwickelt hat wie ich. Deswegen handelt es sich bei dialektischer Argumentation – per se – auch immer um eine didaktische Form des Gesprächs. Man geht nicht nur auf eine bestimmte Weise mit der Rede des Anderen um – man zeigt in diesem Umgang auch, wie man damit umgeht. Das – zum Teil umfängliche – Begründen der behaupteten fehlschlüssigen Zusammenhänge versucht nicht Unwissen mit Wissen zu schlagen, sondern versucht, die Aufmerksamkeit des Gesprächspartners begründet auf etwas zu lenken, was ihm möglicherweise noch nicht aufgefallen ist. Und das nicht, um den Dialektiker – also mich – als besonders überlegen, potent oder allwissend zu erweisen. Sondern um das Argument des Gegenübers besser zu machen.

Warum geht das nicht freundlicher / höflicher / in einem Ton, der mir gefällt / unter Voraussetzungen, die mir passen?

Oft wird von mir gefordert, ich solle doch zumindest rhetorisch viel verbindlicher werden. Die Leute fühlten sich gestört oder genervt, wenn jemand Ihnen Fehler aufzeige. Und damit würde ich meinen Ansatz schlecht verkaufen. Aber rhetorische Verbindlichkeit besteht zu sehr großen Teilen darin, dass man bestimmte Voraussetzungen – z. B. implizite Vorstellungen bezüglich des sozialen Umgangs – schon akzeptiert. Sie kann auch darin bestehen, dass eigentlich fehlschlüssige Zusammenhänge als geltend anerkannt werden sollen. Man kann mit rhetorischer Verbindlichkeit auch alle Arten von sozialer Hierarchie ausdrücken, bis hin zu Voraussetzungen über Geschichte, Gesellschaft, Stil, die Psyche oder die Natur.

Ein Ansatz, dem es gerade darum geht, stille Voraussetzungen auf ihr Geteiltwerdenmüssen zu befragen, kann nicht zugleich laufend stille Voraussetzungen machen. Das würde in einen Zirkelschluss führen. Der Dialektiker, in meinem Verständnis, muss also die Irritation in Kauf nehmen, die seine Kritik (von ‚krînein‘, ‚prüfen‘) beim Anderen auslöst. Weil er sie schlicht nicht vermeiden kann, kann er aber auch diese Irritation zu einem didaktischen Instrument werden lassen.

Das ist der klassische Weg des sokratischen Gesprächs. Es beginnt dort, wo jemand etwas zu wissen meint. Wir würden heute sagen: Etwas für selbstverständlich hält. Die Befragung durch Sokrates erweist dieses Fürwahrhalten aber als einen Schein – nicht etwa, weil Sokrates es besser weiß. Sondern weil der, der etwas zu wissen meint, das eigene Wissen nicht gut verteidigen kann. Das vermeintliche Wissen entpuppt sich als bloße Meinung. Die kann man haben und das ist auch kein Fall für den Dialektiker. Sobald man aber behauptet, diese Meinung sollte gelten, muss man sie auch rechtfertigen können.

Hinzu kommt: Je dogmatischer, je polemischer, je selbstverständlicher mir jemand gegenübertritt, desto sachlicher und strenger bin ich in meiner Reaktion. Denn Dogmatismus, Polemik und Selbstverständlichkeit involvieren Geltungsansprüche, die auch mich betreffen sollen. Vieles von dem, was meine Gesprächspartner als anfänglichen Angriff interpretieren, ist also eine Reaktion auf ihren eigenen dogmatischen Anspruch. Eine Reaktion – keine Abwehr. Ich bin kein Opfer dieses Anspruchs, sondern ich stelle ihn. Oft beinhaltet die Gegenreaktion auf meine Sachlichkeit und Strenge noch mehr Polemik und Aggression. Aus meiner Sicht liefert mir das Gegenüber damit aber nur noch mehr Beispiele, an denen ich die Problematik seines Anspruchs deutlich machen kann. Der unproduktive Kreislauf, der daraus entstehen kann, kann aber wieder zum didaktischen Instrument werden – man kann ihn einige Zeit laufen lassen oder man kann ihn durchbrechen. Und zeigt dadurch dem Anderen, dass und wie man das macht.

Je verbindlicher, freundlicher, fragender mein Gegenüber wird, desto verbindlicher, freundlicher, weniger streng antworte ich. Man bestimmt also selbst über den „Ton“, mit dem man konfrontiert wird. Das auch das einen didaktischen Sinn haben kann, versteht sich von selbst (kleiner Dialektiker-Scherz).

Und die Auseinandersetzungen auf Facebook? Sind Sie so „zornig“ wie Ihr Nachname nahelegt?

Wer eine Praxis zu lehren hat, führt sie exemplarisch vor. Deswegen führe ich meine Beschreibungen oft recht stoisch und streng durch: Sie sollen etwas sehenlassen. Dass damit Irritationen, Abwehr und Selbstversicherungen – bis hin zur Selbstimmunisierung und zur offenen Aggression – verbunden sind, ergibt sich aus der (reflexiven) Logik des Selbstverständlichen. Was von selbst verständlich scheint, vermittelt Sicherheit. Ein Philosoph, der das in Frage stellt, versucht einem diese Sicherheit zu nehmen. Das fühlt sich für viele Gesprächspartner wie ein Angriff an, gerade dann, wenn man die eigenen Meinungen zu Eigenschaften der eigenen Person macht.

Manche können auch mit der klaren – und oft auch sehr kalt erscheinenden – Form von Sachlichkeit nicht gut umgehen, die mit meinen exemplarischen Argumentationen oft verbunden ist. Sie brauchen die implizite rhetorische Verbindlichkeit, denn in ihr gibt es, auf die eine oder andere Weise, immer einen Ausweg. Sachlichkeit und der sehr direkte Bezug auf die eigene Rede – die man selbst vielleicht ganz anders wahrnimmt – kann einem das Gefühl geben, festgestellt oder festgenagelt zu werden.

Beides sind Irritationen, die man ablehnen kann: Fehlende Sicherheit kann man kompensieren, indem man umso fester etwas behauptet, es wiederholt oder die eigene Meinung zur polemikstarrenden Festung macht. Die fehlende rhetorische Verbindlichkeit kann man jederzeit als Unfreundlichkeit, absichtliche Härte oder Unhöflichkeit bzw. Frechheit betrachten.

Man kann diese Irritationen aber auch in einem anderen Licht sehen. Wo einen die simple Frage nach Gründen oder Rechtfertigung in einen Abwehr-Exzess führt, könnte es sein, dass man etwas nachzuholen hat. Auch dafür bin ich da, denn ich bin nicht Sokrates. Und wer sich durch das Fehlen von rhetorischer Verbindlichkeit – die einem ja auch eine gewisse Form von Sicherheit gibt – nicht allzu sehr erschüttern lässt, der kann irgendwann beides, rhetorisch verbindlich und nur sachlich oder auch mit dialektischer Aufmerksamkeit sprechen. Und hat seine Möglichkeiten, wie auch immer, erweitert.

Meine Botschaft ist dabei stets dieselbe: Lernt aus Euren eigenen Irritationen. Was ich beschreibe, ist aus meinem eigenen Lernen aus meinen eigenen Irritationen entstanden. Ich habe zuerst auch nicht verstanden, warum ich auf bestimmte Argumente keine Antwort habe. Das heißt: Ich kenne den Prozess der – oft schmerzhaften – „Umwendung“ aus eigener Erfahrung. Meine Argumentationen sind nicht nur Einsprüche und Widersprüche, sie sind auch Angebote zum Erlernen einer Perspektive. Aber es handelt sich um Angebote im Sinne der Didaktik, nicht im Sinne eines zum Konsum gedachten Produkts.

Reicht diese Praxis alleine aus, um Philosoph zu sein? Beinhalten Angebote nicht immer auch ein Moment der nichtphilosophischen Verbindlichkeit?

Warum wähle ich also den Weg der Praxis? Wer Angebote im Sinne eines Produkts macht, sie rhetorisch verkleidet und attraktiv macht, akzeptiert Voraussetzungen. In meinem Fall bedeutet das: Das Produkt verliert seinen philosophischen Wert genau in dem Maße, wie es Wert im Sinne eines an Gefallen oder Missfallen, Geschmack oder Lust orientierten Geschäfts gewinnen würde. Dasselbe gilt für eine dialektisch unproblematische rhetorische Einkleidung: Das ist möglich und ich setze sie auch oft ein. Aber sie ist nur die Light-Version derjenigen Praxis, die ich zu lehren beanspruche. Entsprechend spielt sie die Neben-, nicht die Hauptrolle.

Und dann vertrete ich ja nicht nur diese Praxis. Sie ist ein Teil meiner philosophischen Arbeit, aber genau deswegen nicht einfach gleichzusetzen mit ihr. Neben meinem Versuch, eine bestimmte Praxis zu repräsentieren, bin ich auch ein systematischer Philosoph mit einer eigenen philosophischen Forschungsposition (eine Komparatistik reflexiver logischer Figurationen in philosophischen Texten). Ich habe zu verschiedenen Philosophen veröffentlicht und mich auf die beiden Philosophen Michel Foucault und Martin Heidegger spezialisiert.

Aber Sie könnten Ihr Wissen doch darlegen, anstatt es einfach anzuwenden! Handelt es sich also am Ende doch um eine Form von Herrschaftswissen?

Ich habe mein Wissen ja dargelegt: Ich habe eine umfassende Begründung dieses Ansatzes geliefert (in ‚Vom Gebäude zum Gerüst‘). Ich habe die verschiedenen Argumentationsformen systematisch erschlossen – und schon hier mit populären Darstellungsformen experimentiert (‚Na logisch!‘, die Logik-Kolumne bei der Hohen Luft). Und ich habe die von mir vorgeschlagene Praxis – mit einer bestimmten thematischen Ausrichtung – in einem Buch vorgelegt (‚Logik für Demokraten‘).

Das Problem mit Wissen ist, dass derjenige, der es aufnimmt, dazu neigt, es in seinen bestehenden Wissenshorizont einzuordnen oder danach zu bewerten. Und auch hier stellt sich wieder das Problem der Voraussetzungen: Wieviel Sinn kann ein Ansatz noch machen, der Voraussetzungen kritisch behandelt, wenn er an Voraussetzungen gemessen wird, die er von vornherein akzeptieren soll? Deswegen sind alle meine Texte auch Didaktiken. Sie zeigen eine Praxis, sie vermitteln nicht nur Wissen.

Was ich auf Facebook mache, ist also nur ein Teil meiner philosophischen Arbeit – genauer: das praktische Experiment, mit einem exemplarischen Diskurs etwas zu zeigen und zu schauen, wie weit man mit Praxis alleine kommt. Ich finde: ziemlich weit, bei aller Polarisierung, die so etwas mit sich bringt. Es ist Teil eines viel größer angelegten Projekts: Dialektisches Denken in verschiedenen Hinsichten wieder als eine philosophische Position möglich werden zu lassen. Auf Facebook erscheint das als exemplarische Praxis. In ‚Logik für Demokraten‘ wendet es sich in die dialektische Version politischer Bildung und wehrhaften demokratischen Denkens und Redehandelns. In ‚Vom Gebäude zum Gerüst‘ wird es zu einer systematischen Analyse rückbezüglicher logischer Strukturen in philosophischen und außerphilosophischen Kontexten aufgebaut. Jedes Teil erhellt das andere – und alle gemeinsam sind selbst ein Beispiel dafür, was „philosophische Praxis“ sein könnte.

Vielleicht hilft das ein wenig dabei, diese Praxis etwas besser verorten und verstehen zu können.

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3 Kommentare

  1. Guten Tag Herr Zorn,

    in ihren Buch führen Sie eine Reihe von logischen Fehlschlüssen an. Diesbezüglich laß ich vor kurzen einen Blogpost des Philosophen Maarten Boudry. Dieser schreibt z.b. zum Argument gegen die Person folgendes:

    ‚In The Demon-Haunted World, Carl Sagan unwittingly illustrates the problem with fallacy theory. In his section about ad hominem reasoning, Sagan writes – perhaps bending over backwards to show his good will – that even skeptics are sometimes guilty of ad hominem reasoning, as in the following example: “The Reverend Dr. Smith is a known Biblical fundamentalist, so her objections to evolution need not be taken seriously” (Sagan 1996, 212). The little vignette – as usual in these discussions – was dreamt up by Sagan himself. It’s just a pedagogical straw man, easy to knock down.
    But actually, unless Sagan’s argument is meant to be deductive (first prong), it is not fallacious at all (second prong). If we know that the good Reverend is an evangelical Christian, who dogmatically clings to a literal reading of Scripture, of course this will color our judgment about her arguments against evolutionary theory. I’d go even further: pragmatically speaking, this fact alone is reason enough to dismiss her arguments, and not to waste any further time on it. It’s simply naïve to think we have an obligation to scrutinize the arguments of every single crank. In an ideal world perhaps, with unlimited time on your hands, but not in this one. So ad hominem arguments are indispensable for navigating our way through a social world.‘

    https://maartenboudry.blogspot.de/2017/06/the-fallacy-fork-why-its-time-to-get.html?m=1

    Was meinen Sie dazu?

    Mfg.

    1. Nun, die Passage „unless Sagan’s argument is meant to be deductive (first prong), it is not fallacious at all (second prong)“ macht einen Kategorienfehler: Es verwechselt die Problematisierung der Ableitung von einer gegebenen Prämisse mit der Problematisierung einer gegebenen Prämisse als Fehlschluss. Entsprechend heißt es im nächsten Satz: „If we know that the good Reverend is an evangelical Christian, who dogmatically clings to a literal reading of Scripture, of course this will color our judgment about her arguments against evolutionary theory.“ Hier wird die These ad hominem als Faktizität vorausgesetzt, um dann einen korrekten Schluss daraus zu ziehen. Entsprechend expliziert der zweite Teil des Satzes „of course this will color our judgment about her arguments against evolutionary theory“ einfach den ersten Teil: „If we know that the good Reverend is an evangelical Christian, who dogmatically clings to a literal reading of Scripture…“

      Die Pointe am Fehlschluss ad hominem liegt jedoch gerade darin, aus der Tatsache, dass jemand auch ein „evangelical Christian“ ist, „who dogmatically clings to a literal reading of Scripture“ gerade nicht folgen zu lassen, dass dieser Umstand unsere Urteile über die Argumente „färbt“. Auch eine dogmatische evangelikale Christin kann gute Argumente vorbringen und diese Argumente sind nicht a priori von einer – explizit geäußerten („we know“) oder implizit unterstellten – ideologischen Haltung her zu beurteilen.

      Der Punkt an einer Kritik von Fehlschlüssen ist zudem keine Beschreibung von dem, was während unseres Urteilens abläuft, sondern eine Problematisierung dessen, was unsere Urteile zu nicht mehr geltungsfähigen Urteilen macht. Entsprechend ist die Wendung „of course this will color our judgment about her arguments against evolutionary theory“ trivial.

      Die Wendung „I’d go even further…“ täuscht vor, es wäre gerade ein Argument gegeben worden. Tatsächlich hat der Autor aber einfach eine Behauptung aufgestellt – „But actually … it is not fallacious at all“ – und zur Begründung schlicht zweimal die gleiche Unterstellung beschrieben, also einfach den Fehlschluss wiederholt (ad nauseam).

      Dass aus diesem ‚Nein, weil es eben doch so ist‘ dann ziemlich schlicht folgt, dass „pragmatically speaking, this fact alone is reason enough to dismiss her arguments“, ist wieder trivial. Die nächste Formulierung unterstellt eine angebliche Pflicht und wehrt dann die eigene Unterstellung ab: „It’s simply naïve to think we have an obligation to scrutinize the arguments of every single crank.“ Natürlich haben wir diese Pflicht nicht – niemand muss irgendwelche Argumente kritisieren. Der Punkt ist: Man kann ganz ohne ‚Nein, weil es eben so ist‘ zeigen, warum Argumente nicht funktionieren und muss dafür eben nicht auf ideologische Unterstellungen ad hominem zurückgreifen.

      1. Übrigens: Würden die Kriterien, die Boudry hier nennt, auch auf ihn zutreffen, könnte man seinen Beitrag mit dem schlichten HInweis erledigen, dass Skeptizisten wie er typischerweise Sophistik mit guter Argumentation verwechseln und die Mühe nicht wert sind. Was eine Version des skeptizistischen Selbstwiderspruchs ist.

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