Epimenides, der Kreter – oder: Was Sherlock Holmes und Sigmund Freud verbindet

Epimenides, der kretische Philosoph aus dem 7./6. Jahrhundert, ist den meisten aus dem Titel eines Paradoxons bekannt, das logisch eine Sonderform des sogenannten Lügner-Paradoxons darstellt: „Epimenides der Kreter sagt: alle Kreter lügen“. So ähnlich ist es jedenfalls in Paulus‘ Brief an Titus überliefert, Kapitel 1, Vers 12, von wo aus es über Clemens von Alexandria einen*) Weg in die logische Forschung findet:

„Denn es gibt viele, die sich nicht unterordnen, Schwätzer und Verblendete, besonders solche aus der Beschneidung, denen man das Maul stopfen muss, die ganze Häuser verwirren und lehren, was nicht sein darf, um schändlichen Gewinns willen. Es hat einer von ihnen gesagt, ihr eigener Prophet: Die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche. Dieses Zeugnis ist wahr. Aus diesem Grund weise sie scharf zurecht, damit sie gesund werden im Glauben und nicht achten auf die jüdischen Fabeln und die Gebote von Menschen, die sich von der Wahrheit abwenden.“ (Titus 1,10-14)

Die Pointe an dieser Paulusstelle ist, dass sie sich gegen die Irrlehrer richtet, also diejenigen, die „ganze Häuser verwirren“ und so Unfrieden in der Gemeinde stiften, und die nur durch die Wahrheit des Glaubens abgewehrt werden können. Die Irrlehrer sind „Schwätzer und Verblendete“, weil sie „lehren, was nicht sein darf“ – sie repräsentieren eine Situation in Unordnung, die dadurch in Ordnung gebracht wird, dass man auf die Wahrheit verweist, die von ihnen übersehen und übergangen wird.

Besieht man sich die Struktur des Lügner-Paradoxons genauer**), kann man erkennen, dass sich das Problem einer übersehenen und übergangenen Wahrheit dort eigentümlich wiederholt. Gemeint ist damit nicht das ewige Spiel im Satz des Lügners, der wahr ist, wenn dieser lügt und der gelogen ist, wenn er die Wahrheit sagt. Sondern die Frage, warum dieses endlose Spiel überhaupt beginnt. Den Kern des Paradoxons bildet, rein formal, ein Satz der Art „A : A ist falsch“. Als bloße Aussage von A betrachtet, handelt es sich um einen performativen Widerspruch: Wenn ich behaupte, dass das, was ich sage, falsch ist, betrifft das noch diese Aussage und sie wird unhaltbar. Wie aber mutiert der performative Widerspruch zu einem Paradoxon?

Ganz einfach, indem ich eine zusätzliche Annahme mache: „Alles, was A sagt, ist wahr“. Setze ich „A : …“, „A sagt …“ von Vornherein in Geltung, wird jede Aussage wahr, die A macht – auch die Aussage von A über sich selbst, dass das, was A sagt, falsch ist. Beginnt man also mit der abgewandelten Zusatzannahme „Alles, was A sagt, ist falsch“, so beginnt das Spiel von vorne – denn wenn falsch ist, dass das, was A sagt, falsch ist, muss es wahr sein. Bereits Aristoteles hat erkannt, dass das Problem hier weniger im Widerspruch als in den nicht weiter unterschiedenen Hinsichten liegt – denn ich kann jederzeit behaupten, dass ich lüge, ohne damit gleich jede Aussage zu meinen, die ich mache.

Erst der kategorische Ausschluss – inhaltlich über das Alles oder das Immer, reflexiv über die kategorische Ingeltungssetzung einer Position, die noch gar nichts gesagt hat – führt in den ewigen Kreislauf des Paradoxons. Der Trick zur Auflösung liegt also darin, den versteckten Mitspieler zu entlarven. Die Zusatzannahme ist mit verantwortlich dafür, dass das Paradoxon beginnt – und doch lenkt sie von sich ab, verweist auf die Struktur von „A : A ist falsch“, und macht damit unsichtbar, dass sie diese Struktur unter der Hand erweitert hat: „(A ist wahr:) A : A ist falsch“.

Diese Taktik, den verdeckten Mitspieler oder Hinweis aufzudecken, kann man auch gedanklich umkehren. Man kann diese Umkehrung nutzen, um einen Mörder zu fangen. Dazu muss man sich in ihn hineinversetzen: Ein Mörder wird stets versuchen, jeden Hinweis auf seine Tat zu tilgen. Er muss sozusagen ein negatives dogmatisches Regime der Kontrolle errichten: Zeugen müssen beseitigt, Indizien verborgen, versteckt oder versenkt werden. Der Detektiv, der den Mörder fangen will, kann sich das zunutze machen, sobald er den Kreis der Verdächtigen auf eine kleinere Gruppe beschränkt hat. Er teilt der Gruppe mit, man sei dem Mörder auf der Spur und man sei bald bereit, ihn zu nennen. Das läge daran, dass man im Verlauf der Ermittlungen ein Indiz gefunden habe, was eindeutig auf den Mörder verweise. Im Nebensatz lässt man den Ort fallen, an dem man es sobald bergen werde. Ein wichtiger Termin hindere den Detektiv aber an der sofortigen Durchführung, man solle ihn entschuldigen, er sei bald zurück. Und nun heißt es nur noch: warten, bis der Mörder versucht, das vermeintliche Indiz zum Verschwinden zu bringen.

Der Glaube des Paulus, der den Irrtum zum Verschwinden bringt, die Findigkeit des Logikers, der den Zaubertrick der Paradoxie durchschaut, der Detektiv, der den Mörder fasst, indem er dessen Zwang, jeden Hinweis auf ihn auszulöschen, ausnutzt – alle drei führen aus einer Situation der Aporie, der Ausweglosigkeit, des Irrtums, der Ungerechtigkeit, der Gefangenschaft im Dogma und in ewigen Zirkeln in die Auflösung, die Freiheit und die Zufriedenheit, die die Wiederherstellung einer vorher gestörten Ordnung begleitet. Sie bedeuten Katharsis, Reinigung von den Falschheiten der Welt.

Genau das aber war eine Tätigkeit des historischen Epimenides. Er war nicht nur Philosoph und potenzieller Erfinder logischer Rätsel. Er war außerdem ein Zeus-Priester aus Knossos, der dem Kureten-Kult huldigte. Als solcher war er ein Spezialist für das Zusammenspiel von Verbergung und Offenbarung: die Kureten (Κουρῆτες) waren mythische Dämonen, die vor der Höhle, in der Zeus geboren wurde, so viel Lärm verbreiteten, dass Zeus vor Kronos verborgen wurde. Und Zeus bediente sich ihrer, um den Ehebruch mit Leto vor Hera zu verschleiern – Artemis, die Göttin der Jagd, und Apollon, der Gott des Orakels in Delphi, kamen so zur Welt. Epimenides wurde nach der Ermordung von Kylon und seinen Anhängern im Athene-Tempel nach Athen gerufen, um den Ruch dieses politischen Mordes von der Stadt zu nehmen und die Stadt so von dieser Schmach zu reinigen:

„Als Künder kathartischer Rituale ist er auch ein inspirierter Seher, dessen Wissen […] das Vergangene enthüllt, nicht das Zukünftige: Mit seinem zweiten Gesicht vermag er in der Tat vergangene Schuld ans Licht zu bringen; er deckt unbekannte Verbrechen auf, deren Schändlichkeit die Ursache und Krankheit bei einzelnen und in ganzen Städten ist […].“ (Vernant, Entstehung des griechischen Denkens, S. 74)

Epimenides, der Kreter sagt: alle Kreter lügen. Was ist Epimenides? Ein Irrlehrer, der die Wahrheit verbirgt und so die Menschen hinters Licht führt? Oder doch eher ein Priester der Wahrheit, die hinter der Lüge liegt? Ist er ein Detektiv, der seine Deduktionen als Gottesurteile verkleidete, damit seine Gabe den Leuten nicht unheimlich vorkam? Oder ist er ein Verkünder der Wahrheit im eigenen Interesse, ein Scharlatan, der den Leuten den Schuldigen gibt, den sie anklagen und bestrafen können, um sie zu befreien? Ein Verkünder einer Gotteseinsicht, die er als Wahrheit ausgibt – um seine Konkurrenten als Irrleher und Verbrecher zu brandmarken?

Diese Fragen führen in sich selbst zurück und das hat vielleicht nicht unbedingt mit Epimenides und seiner Tätigkeit zu tun. Vielleicht muss man, um ihrem Zirkel zu entkommen, einen verborgenen Mitspieler identifizieren – den Bürger Athens, der sich die Katharsis ersehnt und der unter dem Trauma leidet, das ihn und seine ganze Stadt beschwert.

Sigmund Freud hat in seinem Text Zur Dynamik der Übertragung von 1912 das eigentümliche Verhalten des Patienten festgehalten, den Therapeuten zur Projektionsfläche seiner eigenen verborgenen Wünsche, Ängste und Neigungen zu machen. Doch der Therapeut ist nicht nur Ziel der Übertragung des Patienten, sie erfüllt für ihn auch eine ganz bestimmte Funktion, die so stark ist, dass Freud notiert, es bleibe „rätselhaft, weshalb uns bei der Analyse die Übertragung als der stärkste Widerstand gegen die Behandlung entgegentritt […].“ Der Widerstand des Patienten „begleitet die Behandlung auf jedem Schritt; jeder einzelne Einfall, jeder Akt des Behandelten […] stellt sich als ein Kompromiß aus den zur Genesung zielenden Kräften und den angeführten, ihr widerstrebenden, dar.“

Der Prophet, der Logiker, der Detektiv, der Zeus-Priester, der Psychoanalytiker – sie alle erforschen eine verborgene Wahrheit, die den Menschen, solange sie verborgen ist, unerlöst lässt. Der Logiker und der Detektiv müssen die Ursache des Irrtums bei sich selbst suchen, in den eigenen impliziten Annahmen und in den Notwendigkeiten des Rätsels, das sich ihnen darstellt, sei es ein Verbrechen oder ein Paradoxon. Der Prophet und der Zeus-Priester, sie beide repräsentieren die Wahrheit, die gegen den Irrtum schützt oder ihn heilt, sie legen ihn offen, damit der Mensch in Schoße Gottes und in der Reinigung von der Sünde Erlösung erfahren kann.

Der Psychoanalytiker bewegt sich zwischen ihnen, auf einem Zick-Zack-Weg – für den Patienten ist er abwechselnd ein Prophet seiner eigenen Wahrheit, ein Detektiv auf der Spur seiner verborgenen Schuld, ein Priester als Verkünder seiner Erlösung und ein Logiker, der ihm dabei hilft, das Schmerzvolle rational zu erfassen. Doch geheilt werden kann er nur, indem er alle diese Übertragungen überwindet. Das ist riskant, denn jede Überwindung wiederholt das Dilemma: die vermeintliche Sicherheit muss in Frage gestellt, die Ungewissheit abermals ertragen werden.

Manchmal kapituliert der Gläubige, der logische Laie, der Geschworene vor dieser Herausforderung. Die Übertragung kann derart schief laufen, dass sie den Therapeuten nicht mit einer Version der Lösung, sondern mit dem Problem selbst identifiziert: Der Prophet erscheint ihm so als Irrlehrer, der Logiker als Architekt des Problems, an dessen Unauflösbarkeit er verzweifelt, der Detektiv als Mörder, der Psychoanalytiker als unheilvoller Einfluss, der einem das Problem überhaupt erst eingeredet hat – sie alle als diejenigen, die das Problem, was sie auflösen zu wollen vorgeben, selbst sind. Und wer könnte entscheiden, ob es so ist, ohne selbst wieder Prophet, Logiker, Detektiv, Psychoanalytiker zu werden?

Und Epimenides? Er wird zum Kreter, der sagt, dass alle Kreter lügen. Und wer könnte es den Athenern verdenken?