Zur Problematik des Fortschritts in der Philosophie

Das Konzept wissenschaftlichen Fortschritts basiert darauf, dass „der Eigenname des Wissenschaftlers die Funktion [hat], uns […] davon zu überzeugen, daß kein Grund zur neuerlichen Vermissung eines bereits zurückgelegten Wegs besteht.“ (Deleuze 2000, 144). Das ist deswegen möglich, weil der Gegenstand wissenschaftlicher Forschung nicht die Wissenschaft selbst, sondern ein empirischer Gegenstand ist – ein Phänomen, ein Sachverhalt, eine Wirkung, zu der man die Ursache noch nicht kennt. Wissenschaftliche Gegenstände sind von Vornherein in ein Referenzsystem eingespannt, das in der Antike und seit der Frühen Neuzeit (Galilei) mathematisch, nicht mehr ontologisch gedacht wird. Diese ‚mathesis universalis‘ sichert die Übersetzbarkeit des Gegenstandsbezuges in allen wissenschaftlichen Epochen, weswegen wissenschaftliche Ergebnisse sich in einer „serielle[n], verästelte[n] Zeit“ abbilden, „in der das Vorher (der Vorläufer) stets künftige Gabelungen und Büche bezeichnet, und das Nachher rückwirkende Wiederverkettungen.“ (ebd.)

Der einzelne wissenschaftliche Forscher dient dem Referenzsystem, das freilich auch mit ihm wächst, sich verfeinert oder moduliert (wie Riemanns Geometrie erst Einsteins Physik möglich macht) – aber seine Einzelleistung bleibt die Arbeit an einer Frage, die vor dem Hintergrund bereits beantworteter Fragen, die sich auf das gleiche Referenzsystem beziehen, noch nicht beantwortet, von diesem Referenzsystem aus aber prinzipiell beantwortbar ist. Aus diesem Grund zeigt sich wissenschaftlicher Fortschritt als Bewegung der Innovation, Erweiterung, manchmal auch als Paradigmenwechsel, auch dann aber stets nur die ontologischen Folgerungen aus dem Gerüst der ‚mathesis universalis‘ betreffend. Wissenschaft ist deswegen, als Ganzes, unabschließbar, während der Grenzverlauf stets in der Gegenwart verläuft (bis auf einige Nachzügler, die aber dann genau das sind). Wo die gegenwärtige Wissenschaft ist, da ist vorne.

Die Philosophie, weit davon entfernt, immer schon im gleichen Referenzsystem zu denken, ist geradezu das inverse Bild dieser Bewegung der Wissenschaft. Die Ausbildung ihrer Denkwerkzeuge, die Aufnahme der Tradition und die daran anschließende Kritik dient nicht einem Referenzsystem, das sie überschreitet, sondern ihrem jeweils eigenen Denkproblem. Die Philosophie ist in Probleme verstrickt, die das Denken mit sich selbst hat. Aber gerade weil das Denken potenziell unendlich viele Formen annehmen kann, entfaltet sich auch die Philosophie in einer Vielfalt oder Pluralität, die jeden Versuch übersteigt, sie taxologisch zu sortieren.

Der Schein, Philosophie bewege sich wie die Wissenschaft fort, basiert erstens auf eben dieser Vielfalt. Denn natürlich ist es in ihr möglich, dass sich mehrere Philosophien gemeinsam auf Überzeugungen, Begriffe, Probleme oder Voraussetzungen einer ihnen vorhergehenden Philosophie stützen. Die Philosophie bildet dann den Innenraum einer philosophischen Schule aus, der für die darin arbeitenden so aussehen kann, als sei dieser Innenraum selbst gleichzusetzen mit der Philosophie. Man identifiziert gemeinsam philosophische Grundprobleme und Grundbegriffe, orientiert sich an bestimmten Methoden – und grenzt sich dann von anderen Ansätzen derart ab, dass es einem schwer fallen kann, in ihnen die Philosophizität zu entdecken, die man für sich selbst vorausgesetzt hat.

Zweitens aber ergibt sich der Schein eines philosophischen Fortschritts auch daraus, dass die Philosophie, in all ihrer Vielfalt, stets eine Gemeinsamkeit aufweist, die tatsächlich die einzelnen Ansätze überspannt: sie fragt nach dem Letzten, dem Ersten, dem Prinzip, d. h. aber stets so, dass die Antwort auf diese Frage so radikal gegeben sein muss, dass sie noch sie selbst, als danach fragende Position, betreffen kann. Philosophie fragt nach dem, was alles andere und noch sie selbst möglich gemacht hat.

Verbinden sich diese beiden Eigenarten der Philosophie, dann kann philosophisches Denken sich als Forschung an einem ganz bestimmten Prinzip erweisen. Die Auslegung der Frage nach einem Prinzip z. B. im Licht der neuzeitlichen Frage nach dem Status des Subjekts oder des Menschen etabliert die Befragung des ‚Ego‘ oder des ‚Ich‘, das von Descartes bis in die Gegenwart einen ganz eigenen philosophischen Innenraum geschaffen hat.

Die Bewusstseinsphilosophie ist Ausgangspunkt so unterschiedlicher Philosophen wie Kant, Fichte, Hegel, Schopenhauer, Brentano, Husserl. Und die kritische Auseinandersetzung mit ihrer Tendenz, sich auf der Basis alltagspsychologischer Gewohnheiten zur Grundlage von allem anderen zu erklären, prägt die gesamte philosophische Auseinandersetzung mit dem Kantianismus, der Klassischen Deutschen Philosophie (dem deutschen Idealismus) und der Phänomenologie, bis weit in das hinein, was ihre Gegner den ‚Poststrukturalismus‘ genannt haben. Dass die Auseinandersetzung mit dem Unbewussten, der Struktur und der Gesellschaft hier eine tragende oder vielmehr: dekonstruierende Rolle spielen, ergibt sich aus dieser Bewegung.

Doch der Schein trügt – noch nie konnte sich die Verabsolutierung eines regionalen Innenraums als ‚die Philosophie überhaupt‘ durchsetzen, trotz aller akademischen Ränkespiele. Und immer wieder bemerken Philosophen, dass man die Frage nach dem Prinzip auch ganz anders beantworten kann als innerhalb des Schemas, das von der neuzeitlichen Frage nach der Möglichkeit objektiver Wissenschaft aufgeworfen wurde (Subjekt und Objekt).

Und so enden manche, in einer nicht ganz aufgelösten Überblendung dessen, was sie sich erhofften – einen philosophischen Fortschritt nach dem Vorbild der Wissenschaft – und dessen, was sie vorgefunden haben, bei dem Eindruck: Philosophie ist nur ein unvermitteltes Nebeneinander von Weltanschauungen, von Theorien, aus denen man sich das Wichtigste oder Brauchbarste oder auch das Einfachste oder vermeintlich Verständlichste herauspicken kann, um den Rest wieder dem staubigen Dunkel des Bücherschranks anzuvertrauen. Dabei übersehen sie, dass gerade diese Bewegung – der Versuch der Verabsolutierung und der Rückfall in den Relativismus – selbst noch einmal eine Aporie anzeigt, die etwas mit der Perspektive auf die Philosophie zu tun haben könnte. Denn was hindert daran, die Philosophie zugleich nach verschiedenen Hinsichten zu untersuchen?

In einer Hinsicht fragen alle Philosophien nach dem Prinzip und sie beziehen sich in und mit der und durch die Frage immer auch auf sich selbst. Das verbindet sie miteinander. In einer anderen Hinsicht aber ist genau diese Bezüglichkeit derart frei, dass sie sich in ganz verschiedenen Bewegungen ausdrücken kann. Philosophien entfalten sich stets in ihrem eigenen Denkproblem und mit ständigem Bezug auf eben dieses. Das ist die Vielfalt der Philosophie, noch vor jedem Versuch, sie von Vornherein in doxographische Schubladisierungen zu pressen.

Erst, wenn das erkannt ist, können historische Bezüge gezogen werden, kann diskutiert werden, ob Kant wirklich Descartes vertieft hat oder nicht viel eher Descartes in dem einen Punkt, dem Beweis, der das Prinzip betrifft, radikaler war als Kant; kann nachgesehen werden, ob Derrida wirklich Heidegger übertrumpft oder beide nicht viel eher das Gleiche entdecken und ihm nur ganz unterschiedliche Ausdrucksweisen geben; kann nachgeschaut werden, ob Wittgenstein oder nicht viel eher ein plattes Abziehbild von ihm der ‚Begründer der Analytischen Philosophie‘ ist. Deshalb erst dann, weil jede historische Frage, jede Frage nach der Verbindung von dem einen mit dem anderen, jede Frage nach dem Zusammenhang mit gesellschaftlichen Gegebenheiten oder Entwicklungen Voraussetzungen an diese Philosophien heran trägt, die zweifellos möglich, nicht aber, im strengen Sinne, notwendig und unabwendbar sind. Denn dann hätte man genau das, wonach die Philosophie fragt, bereits vorausgesetzt.

Gibt es also einen philosophischen Fortschritt? Man könnte antworten: Ja, aber der kann sich gänzlich anders darstellen als in der Wissenschaft. Ohne Referenzsystem, einzig auf die immanente Entwicklung der Denkprobleme angewiesen, kann es sein, dass die größte Innovation in der Ethik bereits im 17. Jahrhundert geleistet, dann aber wieder vergessen wurde oder aufgeteilt in ihrerseits nur verflachte Formen der Probleme, die sie miteinander verband.

Es kann sein, dass sich, gleichsam konvulsiv, immer wieder erstaunliche philosophische Entdeckungen ergeben – im 15. Jahrhundert in Italien, im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert in Deutschland, – die wieder zurückfallen in das Spiel der Schulen, der von Vornherein festgelegten Grundfragen, Grundprobleme, Grundprinzipien usw. Es kann ebenso sein, dass sich der philosophische Fortschritt zeitweise rückwärts abspielt, dass ein Vorläufer die radikalere Perspektive auf eine Idee entwickelt.

Das alles ist deswegen möglich, weil es kein Referenzsystem der Philosophie gibt. Die Philosophie hat keine ‚mathesis universalis‘, der sie dient. Ihre Problementwicklung und Argumentation orientiert sich an immanenter Konsistenz, an Nichtwidersprüchlichkeit, nicht an Gegenständen, die außer ihr liegen oder die sie axiomatisch festgelegt hat. Genau das, das Fehlen eines Referenzsystems, ist aber kein Mangel, sondern ihr Tertium, das, was alle Philosophien gemeinsam haben: ihren Selbstbezug, ihren Bezug auf das Prinzip, ihr Versuch, Denkprobleme aufzulösen. Anders gesagt: Die Referenz der Philosophie ist sie selbst, in mehrfacher Hinsicht. In historischer Hinsicht, sofern sie Probleme von anderen Philosophien aufnimmt. In immanenter Hinsicht, insofern sie laufend ihre eigenen Voraussetzungen prüfen muss. In geltungslogischer Hinsicht, sofern durch eben diese Selbstreferenz der Imperativ besteht, mit sich selbst übereinzustimmen.

Wenn aber die Referenz der Philosophie sie selbst ist, dann kommt es entscheidend darauf an, wie man sie liest. Jeder Lesefehler, jede hermeneutische Pathologie kann Jahrhunderte des philosophischen Denkens, so innovativ es sein mag, verdecken. Die Frage nach ihrem Fortschritt setzt dann eine Lektürekompetenz und Lektüredisziplin voraus, die in keiner Weise der ewigen Suche nach einem dahinterliegenden ‚Sinn‘ oder der ‚Absicht‘ des Autors entspricht. Sondern dem Verstehen von und der Auseinandersetzung mit dem Denkproblem, das dieser konkrete Philosoph sich gestellt hat.

Die Selbstbezüglichkeit der Philosophie ist übrigens keine Anzeige von Isolation, Elitismus oder dem so oft zitierten ‚Glasperlenspiel‘. Natürlich kann sie dazu werden – und verschiedene Traditionen, darunter einige der Analytischen Philosophie und viele der philosophiehistorisch orientierten Forschung zirkeln in solchen abgeschlossenen Selbstreferenzen. Doch in dem Moment, in dem wir bemerken, dass auch unser Leben, die Selbstorganisation unserer Gesellschaft (Wirtschaft, Recht, Wissenschaft) und unser Alltag laufend und unaufhörlich von Selbstreferenz geprägt wird, von Problemen, die wir mit anderen oder auch mit uns selbst haben können, von Fragen, die wir uns nicht beantworten können – in diesem Moment können wir einsehen, inwiefern Philosophie für uns ‚relevant‘ werden kann.

Philosophie ist kein Reservoir für Ergebnisse, die uns technischen Fortschritt liefern oder die Sicherheit, mit wissenschaftlicher Allmacht unsere Ängste bekämpfen zu können. Sie ist ein Reservoir für Praktiken, die jede menschliche Generation neu erlernen muss, um mit anderen gemeinsam nicht nur lebensfähig, sondern auch glücklich und frei sein zu können. Und gerade wegen ihrer Tendenz, sich selbst auch in festgelegten Kategorien verdinglichen zu wollen, gibt es in ihr noch vieles, was wir entdecken können. Darin bestünde der eigentliche Fortschritt der Philosophie, nicht weiter überraschend, in ihrer eigenen Weitergabe an diejenigen, in im Durchlauf durch sie in der Lage sind, Aporien aufzulösen und nicht nur machtlos zu ertragen und die durch sie in der Lage sind, der Übermacht der Dummheit, des einseitigen Selbstbezugs, der Gedankenlosigkeit, der Brutalität, des Vernichtungswillens der Menschen andere und sich selbst betreffend etwas entgegenzusetzen.

Bei aller Bescheidenheit: Das sollte doch mit den Versprechen der Wissenschaft mithalten können.

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