Monat: Juni 2018

Zur phil.cologne – und warum sie nichts mit Philosophie zu tun hat

Die phil.cologne hat rein gar nichts mit Philosophie zu tun. Sie funktioniert wie eine Messe, eine Ausstellung von Ausstellern. Eine Performance von konsequenzlosen, konsumierbaren und Kontroverse inszenierenden Gedankengängen, vorgetragen von so großen Philosophen wie Gerd Scobel oder Richard David Precht.

Wichtig ist, dass Philosophie „zeitgemäß“ ist, dass auf ihr abgesägte Politiker und Star-Politikwissenschaftler aus Harvard über die „Weltlage“ parlieren, österreichische Populärphilosophen über lebensnahe Themen sprechen, der Kultursoziologe Andreas Reckwitz sein neues Buch vorstellen kann, Eva von Radecker allen mal erklärt, was Hannah Arendt eigentlich wollte (damit man es nicht selbst herausfinden muss), Soziologen und Historiker, Wissenschaftler also derjenigen Kulturwissenschaften, die der Empirie am nächsten sind, darüber diskutieren, ob Denken Grenzen sprengen kann, über Freiheit und das Universum und mich nachgedacht wird, in Formaten, die man jederzeit interessant, aber keinesfalls irritierend finden wird.

Ständig rüttelt irgendeiner wach, erklärt jemand endlich mal, was man schon immer wissen wollte, diskutieren irgendwelche Modephilosophen – „kontrovers!“ – über ewige Menschheitsfragen, die dank solcher Diskussionen auch kontrovers bleiben, so dass man sie nächstes Jahr wieder ins Programm aufnehmen kann. Reinhard Mehring, der auf der Tagung in Siegen zu Heideggers ‚Schwarzen Heften‘ als willfähriger Eiferer im Sinne der Veranstaltung aufgefallen ist – Heidegger in Bausch und Bogen nach der Maßgabe der Faye-Schule zu verdammen – darf über Heidegger aufklären. Ranga Yogeshwar spricht über Marx. Gregor Gysi auch, aber wo sind eigentlich Andreas Arndt oder David Harvey?

Sätze wie „Utopien können schneller Realität werden, als wir denken“ offenbaren in ihrer Gedankenlosigkeit den intellektuellen Tiefgang der Veranstaltung: Wo aus „Utopien“ „Visionen“ werden, die „Realität werden“ können, da kann man sich zurücklehnen. Ranga Yogeshwar ist ja da, um einzuordnen, wie realistisch das alles ist. Der Autor von Titeln wie „Business im Land der aufgehenden Sonne“ und „Kamasutra im Management“, Volker Zotz, arbeitet fleißig gegen die Differenzierung an, die Philosophen wie Heiner Roetz oder Rolf Elberfeld geleistet haben, wenn er „Konfuzius für den Westen“ fit macht: „Noch über zwei Jahrtausende später kann diese Lehre den oft nach Orientierung suchenden Menschen im Europa unserer Tage viel geben.“

Puh, na dann ist ja gut. Ich dachte schon, ich müsste mich jetzt mit einer Welt auseinandersetzen, die ganz anders ist als meine, mit einem Denken, das über die Schüler des Meisters tief in der chinesischen Gesellschaft der Zeit der streitenden Reiche verwurzelt ist, auseinandersetzen.

Wichtig auch, dass Philosophen mal rausgehen, an die Luft – die meisten sitzen ja sonst nur in ihrem Zimmerchen im Elfenbeintum herum. Nicht so Theo Roos, der in „Kant reloaded“ uns den Denker zusammen mit Apple-Werbung und Sushi präsentierte. Er flaniert mit einem Spezialisten für Köln durch Köln: „[A]ngesichts des Stroms und beim Gang über die Brücken fragen sie nach dem kölschen Wesen […].“ Na dann ist ja gut.

Regeln für den Themenpark

Warum hat das alles mit Philosophie nichts zu tun? Weil es bloße Anfänge sind. Philosophie ist Arbeit, nicht Schaulaufen durch einen Park aus Themen, die irgendein Team aus Populärphilosophen und solchen, die es gerne wären, für relevant hält. Philosophie ist Konfrontation mit dem Anderen, nicht das Zurechtmachen und Schmücken und Flankieren mit Bekanntem, bis es zur Unkenntlichkeit verstellt jedes Irritationspotenzial verloren hat. Philosophie bedeutet nicht unbedingt Trockenheit, aber Disziplin und Strenge. Sie bedeutet Lektüreerfahrung und ständige, kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Denken.

Wer die Philosophie an ein paar relevant erscheinende Themen nagelt und ein paar relevant erscheinende Experten einlädt, die dann über diese Themen ein bisschen diskutieren, der zerstört sie. Er ersetzt sie durch ein harmloses Bild. Und wer das dann noch Philosophie nennt, der suggeriert den Leuten, sie hätten immer genau das zu erwarten, wenn es um Philosophie geht.

Dass dem Germanisten Precht Hegel nie etwas gesagt hat, ist eine negative Bildungserfahrung, die er sicherlich mit vielen anderen teilt. Man kann an Philosophen scheitern, das ist nicht ungewöhnlich. Aber daraus folgt eben nur, dass Precht, daraus folgt nicht, dass Hegel gescheitert ist. Philosophie muss nicht verständlich sein, sie ist es. Sie ist vollkommen verständlich – sie ist nur sehr schwer. Und diese Kompliziertheit überwindet man nicht, indem man sich von Experten erklären lässt, was eigentlich gemeint ist. Man überwindet sie nur, indem man liest – und mit anderen, die auch lesen, darüber spricht.

Die phil.cologne hat nichts mit Philosophie zu tun, weil sie sogar noch in ihrer Auswahl von Themen und Experten, in ihrer Inszenierung einer sehr beschränkten Weltsicht und viel zu simpler, viel zu einfach zu beantwortender Fragestellungen die Verhinderung von Philosophie ist. Sie ist darin geradezu eine Anti-Philosophie. Sie erfüllt die Funktion, die zarten Anfänge des menschlichen Denkens, das fragend über sich selbst hinauslangt, mit Expertenantworten und einfach gestrickten Frage-Antwort-Spielchen zu beruhigen.

Ohne Boden unter den Füßen

Es gibt einen klaren Unterschied zwischen Philosophie und der Inszenierung von Philosophie. Er liegt in der Angabe von Kriterien, im Sichtbarmachen des eigene Von-wo-her und in der Bereitschaft, das zu rechtfertigen. Er liegt in der Didaktik der Strenge, der Fairness und der Disziplin – auch so, dass diese Didaktik zeigt, was passiert, wenn diese fehlen. Er liegt in der Verantwortung, die man für die eigenen Ansprüche übernimmt. In Diskurse zu intervenieren oder eine Meinung zu haben bedeutet nicht, dass man Philosoph ist. Auch nicht, irgendwelche bereits existierenden Biographien zu einem Buch zusammenzuschreiben, in dem man derart steile Thesen vertritt, dass sie bei der ersten Erschütterung in sich zusammenfallen. Philosophie ist kein Soufflé, das durch die heiße Luft des eigenen Egos aufgeht.

Philosophie ist die Antwort auf die Frage nach ihr. Sie ist radikale Selbst- und Weltbefragung, radikale Kritik und Prüfung der eigenen Voraussetzungen. Sie geht an die Wurzel, dorthin, wo es weh tut. Und es tut weh, weil dort alle Sicherheiten, alles, woran sich der Mensch festhält, ausgeklinkt werden. Man zieht sich selbst den Boden der Gewissheit weg und bringt sich in die Lage, ihn aus eigener Kraft zurückgewinnen zu müssen. Weil man sonst scheitert oder an den eigenen Gedanken verrückt wird. Philosophie ist aber deswegen nicht immer einsam – sie ist auch das Suchen und Finden von philosophischen Freunden, in stets prekären Gesprächen, weil jeder Philosoph und jede Philosophin, weil alle Philosophierenden in der existenziellen Situation sind, dass sie von nichts ausgehen dürfen, um alles finden zu können. Oder vielleicht auch nur: nicht-alles.

Philosophie ist das langsame, mühsame Erlernen von Tanzschritten. Philosophie ist Kung-Fu, mit vielen Lehrern. Sie ist überwältigend und unmenschlich – man muss sich mit einem ganz fremden Denken beschäftigen, man muss es besser kennenlernen als man sein eigenes Denken jemals kennengelernt hat. Man muss so denken können, wie der Philosoph denkt, den man liest. Und dann, wenn man dort angelangt ist, muss man ihn verlassen. Und alles beginnt von vorne. Weil man nie weiß, wie fremd ein Denken ist, baut sich die Gewissheit, die Erfahrung und wiederkehrende Formen und Figuren mit sich bringen, nur sehr langsam wieder auf und bleibt stets fragwürdig. Nicht mal den Begriffen kann man vertrauen.

Philosophie ist, bei aller Gemeinschaft mit anderen Philosophen und Philosophinnen, also auch sehr einsam. Sie muss es sein, weil nur in der Einsamkeit die Radikalität ihrer Fragestellung wirken kann. Wer ständig nur Leute um sich hat, die einem versichern, dass die Welt schon so ist wie sie ist, der kann keine radikalen Fragen stellen. Oder wenn er es tut, dann wirkt er auf seine Umgebung seltsam, komisch, weltabgewandt.

Philosophen arbeiten kontinuierlich an der Tendenz ihrer Umgebung, jede Lücke, jede Infragestellung, jede Differenz, jede Öffnung für Anderes, Neues oder Unerwartetes, Ungekanntes oder die eigene Weltsicht Erschütterndes zuzuschütten, zu schließen, mit performativen Sicherheitsgesten – Hohn, Spott, Angst vor Phantasmen, Pfeifen im Walde – ungeschehen oder zumindest unwirksam zu machen. Sie sind, sobald sie Philosophen und Philosophinnen sind, einer ungeheuren Doppelbelastung ausgesetzt. Sie müssen die Radikalität aufrechterhalten und sie müssen sie vor anderen verteidigen, die sie nicht ertragen können. Sie müssen schützen, woran sie selbst leiden müssen, weil auch sie nur Menschen sind, die geliebt werden und lieben wollen, die leben, atmen, essen und Freude daran haben wollen.

Die Gipfelstürmer

Philosophie ist der Gipfel der radikalen Infragestellung. Deswegen brechen sie so viele ab und siedeln sich an den grünen Hängen ihres Vorgebirges an, wo die Wiesen satt und grün und wo die Kühe fett sind. Das ist auch kein Problem – das Problem entsteht dort, wo diese abgebrochenen, die kraftlosen oder bequemen Philosophiestudenten den Neuankömmlingen weismachen wollen, der Gipfel sei unerreichbar oder es gebe gar keinen Gipfel oder da oben sei es derart tödlich, es sei noch keiner zurückgekommen.

Diese Geschichten sind durchschaubar, denn sie kaschieren das eigene Unvermögen. Sie führen aber wie durch Zauberhand dazu, dass tatsächlich immer weniger Menschen den Aufstieg wagen und so diese Geschichten mit der Zeit immer glaubwürdiger erscheinen. Die, die zurückkommen, denen glaubt man natürlich nicht oder man bedroht sie mit Ächtung oder Schlimmerem.

Deswegen siedeln sich diejenigen, die von dort zurückgekommen sind, abseits der ausgetretenen Pfade zu den grünen Wiesen und den fetten Kühen an. Ignoriert von den einen, verlacht von den anderen, stellen sie geduldig Ausrüstungen für Klettertouren zum Gipfel her: Steigeisen, Seile, Gurte, Kletterhaken. Manchmal ziehen lärmend Leute, die sich ein bisschen verirrt haben, an ihren Hütten vorbei, von denen sie ignoriert oder verlacht werden. Denn diese Leute wollen von den ‚Philosophen‘ auf den Wiesen und bei den Kühen das Melken und das Mähen lernen.

Nur ab und zu, eher selten, wagt einer, die Nase in die Hütte zu stecken, in der alles voller Kletterwerkzeug ist. Und von denen, die das wagen, wird nur ein Bruchteil bereit sein, mit auf Tour zu gehen, erst zur Übung, dann immer höher und höher. Aber auf diese Wenigen kommt es an. Sie bringen den Willen, die Ausdauer, die Kraft mit, um diese schwerste aller Aufgaben zu meistern. In ihnen brennt ein Feuer, eine Frage, ein Problem. Und ihnen ist die Welt der Wiesen- und Kuh-Philosophen nicht genug. Keine Milch, kein Heu kann ihren Hunger stillen. Also gehen sie auf den Gipfel.

Natürlich kann man versuchen, den Gipfel den Leuten auch anders nahe zu bringen. Man kann Bilder malen oder Fotos machen. Man kann vom Gipfel erzählen, immer wieder. Aber all das lässt sich fälschen. Denn es gibt auch auf der Wiese, bei den Kühen, ‚Philosophen‘, die anderen erzählen, sie hätten den Gipfel erklommen, obwohl sie es nie haben. Diese Geschichte dient dann nur dazu, den anderen zu verdeutlichen, dass es sich gar nicht lohnt. „Da oben sieht es genauso aus wie hier unten, außerdem ist der Gipfel gar nicht so hoch. Das sieht nur von hier unten so aus“. Die melkenden und mähenden Gäste nicken begeistert und melken und mähen weiter.

Den Gipfel, daran führt kein Weg vorbei, erreicht man nur, indem man ihn selbst besteigt. Indem man die dünne Luft dort oben auszuhalten lernt, indem man lernt, der eigenen Kraft zu vertrauen, die Steigeisen richtig zu setzen, die Kletterhaken fest zu verankern und die Seile richtig zu knoten. Indem man Schritt für Schritt nach oben geht und nicht versucht, den Gipfelsturm auch wörtlich so zu verstehen. Es gibt keinen Gipfelsturm, aber man kommt umso besser voran, je höher man geht. Dennoch reicht ein Schritt und man landet im Nichts.

Ein schwaches Licht, das ewig brennt

Habe ich nun nicht selbst eine Geschichte vom Gipfel erzählt? Was beweist, dass ich dort oben war, um davon zu berichten? Nun, nichts. Aber ich bin bereit, den Weg mit denen gemeinsam anzutreten, die wissen wollen, ob es stimmt. Ich erzähle nicht nur vom Gipfel, ich steige immer wieder zu ihm hinauf. Und immer wieder wird der, der mit mir geht, erst ganz oben wissen, ob meine Geschichte stimmt. Nur wer den Weg geht, wird ihn erfahren – und selbst wenn ich den Weg schon hundertmal gegangen bin, werde ich das nur beweisen können, indem ich ihn immer noch ein weiteres Mal gehe.

Das ist das Opfer des Philosophen, der auf dem Gipfel war und der diese Erfahrung anderen ermöglichen will. Er muss die Radikalität seiner eigenen Frage, die Ignoranz, die Dummheit und den sich versichernden Spott der Übrigen ertragen und darüber hinaus das Misstrauen derjenigen, die er dazu anleitet, den Gipfel zu besteigen. Er ist ganz allein und er ist es immer wieder. Außer es kommt, aus einer anderen Hütte, ein anderer erfahrener Bergsteiger zu Besuch. Dann tischt man Milch und Heumilchkäse auf, schaut zum Berg und freut sich, dass man hier zusammen sitzt und jemanden hat, mit dem man darüber sprechen kann.

Aber es wird kein Streitgespräch mehr sein, keine Kontroverse über die Natur des Gipfels oder den besten Weg hinauf. Es gibt unendlich viele Wege hinauf, man könnte fast sagen: Mehr Wege hinauf als hinunter. Vielmehr wird man sich im Anderen wiedererkennen, so wie dieser sich in einem selbst wiedererkennt – in dieser ganz anderen, ganz unteilbaren, ganz für sich stehenden Erfahrung. Und es ist dieses Wunder, diese Liebe, die vielleicht gemeint ist, wenn man von der ‚Liebe zur Weisheit‘ spricht.

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Levinas und Derrida

1964 macht der arrivierte Husserl-Forscher Jacques Derrida den bis dahin nahezu unbekannten Husserl-Schüler Emmanuel Levinas der akademischen Öffentlichkeit bekannt, auf eine Anregung von Paul Ricœur, bei dem Derrida Anfang der 60er Jahre Assistent am Lehrstuhl für allgemeine Philosophie war. Levinas hatte seine Habilitationsschrift – ‚Totalité et infini‘ – 1961 in Den Haag veröffentlicht, ohne dass sie nennenswert wahrgenommen wurde. Ricœur aber hat sie gelesen und empfiehlt sie Derrida, der von Levinas bisher vor allem dessen Texte zu Husserl und Heidegger gelesen hat. Derridas kritische Besprechung von Levinas‘ Werk in seinem Aufsatz ‚Gewalt und Metaphysik‘ katapultiert Levinas in den Mittelpunkt der Debatte, in dem Derrida bereits steht.

Am 6. Juli 1967 – einen Tag vorher ist der Sechs-Tage-Krieg im Nahen Osten ausgebrochen – erläutert Derrida Levinas in einem Brief sein Verständnis von dem Dialog, den beide miteinander führen:

„Von den Texten her, die Sie schreiben, und denen, die ich schreibe, und von der Aufmerksamkeit her, die sie, wenn ich so sagen darf, einander schenken, wissen Sie, aus welcher Differenz und welcher Nähe ihr ‚Dialog‘ besteht. Und auch das ist ‚brüderlich‘. Und in diesem Austausch spricht sich mehr aus, als wir in einem Brief zu übermitteln hoffen können. Mehr in diesem Austausch und in unserer täglichen Arbeit: In allem, was ich schreibe, ist Ihr Denken in gewisser Weise gegenwärtig.

Sicherlich auf Umwegen, auf eine gewisse Weise, doch notwendig. Manchmal in Frage gestellt, wie Sie wissen, doch auf eine gewisse Weise notwendig in ebendem Moment, in dem dieses Denken hereinbricht. Ohne es hier erklären zu können, würde ich sagen, dass ich mich seit zwei oder drei Jahren – aufgrund einer bestimmten Entwicklung, die in ‚Gewalt und Metaphysik‘ noch nicht sichtbar ist – Ihnen auf eine andere Weise näher und zugleich ferner fühle.“

Sechs Jahre später formuliert Levinas in einem Artikel einer Nummer der Zeitschrift L’Arc, die Jacques Derridas Denken gewidmet ist, sein Verständnis von Derridas Vorgehensweise, mit Texten in seinen Texten umzugehen, die er als Antwort auf diese versteht:

„Am Anfang ist alles an seinem Platz; nach einigen Seiten oder einigen Zeilen gibt es unter der Wirkung einer beängstigenden Infragestellung nichts mehr, was für das Denken bewohnbar sein könnte. Darin liegt, ganz abgesehen von der philosophischen Tragweite seiner Aussagen, ein rein literarischer Effekt, das neue Erschauern, die Poesie Derridas.

Immer wenn ich ihn lese, habe ich den Exodus von 1940 vor Augen. Die Militäreinheit auf dem Rückzug erreicht einen nichtsahnenden Ort, wo die Cafés geöffnet sind, die Damen das Kaufhaus ‚Neues für die Dame‘ besuchen, die Friseure frisieren, die Bäcker backen, die Vicomtes sich mit anderen Vicomtes treffen und einander Geschichten über Vicomtes erzählen – während eine Stunde später alles abgebaut und trostlos ist, die Häuser mit verschlossenen oder offenen Türen sich leeren und die Bewohner von einem Strom von Autos und Fußgängern auf Straßen fortgerissen werden, die ihr ‚untergründiges Einst‘ von Routen zurückgewinnen, die in unvordenklicher Vergangenheit von den großen Wanderungen gespurt wurden.“

(aus: Peeters, Derrida, 194, 253-254, 368)