Levinas und Derrida

1964 macht der arrivierte Husserl-Forscher Jacques Derrida den bis dahin nahezu unbekannten Husserl-Schüler Emmanuel Levinas der akademischen Öffentlichkeit bekannt, auf eine Anregung von Paul Ricœur, bei dem Derrida Anfang der 60er Jahre Assistent am Lehrstuhl für allgemeine Philosophie war. Levinas hatte seine Habilitationsschrift – ‚Totalité et infini‘ – 1961 in Den Haag veröffentlicht, ohne dass sie nennenswert wahrgenommen wurde. Ricœur aber hat sie gelesen und empfiehlt sie Derrida, der von Levinas bisher vor allem dessen Texte zu Husserl und Heidegger gelesen hat. Derridas kritische Besprechung von Levinas‘ Werk in seinem Aufsatz ‚Gewalt und Metaphysik‘ katapultiert Levinas in den Mittelpunkt der Debatte, in dem Derrida bereits steht.

Am 6. Juli 1967 – einen Tag vorher ist der Sechs-Tage-Krieg im Nahen Osten ausgebrochen – erläutert Derrida Levinas in einem Brief sein Verständnis von dem Dialog, den beide miteinander führen:

„Von den Texten her, die Sie schreiben, und denen, die ich schreibe, und von der Aufmerksamkeit her, die sie, wenn ich so sagen darf, einander schenken, wissen Sie, aus welcher Differenz und welcher Nähe ihr ‚Dialog‘ besteht. Und auch das ist ‚brüderlich‘. Und in diesem Austausch spricht sich mehr aus, als wir in einem Brief zu übermitteln hoffen können. Mehr in diesem Austausch und in unserer täglichen Arbeit: In allem, was ich schreibe, ist Ihr Denken in gewisser Weise gegenwärtig.

Sicherlich auf Umwegen, auf eine gewisse Weise, doch notwendig. Manchmal in Frage gestellt, wie Sie wissen, doch auf eine gewisse Weise notwendig in ebendem Moment, in dem dieses Denken hereinbricht. Ohne es hier erklären zu können, würde ich sagen, dass ich mich seit zwei oder drei Jahren – aufgrund einer bestimmten Entwicklung, die in ‚Gewalt und Metaphysik‘ noch nicht sichtbar ist – Ihnen auf eine andere Weise näher und zugleich ferner fühle.“

Sechs Jahre später formuliert Levinas in einem Artikel einer Nummer der Zeitschrift L’Arc, die Jacques Derridas Denken gewidmet ist, sein Verständnis von Derridas Vorgehensweise, mit Texten in seinen Texten umzugehen, die er als Antwort auf diese versteht:

„Am Anfang ist alles an seinem Platz; nach einigen Seiten oder einigen Zeilen gibt es unter der Wirkung einer beängstigenden Infragestellung nichts mehr, was für das Denken bewohnbar sein könnte. Darin liegt, ganz abgesehen von der philosophischen Tragweite seiner Aussagen, ein rein literarischer Effekt, das neue Erschauern, die Poesie Derridas.

Immer wenn ich ihn lese, habe ich den Exodus von 1940 vor Augen. Die Militäreinheit auf dem Rückzug erreicht einen nichtsahnenden Ort, wo die Cafés geöffnet sind, die Damen das Kaufhaus ‚Neues für die Dame‘ besuchen, die Friseure frisieren, die Bäcker backen, die Vicomtes sich mit anderen Vicomtes treffen und einander Geschichten über Vicomtes erzählen – während eine Stunde später alles abgebaut und trostlos ist, die Häuser mit verschlossenen oder offenen Türen sich leeren und die Bewohner von einem Strom von Autos und Fußgängern auf Straßen fortgerissen werden, die ihr ‚untergründiges Einst‘ von Routen zurückgewinnen, die in unvordenklicher Vergangenheit von den großen Wanderungen gespurt wurden.“

(aus: Peeters, Derrida, 194, 253-254, 368)

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