Zur phil.cologne – und warum sie nichts mit Philosophie zu tun hat

Die phil.cologne hat rein gar nichts mit Philosophie zu tun. Sie funktioniert wie eine Messe, eine Ausstellung von Ausstellern. Eine Performance von konsequenzlosen, konsumierbaren und Kontroverse inszenierenden Gedankengängen, vorgetragen von so großen Philosophen wie Gerd Scobel oder Richard David Precht.

Wichtig ist, dass Philosophie „zeitgemäß“ ist, dass auf ihr abgesägte Politiker und Star-Politikwissenschaftler aus Harvard über die „Weltlage“ parlieren, österreichische Populärphilosophen über lebensnahe Themen sprechen, der Kultursoziologe Andreas Reckwitz sein neues Buch vorstellen kann, Eva von Radecker allen mal erklärt, was Hannah Arendt eigentlich wollte (damit man es nicht selbst herausfinden muss), Soziologen und Historiker, Wissenschaftler also derjenigen Kulturwissenschaften, die der Empirie am nächsten sind, darüber diskutieren, ob Denken Grenzen sprengen kann, über Freiheit und das Universum und mich nachgedacht wird, in Formaten, die man jederzeit interessant, aber keinesfalls irritierend finden wird.

Ständig rüttelt irgendeiner wach, erklärt jemand endlich mal, was man schon immer wissen wollte, diskutieren irgendwelche Modephilosophen – „kontrovers!“ – über ewige Menschheitsfragen, die dank solcher Diskussionen auch kontrovers bleiben, so dass man sie nächstes Jahr wieder ins Programm aufnehmen kann. Reinhard Mehring, der auf der Tagung in Siegen zu Heideggers ‚Schwarzen Heften‘ als willfähriger Eiferer im Sinne der Veranstaltung aufgefallen ist – Heidegger in Bausch und Bogen nach der Maßgabe der Faye-Schule zu verdammen – darf über Heidegger aufklären. Ranga Yogeshwar spricht über Marx. Gregor Gysi auch, aber wo sind eigentlich Andreas Arndt oder David Harvey?

Sätze wie „Utopien können schneller Realität werden, als wir denken“ offenbaren in ihrer Gedankenlosigkeit den intellektuellen Tiefgang der Veranstaltung: Wo aus „Utopien“ „Visionen“ werden, die „Realität werden“ können, da kann man sich zurücklehnen. Ranga Yogeshwar ist ja da, um einzuordnen, wie realistisch das alles ist. Der Autor von Titeln wie „Business im Land der aufgehenden Sonne“ und „Kamasutra im Management“, Volker Zotz, arbeitet fleißig gegen die Differenzierung an, die Philosophen wie Heiner Roetz oder Rolf Elberfeld geleistet haben, wenn er „Konfuzius für den Westen“ fit macht: „Noch über zwei Jahrtausende später kann diese Lehre den oft nach Orientierung suchenden Menschen im Europa unserer Tage viel geben.“

Puh, na dann ist ja gut. Ich dachte schon, ich müsste mich jetzt mit einer Welt auseinandersetzen, die ganz anders ist als meine, mit einem Denken, das über die Schüler des Meisters tief in der chinesischen Gesellschaft der Zeit der streitenden Reiche verwurzelt ist, auseinandersetzen.

Wichtig auch, dass Philosophen mal rausgehen, an die Luft – die meisten sitzen ja sonst nur in ihrem Zimmerchen im Elfenbeintum herum. Nicht so Theo Roos, der in „Kant reloaded“ uns den Denker zusammen mit Apple-Werbung und Sushi präsentierte. Er flaniert mit einem Spezialisten für Köln durch Köln: „[A]ngesichts des Stroms und beim Gang über die Brücken fragen sie nach dem kölschen Wesen […].“ Na dann ist ja gut.

Regeln für den Themenpark

Warum hat das alles mit Philosophie nichts zu tun? Weil es bloße Anfänge sind. Philosophie ist Arbeit, nicht Schaulaufen durch einen Park aus Themen, die irgendein Team aus Populärphilosophen und solchen, die es gerne wären, für relevant hält. Philosophie ist Konfrontation mit dem Anderen, nicht das Zurechtmachen und Schmücken und Flankieren mit Bekanntem, bis es zur Unkenntlichkeit verstellt jedes Irritationspotenzial verloren hat. Philosophie bedeutet nicht unbedingt Trockenheit, aber Disziplin und Strenge. Sie bedeutet Lektüreerfahrung und ständige, kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Denken.

Wer die Philosophie an ein paar relevant erscheinende Themen nagelt und ein paar relevant erscheinende Experten einlädt, die dann über diese Themen ein bisschen diskutieren, der zerstört sie. Er ersetzt sie durch ein harmloses Bild. Und wer das dann noch Philosophie nennt, der suggeriert den Leuten, sie hätten immer genau das zu erwarten, wenn es um Philosophie geht.

Dass dem Germanisten Precht Hegel nie etwas gesagt hat, ist eine negative Bildungserfahrung, die er sicherlich mit vielen anderen teilt. Man kann an Philosophen scheitern, das ist nicht ungewöhnlich. Aber daraus folgt eben nur, dass Precht, daraus folgt nicht, dass Hegel gescheitert ist. Philosophie muss nicht verständlich sein, sie ist es. Sie ist vollkommen verständlich – sie ist nur sehr schwer. Und diese Kompliziertheit überwindet man nicht, indem man sich von Experten erklären lässt, was eigentlich gemeint ist. Man überwindet sie nur, indem man liest – und mit anderen, die auch lesen, darüber spricht.

Die phil.cologne hat nichts mit Philosophie zu tun, weil sie sogar noch in ihrer Auswahl von Themen und Experten, in ihrer Inszenierung einer sehr beschränkten Weltsicht und viel zu simpler, viel zu einfach zu beantwortender Fragestellungen die Verhinderung von Philosophie ist. Sie ist darin geradezu eine Anti-Philosophie. Sie erfüllt die Funktion, die zarten Anfänge des menschlichen Denkens, das fragend über sich selbst hinauslangt, mit Expertenantworten und einfach gestrickten Frage-Antwort-Spielchen zu beruhigen.

Ohne Boden unter den Füßen

Es gibt einen klaren Unterschied zwischen Philosophie und der Inszenierung von Philosophie. Er liegt in der Angabe von Kriterien, im Sichtbarmachen des eigene Von-wo-her und in der Bereitschaft, das zu rechtfertigen. Er liegt in der Didaktik der Strenge, der Fairness und der Disziplin – auch so, dass diese Didaktik zeigt, was passiert, wenn diese fehlen. Er liegt in der Verantwortung, die man für die eigenen Ansprüche übernimmt. In Diskurse zu intervenieren oder eine Meinung zu haben bedeutet nicht, dass man Philosoph ist. Auch nicht, irgendwelche bereits existierenden Biographien zu einem Buch zusammenzuschreiben, in dem man derart steile Thesen vertritt, dass sie bei der ersten Erschütterung in sich zusammenfallen. Philosophie ist kein Soufflé, das durch die heiße Luft des eigenen Egos aufgeht.

Philosophie ist die Antwort auf die Frage nach ihr. Sie ist radikale Selbst- und Weltbefragung, radikale Kritik und Prüfung der eigenen Voraussetzungen. Sie geht an die Wurzel, dorthin, wo es weh tut. Und es tut weh, weil dort alle Sicherheiten, alles, woran sich der Mensch festhält, ausgeklinkt werden. Man zieht sich selbst den Boden der Gewissheit weg und bringt sich in die Lage, ihn aus eigener Kraft zurückgewinnen zu müssen. Weil man sonst scheitert oder an den eigenen Gedanken verrückt wird. Philosophie ist aber deswegen nicht immer einsam – sie ist auch das Suchen und Finden von philosophischen Freunden, in stets prekären Gesprächen, weil jeder Philosoph und jede Philosophin, weil alle Philosophierenden in der existenziellen Situation sind, dass sie von nichts ausgehen dürfen, um alles finden zu können. Oder vielleicht auch nur: nicht-alles.

Philosophie ist das langsame, mühsame Erlernen von Tanzschritten. Philosophie ist Kung-Fu, mit vielen Lehrern. Sie ist überwältigend und unmenschlich – man muss sich mit einem ganz fremden Denken beschäftigen, man muss es besser kennenlernen als man sein eigenes Denken jemals kennengelernt hat. Man muss so denken können, wie der Philosoph denkt, den man liest. Und dann, wenn man dort angelangt ist, muss man ihn verlassen. Und alles beginnt von vorne. Weil man nie weiß, wie fremd ein Denken ist, baut sich die Gewissheit, die Erfahrung und wiederkehrende Formen und Figuren mit sich bringen, nur sehr langsam wieder auf und bleibt stets fragwürdig. Nicht mal den Begriffen kann man vertrauen.

Philosophie ist, bei aller Gemeinschaft mit anderen Philosophen und Philosophinnen, also auch sehr einsam. Sie muss es sein, weil nur in der Einsamkeit die Radikalität ihrer Fragestellung wirken kann. Wer ständig nur Leute um sich hat, die einem versichern, dass die Welt schon so ist wie sie ist, der kann keine radikalen Fragen stellen. Oder wenn er es tut, dann wirkt er auf seine Umgebung seltsam, komisch, weltabgewandt.

Philosophen arbeiten kontinuierlich an der Tendenz ihrer Umgebung, jede Lücke, jede Infragestellung, jede Differenz, jede Öffnung für Anderes, Neues oder Unerwartetes, Ungekanntes oder die eigene Weltsicht Erschütterndes zuzuschütten, zu schließen, mit performativen Sicherheitsgesten – Hohn, Spott, Angst vor Phantasmen, Pfeifen im Walde – ungeschehen oder zumindest unwirksam zu machen. Sie sind, sobald sie Philosophen und Philosophinnen sind, einer ungeheuren Doppelbelastung ausgesetzt. Sie müssen die Radikalität aufrechterhalten und sie müssen sie vor anderen verteidigen, die sie nicht ertragen können. Sie müssen schützen, woran sie selbst leiden müssen, weil auch sie nur Menschen sind, die geliebt werden und lieben wollen, die leben, atmen, essen und Freude daran haben wollen.

Die Gipfelstürmer

Philosophie ist der Gipfel der radikalen Infragestellung. Deswegen brechen sie so viele ab und siedeln sich an den grünen Hängen ihres Vorgebirges an, wo die Wiesen satt und grün und wo die Kühe fett sind. Das ist auch kein Problem – das Problem entsteht dort, wo diese abgebrochenen, die kraftlosen oder bequemen Philosophiestudenten den Neuankömmlingen weismachen wollen, der Gipfel sei unerreichbar oder es gebe gar keinen Gipfel oder da oben sei es derart tödlich, es sei noch keiner zurückgekommen.

Diese Geschichten sind durchschaubar, denn sie kaschieren das eigene Unvermögen. Sie führen aber wie durch Zauberhand dazu, dass tatsächlich immer weniger Menschen den Aufstieg wagen und so diese Geschichten mit der Zeit immer glaubwürdiger erscheinen. Die, die zurückkommen, denen glaubt man natürlich nicht oder man bedroht sie mit Ächtung oder Schlimmerem.

Deswegen siedeln sich diejenigen, die von dort zurückgekommen sind, abseits der ausgetretenen Pfade zu den grünen Wiesen und den fetten Kühen an. Ignoriert von den einen, verlacht von den anderen, stellen sie geduldig Ausrüstungen für Klettertouren zum Gipfel her: Steigeisen, Seile, Gurte, Kletterhaken. Manchmal ziehen lärmend Leute, die sich ein bisschen verirrt haben, an ihren Hütten vorbei, von denen sie ignoriert oder verlacht werden. Denn diese Leute wollen von den ‚Philosophen‘ auf den Wiesen und bei den Kühen das Melken und das Mähen lernen.

Nur ab und zu, eher selten, wagt einer, die Nase in die Hütte zu stecken, in der alles voller Kletterwerkzeug ist. Und von denen, die das wagen, wird nur ein Bruchteil bereit sein, mit auf Tour zu gehen, erst zur Übung, dann immer höher und höher. Aber auf diese Wenigen kommt es an. Sie bringen den Willen, die Ausdauer, die Kraft mit, um diese schwerste aller Aufgaben zu meistern. In ihnen brennt ein Feuer, eine Frage, ein Problem. Und ihnen ist die Welt der Wiesen- und Kuh-Philosophen nicht genug. Keine Milch, kein Heu kann ihren Hunger stillen. Also gehen sie auf den Gipfel.

Natürlich kann man versuchen, den Gipfel den Leuten auch anders nahe zu bringen. Man kann Bilder malen oder Fotos machen. Man kann vom Gipfel erzählen, immer wieder. Aber all das lässt sich fälschen. Denn es gibt auch auf der Wiese, bei den Kühen, ‚Philosophen‘, die anderen erzählen, sie hätten den Gipfel erklommen, obwohl sie es nie haben. Diese Geschichte dient dann nur dazu, den anderen zu verdeutlichen, dass es sich gar nicht lohnt. „Da oben sieht es genauso aus wie hier unten, außerdem ist der Gipfel gar nicht so hoch. Das sieht nur von hier unten so aus“. Die melkenden und mähenden Gäste nicken begeistert und melken und mähen weiter.

Den Gipfel, daran führt kein Weg vorbei, erreicht man nur, indem man ihn selbst besteigt. Indem man die dünne Luft dort oben auszuhalten lernt, indem man lernt, der eigenen Kraft zu vertrauen, die Steigeisen richtig zu setzen, die Kletterhaken fest zu verankern und die Seile richtig zu knoten. Indem man Schritt für Schritt nach oben geht und nicht versucht, den Gipfelsturm auch wörtlich so zu verstehen. Es gibt keinen Gipfelsturm, aber man kommt umso besser voran, je höher man geht. Dennoch reicht ein Schritt und man landet im Nichts.

Ein schwaches Licht, das ewig brennt

Habe ich nun nicht selbst eine Geschichte vom Gipfel erzählt? Was beweist, dass ich dort oben war, um davon zu berichten? Nun, nichts. Aber ich bin bereit, den Weg mit denen gemeinsam anzutreten, die wissen wollen, ob es stimmt. Ich erzähle nicht nur vom Gipfel, ich steige immer wieder zu ihm hinauf. Und immer wieder wird der, der mit mir geht, erst ganz oben wissen, ob meine Geschichte stimmt. Nur wer den Weg geht, wird ihn erfahren – und selbst wenn ich den Weg schon hundertmal gegangen bin, werde ich das nur beweisen können, indem ich ihn immer noch ein weiteres Mal gehe.

Das ist das Opfer des Philosophen, der auf dem Gipfel war und der diese Erfahrung anderen ermöglichen will. Er muss die Radikalität seiner eigenen Frage, die Ignoranz, die Dummheit und den sich versichernden Spott der Übrigen ertragen und darüber hinaus das Misstrauen derjenigen, die er dazu anleitet, den Gipfel zu besteigen. Er ist ganz allein und er ist es immer wieder. Außer es kommt, aus einer anderen Hütte, ein anderer erfahrener Bergsteiger zu Besuch. Dann tischt man Milch und Heumilchkäse auf, schaut zum Berg und freut sich, dass man hier zusammen sitzt und jemanden hat, mit dem man darüber sprechen kann.

Aber es wird kein Streitgespräch mehr sein, keine Kontroverse über die Natur des Gipfels oder den besten Weg hinauf. Es gibt unendlich viele Wege hinauf, man könnte fast sagen: Mehr Wege hinauf als hinunter. Vielmehr wird man sich im Anderen wiedererkennen, so wie dieser sich in einem selbst wiedererkennt – in dieser ganz anderen, ganz unteilbaren, ganz für sich stehenden Erfahrung. Und es ist dieses Wunder, diese Liebe, die vielleicht gemeint ist, wenn man von der ‚Liebe zur Weisheit‘ spricht.

Advertisements

12 Kommentare

  1. Dieser Kommentar hat mir so sehr gefallen, dass ich ihn gleich zweimal hintereinander gelesen habe. Das zweite Mal rein zum Vergnügen! Nur zwei Sachen waren mir aufgefallen: Zwischen Precht und Scobel gibt es einen großen Unterschied: Scobel weiß, dass er Moderator ist, und versucht es erst gar nicht, sich als Philosoph in einem akademischen Sinn zu verstehen. Ich denke, man könnte ihn unter die Rubrik subsumieren, die Gernot Böhme mal als „Philosophie als Lebensform“ beschrieb. Der zweite Punkt, der mir ins Auge fiel, war der Satz: „Philosophie muss nicht verständlich sein, sie ist es“. Hier liegt doch eine Äquivokation des Begriffs „verständlich“ vor, oder? Im ersten Gebrauch als „leicht verstehbar“ und im zweiten Fall im Sinne von „prinzipiell verstehbar.“ Aber im Kontext als Lesevergnügen passt der Satz bestens. Für mich führte übrigens auch kein direkter Weg zu Hegel, ich musste ihn über Schnädelbach gehen, um mich dann zu fragen: „Lohnt die Lektüre des Primärwerks?“. Ja, sie lohnt! – Nur nicht für „Laienphilosophen“ wie mich, sondern für „richtige“ Philosophen wie den Betreiber dieses Blogs hier. 😉

    1. Sie dürfen durchaus „verständlich“ auch als „leicht verständlich“ verstehen. Das Problem der Verstehbarkeit liegt in den allermeisten Fällen nicht am Text, sondern bei den Lesern, die unausdrückliche und implizite Voraussetzungen, Erwartungen, Weltanschauungen usw. zum Text mitbringen. Philosophische Texte sind sowohl prinzipiell verstehbar, als auch leicht verstehbar. Man muss sich nur mit dem Lesen etwas mehr Mühe geben.

      1. Sie haben sicher Recht, dass es keine besondere Schwierigkeit für einen Philosophen darstellt, Hegel zu verstehen, der sich zuvor eine Menge an Bildung und „Denkweisen“ angeeignet hat, die ihn erst dazu befähigen. In einem normativen Sinn entspricht dies wahrscheinlich der Grundvoraussetzung, als Hegelforscher zu gelten. Das Argument ist vergleichbar mit dem eines Sternekochs, dem es nicht besonders schwerfällt, ein Gericht zuzubereiten, dem die Qualität eines Sternekochs in einem „Koch(dis)kurs“ zugesprochen wird.;-) Hier zeigt sich sehr schön die innere Kohärenz Ihrer einzelnen Aussage zum Gesamttext Ihres Kommentars, nämlich die Anprangerung, dass Richard David Precht aus einer Außenperspektive zuweilen die Auszeichnung als „Star-Philosoph“ erhält, die ihm in einer Binnenperspektive (zurecht) nicht zugestanden wird. Aber nicht nur deshalb ein sehr lesenswerter Kommentar! 🙂

      2. Ich bezog mich mit der Frage der Verständlichkeit nicht auf Philosophen. Hegel ist auch für Nichtphilosophen vollkommen verständlich. Man muss nur wissen, wo man zu lesen beginnen muss, muss versuchen, die Texte erst einmal für sich wahrzunehmen, anstatt ihnen Beweislasten aufzubürden, die man selbst mitbringt und man braucht Geduld.

        Sie brauchen weder großartig „Bildung“, noch „Denkweisen“, um Hegel zu verstehen. Das ist ja die Pointe bei dem Studium philosophischer Texte: sie funktionieren voraussetzungsvoll. Höchstens müssen Sie sich in die historischen Kontexte einarbeiten, auf die ein philosophischer Text Bezug nimmt – aber das müssen Sie auch bei literarischen oder historischen Texten tun. „Befähigt“ werden Sie für philosophische Texte einzig durch Ihre Fähigkeit, Texte zu lesen. Die Hürden, die Sie nennen, gibt es nicht – sie sind Erfindungen des akademischen Establishments, um die eigene Bedeutsamkeit zu erhöhen oder Ergebnis einer Doxographie, die sich über Jahrzehnte, teilweise auch Jahrhunderte, über die Originaltexte gelegt hat. Um es mit Kant zu sagen: Habe Mut, Dich Deiner eigenen Fähigkeit zur Lektüre zu bedienen!

        Wer bestimmte Formen von Bildung oder irgendwelche Denkweisen normativ zu Grundvoraussetzungen erhebt, um als Hegelforscher zu gelten, kann selbst keiner sein. Er macht sich verdächtig, anderen den Weg mit unlauteren Mitteln zu erschweren. Hegelforscher sind Sie, wenn Sie sich mit der Maßgabe von Textbezug, Nachprüfbarkeit und Reflexion des eigenen Geltungsanspruchs (und seines Bezugs) mit Hegel auseinandersetzen und dazu veröffentlichen.

        Ihr Beispiel mit dem Sternekoch funktioniert daher nicht: Ein Sternekoch muss sich in langer Jahre Arbeit, unter höchstem Druck und mit großem Aufwand ein Handwerk anlernen. Dann ist er erst einmal ein guter Koch. Ob er dann ein Sternekoch wird, hängt von einer Anzahl von Faktoren ab, die oft nichts mit seinem Können zu tun haben: der Kontrast zur Arbeit anderer Köche, der Zufall der kreativen Idee, Kontakte und Freunde, die Empfehlungen an die richtige Adresse geben. – In der Philosophie gibt es Sie und den Text. Es stimmt, dass man mit wachsender Lektüreerfahrung auch mehr Dinge im Text wahrnehmen kann – insofern gibt es eine teilweise Übereinstimmung mit Ihrem Beispiel. Aber die Voraussetzung, ein treffendes Urteil über den Text zu fällen, ist nur bedingt durch Ihr Urteil und den Text. Sie müssen weder Handgriffe beherrschen, noch Vitamin B bemühen, noch einen akademischen Titel führen. Sie müssen nur gründlich lesen. Natürlich müssen Sie damit mal anfangen – und dann könnten Sie sich fragen, was es bringt, Philosophie auf Sternekoch-Niveau zu erhöhen. Die Aufgabe ist schwierig, aber bewältigbar. Sie müssen nur beginnen.

        Entsprechend gibt es zwar eine „innere Kohärenz“ meiner einzelnen Aussage zum Gesamttext, aber sie liegt woanders, als Sie annehmen: In der Aufforderung, selbst den Gang zu versuchen, anstatt nur von der Unerreichbarkeit des Gipfels zu reden und sich selbst damit zu beruhigen, dass es deswegen keinen Grund gibt, ihn anzustreben. Während Sie noch auf ein Idealbild dieses Gipfels schauen, lege ich für Sie Steigeisen und Seile bereit. Sie müssen nur zugreifen.

        Precht wiederum wird als „Star-Philosoph“ bezeichnet, weil zu wenige Menschen die Texte lesen, über die er zu sprechen vorgibt. Das ist die Gelegenheit jedes Verkäufers – er arbeitet mit der Unwissenheit seiner Kundschaft. Dasselbe tun aber auch manche Hochschulprofessoren. Deswegen gehe ich einen anderen Weg – ich bilde Menschen dazu aus, sich selbst ausbilden zu können. Und mache es den Verkäufern und Selbstverkäufern dadurch ein bisschen schwerer.

      3. Vielen Dank für Ihre ausführliche Antwort! Und auch hier gebe ich Ihnen Recht, vor allem Ihre Anmerkung zum „akademischen Establishment“. Ich selbst lese auch sehr gerne alte Originaltexte, vorzugsweise solche in einer aphoristischen Form, also natürlich Nietzsche und Schopenhauer, aber auch (in älterer Übersetzung) Montaigne, Rochefoucauld, Bruyère etc. bis dann schließlich Adorno). Bei ihm zeigt sich sehr schön, dass Verständlichkeit tatsächlich hauptsächlich mit der generellen „Fähigkeit, Texte zu lesen“ zusammenhängt, wie Sie ja auch festgestellt haben. Bei Adorno entsteht bei mir leicht, dass beim Lesen mein Arbeitsgedächtnis überfordert wird, quasi dass seine Satzkonstruktionen einen regelrechten „Out of memory“-Error erzeugen. Das liegt wohl an seinen Satzbauten mit etlichen Nebensätzen und Parenthesen, so dass ich mir immer merken muss, auf welche Nebensätze denn nun die vielen unterschiedlichen Reflexivpronomen in einem Satz denn nun verweisen. Habe ich den Satz dann gemeistert, ist er meistens ein echter Gewinn, wobei wohlgemerkt die Tiefe des Textes aber in keiner Korrelation zum Aufwand des Lesens steht. Leider erhalten wir diese kognitive Verzerrung ganz automatisch, gewissermaßen als unliebsames Geschenk von unserem Gehirn als eine solche Empfindung gratis dabei. Eine zweite „kognitive Überforderung“ stellt sich bei mir häufig ein, wenn ich einen Sinn nicht direkt verstehe, ihn dann gewissermaßen suspendieren muss in der Hoffnung, dass er sich mir später beim Lesen offenbart. Aber dann muss ich nicht Sinn behalten, sondern Sätze, was viel mehr Aufwand für mein bereits durch Stress angeschlagenes Arbeitsgedächtnis bedeutet. Dieses steht nun aber in einem engen Verhältnis dazu, was Psychologen als Intelligenz bezeichnen. Die Folgerung wäre nun, dass ich einfach nicht intelligent genug bin, diese kompliziert formulieren Texte lesen zu können. – Und schon schlag ich mich auf diese Seite von Precht und auch Popper. Letztere meinte mal sinngemäß, man solle sich so lange darin üben, einen komplizieren Gedanken in einfache Worte zu fassen, bis der Gedanke dann für jedermann einfach nachzuvollziehen ist. Adorno hingegen aber war in seiner Minima Moralia der Meinung (das Zitat konnte ich schnell wiederfinden): „Es hilft nichts, alle Elemente der Fachsprache, alle Anspielungen auf die nicht mehr vorgegebene Bildungssphäre asketisch zu vermeiden. Vielmehr bewirken Strenge und Reinheit des sprachlichen Gefüges, selbst bei äußerster Einfachheit, ein Vakuum.“ Irgendwo dazwischen fühle ich mich am wohlsten… Nun, ich denke nun, deutlich gemacht zu haben, was ich genau mit „verständlich“ meine, eben keine Zumutung für mein Arbeitsgedächtnis zu sein. Und ich denke, dass so einige Philosophen, aber nicht nur diese, tatsächlich keine guten Schreiber in diesem Sinne sind und sich vielleicht mal etwas mehr mit Germanistik beschäftigen sollten, zu der meine Frau (sie studiere das mal in ihrem Erststudium) neulich anmerkte, dass sie es nicht für besonders geistreich hielte, einen Philosophen dadurch abzuqualifizieren, dass man ihn lediglich als „Germanisten“ tituliert; das zeuge von einer Unkenntnis des Germanistikstudiums. Ich versicherte ihr aber, dass Sie das ganz sicher nicht so gemeint hätten. 🙂 P.S. Ich werde mir Ihr Buch „Einführung in die Philosophie“ bald kaufen: Die ersten Seiten auf Amazon haben mich sehr beeindruckt und gleichermaßen überzeugt! 🙂

      4. Sie haben recht, es ist schwer, philosophische Texte zu lesen. Allerdings darf ich Ihnen vielleicht ans Herz legen, die eigene Lektürepraxis nicht zu sehr von Metaphern wie „Arbeitsgedächtnis“ (wie ‚Arbeitsspeicher‘) oder Vorgängen im Gehirn her zu denken. Denken Sie sie eher als eine Praxis, in der man besser wird, je öfter man sie vollzieht. Verschachtelte Sätze kann man sich auf Papier wunderbar auseinanderbauen und vielleicht fallen dann auch mehrdeutige Bezüge auf, an die der Philosoph selbst gar nicht gedacht hat (oder er hat daran gedacht und die Mehrdeutigkeit ergibt einen guten Sinn). Ich kenne auch die Fehlstellung (wie im Sport), einen Text ganz oder voll verstehen zu wollen. Ich rate dann immer, philosophische Texte wie Romane zu lesen. Da will man ja auch nicht am Anfang gleich wissen, wie es endet oder was das alles soll, sondern man lässt die Entfaltung der Handlung auf sich zukommen. So würde ich das auch mit philosophischen Texten machen. Philosophen sind oft erstaunlich gute Literaten, wenn man einmal begriffen hat, wie die Schreibe funktioniert. Popper war ein schlechter Leser – und Teddy Adorno wahrlich kein Schriftsteller vor dem Herrn. Mein Tipp: Lesen Sie mal Sigmund Freud, ein zauberhafter Prosaist. Platon ist durchgängig witzig, allerdings muss man sich ein wenig in die Anspielungen einfuchsen – dafür braucht man den Originaltext. Plotin ist ein großartiger Didaktiker, manche Enneaden sind echte Kunstwerke (lesen Sie mal die III 8). Cusanus ist ein Meister der didaktischen Dialogführung. Es gibt viel zu entdecken.

        Richten Sie bitte Ihrer Frau noch aus, dass die Titulierung als „Germanist“ keine Abqualifikation ist – ich bin selbst Literaturwissenschaftler und habe den Großteil meines Studiums im „kleinen Grenzverkehr“ in der Germanistik verbracht. Mir geht es bei der Bezeichnung eher darum, dass Precht eben keine durchgängige philosophische Ausbildung genossen hat, nicht weiß, wie man mit den Texten umgeht, die Forschung nicht kennt, keine philosophischen Argumentationen entfalten kann usw. Seine Philosophiegeschichte ist grauenhaft uninformiert dafür, dass jeder Erstsemester mit dem Neuen Ueberweg, dem HWPhil und ein bisschen Podcast von Peter Adamson Besseres leisten kann. Mich reitet also keine „Unkenntnis des Germanistikstudiums“ (vielmehr habe ich ein solches zu Teilen selbst genossen), sondern weise darauf hin, dass einem Germanisten eben bestimmte Kenntnisse fehlen können, die ein Philosoph besitzt. Natürlich sind die besten Germanisten auch gute Philosophen und umgekehrt – aber nicht jeder ist ein guter Germanist. Und wenn man sich dann als Philosoph verkauft, darf der Hinweis erlaubt sein, dass hier Etikettenschwindel vorliegt – dass hier jemand mit einem Germanistikstudium Schriftstellerei betreibt und das „Philosophie“ nennt, d. h. Sachbuch- oder sogar Fachbuch-Ansprüche vertritt. Und das geht nicht.

      5. Wie wahr, wie wahr! Und es ist wichtig und richtig, darauf hinzuweisen, dass sich die Lesekompetenz durch das Lesen selbst verbessert, vergleichbar vielleicht mit einem Trainingseffekt beim Sport. Durch das Lesen werden die Texte sozusagen immer „anschlussfähiger“, und die Wahrscheinlichkeit eines Verständnisses steigert sich, so dass ab einem gewissen Punkt das Verständnis selbst plural wird. Dies gilt aber nur bei sonst gleich bleibenden Bedingungen und nicht etwa bei (warum auch immer) abnehmender Konzentrationsfähigkeit. Meine Metaphorik sollte auch nur darauf hinweisen, dass Lesekompetenz auch von grundlegenderen, eben psychologisch oder physiologisch beschreibbaren „Grundausstattungen“ abhängt. Bspw. ist es zwar prinzipiell möglich, für einen 100-Meter-Sprint weniger als 10 Sekunden zu benötigen, aber doch längst nicht für alle, ja nicht einmal für die meisten, auch wenn sie ein Leben lang dafür trainieren. Diese sollten vielleicht dann andere Ziele suchen, wenn es ihnen primär um Zielerreichung geht; wie es auch einige geben mag, die nicht unbedingt für ein Philosophiestudium geeignet sind, auch wenn sie es dennoch meistern, aber dann wohl eher aufgrund anderer Kompetenzen, die dann eher im Paraphrasieren und Auswendiglernen liegen dürften. Andere, mit besserer „Grundausstattung“ beschenkte Philosophen-Leser mögen sogar Adorno nicht trotz, sondern wegen seines Verschachtelns, ist ja gerade der Aphorismus eine sprachliche Faltkunst und gerade keine „Trübung des Gewässers, dass es tief scheine“ (Nietzsche). Und auch hier gebe ich Ihnen Recht, dass die in Falte gelegten Beschreibungen auf sehr unterschiedliche Weise entfalteten werden können. Aber ich denke, das gilt für alle Texte, wenn auch nicht auf gleiche Weise. Ich mag den Aphorismus aber mehr im Sinne eines „Malens mit Worten“, so dass das Resultat dann mehr ein Bild ist als ein Text, und gute Prosa hat bei mir eine ganz ähnliche Wirkung, die ich auch am liebsten mit „zauberhaft“ umschreibe. An dieser Stelle möchte ich mich bei Ihnen für die Inspiration bedanken, wieder vermehrt zu den alten Texten zu greifen; wurden mir gerade von Cusanus vor längerer Zeit Exemplare geschenkt, die ich leider immer noch als „neuwertig“ verkaufen könnte.

        Dieselbe Person schenkte mir aber auch „Precht“, um wieder zum eigentlichen Thema der „Pseudo-Philosophie“ zurückzukehren, dessen Protagonist er womöglich ist. Um die von Ihnen vorgebrachten Kritikpunkte selbst besser spüren zu können, habe ich nun Prechts Kapitel über den Deutschen Idealismus gelesen und anschließend die entsprechenden Kapitel aus Franz Schupps Dreibänder. (Der Vergleich mit dem „Neuen Ueberweg“ wäre wohl aufgrund des Umfangs und Anspruchs etwas unfair, dem kann sich vielleicht nur der „Große Röd“ stellen.) Ich glaube, es gibt Ihrer Kritik nichts hinzuzufügen bis auf den Hinweis vielleicht, dass Precht einen sehr lebendigen und ja: „guten“ Schreibstil hat, so dass es ihm äußerst gut gelingt, dass man seine Werke wie einen Roman liest, aber eher nicht mit dem von Ihnen erhofften Zweck.

        P.S. Meine Frau, die mir übrigens die genannten Geschenke machte und mir heute auch Ihr Buch geschenkt hat (wirklich!), hatte ich natürlich vorher darüber in Kenntnis gesetzt, dass Sie auch Literaturwissenschaften studiert haben. Aber durch Ihre Worte erhält der Befund mehr Gewicht, dass Germanistik sehr viel mehr als nur ein „Laberfach“ ist und auch keine „Philosophie für Arme“ (alles schön gehört). Und auch dem Standardeinwand meiner Frau, dass die vielen „Precht-Prügler“ sich doch gefälligst selbst mal gesamtgesellschaftlich exponieren und sich genauso angreifbar machen sollten, und dass sie selbst mal Einführungswerke in die Philosophie schreiben sollten, konnte ich entgegenhalten, dass Sie eben genau dies machen bzw. gemacht haben. Der Kauf Ihres Buches ist wohl somit auch als symbolischer Akt zu verstehen, Ihnen Respekt zu zollen, den ich Ihnen aber als „viele liebe Grüße“ ausrichten soll. 🙂

    1. Vielleicht reicht es aber auch aus, wenn er nur Menschen dazu ausbildet, Wege finden zu können, sie ein bisschen besser zu machen…

  2. Großartig! Nach der Lektüre dieses Beitrags bedaure ich es nicht mehr, nicht zur phil-cologne gegangen zu sein. Obwohl … Siri Hustvedt, egal, lassen wir das.
    Jedenfalls kann der Weg zu Hegel nicht nur über Schnädelbach sondern auch über Gotthard Günther gegangen werden. Passt zumindest für mich besser. Dass Precht nie zu Hegel gefunden hat, ist leider nicht nur sein Problem. Er würde dann mglw. von öffentlichem Kybernetik-Bashing absehen. Denn Selbstreferenz ist schon bei Hegel wesentliches Thema.

    Bestes, Nick Haflinger

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.