Monat: Januar 2019

Es gibt keinen Weg in die Philosophie

Die Vorstellungen, die sich Nichtphilosophen von der Philosophie machen, sind – wie sollte es anders sein – geprägt durch das Wissen und die Erfahrungen, die sie bisher gesammelt haben und auf die sie sich verlassen können. Philosophie wird so oft vorgestellt als eine Art radikale Wissenschaft, die eben noch ein bisschen weiter fragt als die Wissenschaft, die man sonst so kennt. Die Philosophie, so diese Vorstellung, geht einfach dort weiter, wo die Wissenschaft anhält.

Diese Vorstellung ist die Grundlage für allerlei Formen von Erwartung und Ablehnung, die mit der Philosophie verbunden werden. Ausgehend vom Alltag und der wissenschaftlichen Weltanschauung, die man kennt – wo führt die Philosophie hin? Wo ist dieses „wo“, das nur die Philosophie erreichen kann? Die Antworten auf diese Fragen verweisen auf ihre Voraussetzungen: Die Philosophie fragt über die Wissenschaft hinaus – also kann sie nur das Übersinnliche, das Hinterweltliche, das Metaphysische betreffen.

Verbindet man mit dieser Schlussfolgerung eine hoffnungsvolle Erwartung, wird die Philosophie zu so etwas wie der Geheimlehre unseres eigentlichen Wesens, zur esoterischen Einführung in die verborgenen Grundlagen unseres Ich, der Welt, des Universums. Verbindet man mit der Schlussfolgerung eine spöttische Ablehnung, dann wird aus der Philosophie bloße Spekulation, ein Glasperlenspiel über nicht existente Sachverhalte, im besten Fall Literatur, im schlechtesten Fall bloße Fiktion ohne Mehrwert.

Die Philosophie ist Alles – die Philosophie ist Nichts: Diese Alternative verweist schon darauf, dass die Vorstellung, die Philosophie sei die Fortsetzung unseres alltäglichen oder wissenschaftlich geprägten Denkens, ein Holzweg ist. Wie diese Vorstellung nämlich auf den Voraussetzungen ruht, die wir aus dem Alltag und unserer Wissenschaftsauffassung mitbringen, so ruht auch unsere Erwartung auf der Annahme, die Philosophie habe mit der Eröffnung des Ursprünglichen zu tun – sei es als Verheißung, sei es als leeres Versprechen.

I. Der notwendige Holzweg

Dieser Holzweg – und das ist die Crux – ist ein notwendiger Irrtum. Dieser notwendige Irrtum ergibt sich aus dem Umstand, dass die Philosophie zuallererst die kritische Infragestellung von Voraussetzungen lehrt. Sie ist weder Ersatz für eine Religion, die einem in Glaubenssätzen den Ursprung, das Höchste und die Wahrheit lehrt, noch ist sie Ersatz für eine Wissenschaft, die auf Handfestes verweisend messbare Daten erzeugt und verwertet. Sie ist, im ersten Schritt, die Lehre von der Kritik – das heißt: der Prüfung – dessen, was wir für selbstverständlich halten.

Deswegen ist klar, dass der Holzweg ein notwendiger ist: Wenn ich versuche, die Philosophie zu verstehen und dabei die Voraussetzungen, mit denen ich alles andere auch verstehe, nicht kritisch hinterfrage, dann erhalte ich eine Gestalt der Philosophie, die das, was sie tut, geradewegs verstellt. Indem ich den ersten Schritt machen will, mache ich ihn für mich unmöglich.

Das führt zu einer paradoxen Konsequenz: Wer in die Philosophie einsteigen will, muss sie eigentlich schon beherrschen. Denn nur, wenn er das für ihn Selbstverständliche in Frage stellt, kann er offen sein für das, was die Philosophie ihm zu bieten hat. Aber es ist zuerst die Philosophie, die ihn lehrt, das Selbstverständliche in Frage zu stellen. Wer mit der Philosophie beginnt, muss ihr also glauben, ohne ihr zu glauben, muss eine Haltung einnehmen, die verständlicherweise Misstrauen, Skepsis und Ablehnung hervorruft. Denn warum sollte man eigentlich das Selbstverständliche in Frage stellen? Was hat einem die Philosophie als Alternative zu bieten? Wer so fragt, fragt wieder nur unter der Voraussetzung, dass das Selbstverständliche gilt. Und so wiederholt sich das Problem.

Seit Heraklit besteht dieses für die Philosophie grundlegende Problem ihrer Didaktik. In ihrer Not haben Philosophen Umwege zu diesem Problem gesucht: Manche haben dogmatische Schulen errichtet, in der Hoffnung, die Schüler würden eines Tages von selbst darauf kommen, diese Leiter wegzuwerfen, wenn sie sie emporgestiegen sind. Nicht wenige davon gefielen sich nach einiger Zeit in der Rolle des unfehlbaren Meisters – und manche wurden nach ihrem Tod von besonders eifrigen Schülern dazu gemacht, bis hin zur Vergöttlichung. Sie wurden von Philosophen zu Propheten einer ursprünglichen Wahrheit, die nun viel leichter zugänglich wurde, weil sie einfach nur gelehrt werden musste. Andere Philosophen haben darauf vertraut, dass es irgendwo oder zumindest irgendwann andere Philosophen geben wird, die aus ihren Schriften dann schon etwas Vernünftiges machen würden. Manche davon haben ihre Texte wie eine Flaschenpost dem Strom der Geschichte übergeben, um hundert oder dreihundert Jahre später ihre Wirkung zu entfalten.

II. Die Erfahrung des Problems

Eine Weise, mit diesem didaktischen Grundproblem der Philosophie umzugehen, hat Platon in seiner Version von Sokrates seinem Lehrer zugeschrieben und zur Grundlage von dessen Lehrmethode gemacht. Platon nennt sie ‚Elenktik‘, das kommt von ‚elenchos‘, altgriechisch für ‚Widerlegung‘, allgemeiner ‚Prüfung‘ oder ‚Test‘. Allerdings heißt ‚elenchos‘ auch ‚Vorwurf‘, ‚Schande‘ oder ‚Beschämung‘ – was zweifellos die Affekte und Bewertungen wiedergibt, die mit einer öffentlichen Widerlegung verbunden waren und sind.

Die ‚Elenktik‘ basiert auf der einfachen Idee, die dogmatische Selbstverständlichkeit des Alltags und des selbstherrlichen Wissens dadurch zu erschüttern, zu zermürben, dass man es so lange kritisch befragt, bis das vermeintliche Wissen als Nichtwissen da steht, die anfängliche Sicherheit in Unsicherheit verwandelt worden ist. Oft wird Sokrates bei Platon so verstanden, dass in der Herstellung dieser Unsicherheit die Methode seiner Gesprächsführung besteht und erst Platon diese Methode positiv ergänzt habe.

Das ist falsch. Der Elenchos stellt vielmehr erst die Situation her, in der Philosophie allererst möglich wird. Er ist nicht der letzte, sondern der allererste, dabei manchmal äußerst unangenehme Schritt in die Philosophie hinein. Denn erst, wenn die unkritisch vorausgesetzte Selbstverständlichkeit Risse bekommt, der Wissende zu einem zumindest teilweise Unwissenden geworden ist, ist Philosophie möglich. Dass sich der Philosoph dabei wenig Freunde machen wird, ist klar – er hinterlässt sozusagen eine Spur potenzieller Feinde, um die wenigen, die ihm bis zur radikalen Befragung der eigenen Selbstverständlichkeit folgen, zur Philosophie hinzuführen.

Anders, als es die vom Alltag und von der Wissenschaft her gedachte Vorstellung von Philosophie will, gibt es keinen harmlosen, schrittweisen, methodisch vorgezeichneten Weg in die Philosophie. Es gibt keine angenehme Einführung, weil es immer unangenehm war, ist und sein wird, die eigenen Sicherheiten auf die Probe zu stellen. Wenn die Philosophie als „unverständlich“ gegeißelt wird, steckt darin oftmals die Verzweiflung, nichts mit ihr anfangen zu können. Was die Wenigsten wissen, die diesen Affekt erfahren: Er eröffnet die Möglichkeit zur Philosophie, weil das „Unverständliche“ eben auf etwas verweist, was man (noch) nicht versteht, weiß oder wie selbstverständlich einordnen kann.

Es gibt natürlich auch andere, einsamere Formen dieser Eröffnung, die dann für diejenigen zu Wegen werden können, die sie erfahren. Meistens handelt es sich um Denkprobleme, um unendliche Wiederholungen desselben, um widersprüchliche Verhältnisse, in denen wir uns wiederfinden, oder um die Frage, ob das, was alle anderen für selbstverständlich halten, wirklich alles ist. Dabei sind alle diese Probleme selbst Versionen der Irritation, die die Elenktik im Dialog herzustellen versucht: Wenn wir in eine endlose Schleife geraten, suchen wir einen Ausweg. Wenn wir in einen Widerspruch geraten, versuchen wir zu verstehen, wie wir ihm entkommen können. Und wenn wir damit konfrontiert werden, dass andere Selbstverständlichkeiten nutzen, um uns zu bestimmen oder zu kontrollieren, entdecken wir unsere Fähigkeit zum „Nein!“, zur Infragestellung und zur Kritik.

Natürlich – und hier wird es noch komplizierter – müssen diese Erfahrungen von Problemen nicht in die Philosophie führen. Es ist sogar wahrscheinlicher, dass sie eher in Vorstellungen führen, die die verlorene Sicherheit wiederherstellen, religiöse Glaubensvorstellungen zum Beispiel, oder ideologische Überzeugungen. Ohne Anleitung durch einen Lehrer, der einen sicher durch die Untiefen von Dogmatismus und Skeptizismus führt, können aus problemgeplagten Mitmenschen ganz schnell ziemlich unangenehme Zeitgenossen werden.

Aber woher soll man wissen, dass der Lehrer, dem man sich anvertraut, nicht selbst ein solcher unangenehmer Zeitgenosse ist? Philosophie ist erst später fortgesetzte, bewusst gewählte Unsicherheit. Wer gerade erst in sie hineingerät, erfährt den ersten Schritt fast immer als gewaltsam, sei es als ein Problem, das einem vom Gegenüber im (elenktischen) Gespräch aufgezwungen wird, sei es als ein Problem, was einem die Situation, der Sachzwang, die Umstände – oder konkreter: der Staat, die Wirtschaft, die Gesellschaft aufzwingen. Dieser erste Schritt ist daher der schwerste, denn von ihm hängt oft alles Weitere ab.

In beiden Fällen gilt es, die Abneigung dem anderen – und vor allem sich selbst gegenüber – zu überwinden und die Einsicht des eigenen Nichtwissens als Möglichkeit und nicht als Mangel zu begrüßen. Oder dem Anderen – oder der Situation, dem Sachzwang usw. – mit gleichem Recht und gleicher Pflicht kritisch zu begegnen und nun seinerseits danach zu fragen, ob es sich wirklich oder nur scheinbar um Nichtwissen (oder ein Problem) handelt. Über den ersten, schwierigen Schritt hinauszugehen, bedeutet also nicht so etwas wie Unterwerfung. Es bedeutet, den Affekt der Ablehnung der Infragestellung der eigenen Sicherheiten herunterzuschlucken und entweder offen zu werden für andere oder bessere Antworten oder aber gleich die Gelegenheit zu ergreifen, das zu tun, was der andere auch tut: kritisch sich selbst und andere zu befragen.

III. Ein Licht am Ende des Tunnels…

Ist der erste Schritt der schwierigste, weil er einen mit eben der Irritation konfrontiert, die man normalerweise austilgen möchte, so sind die weiteren Schritte deswegen nicht viel leichter. Wer zum Beispiel die Sache umdreht und nun dem Gesprächspartner kritische Fragen zu dessen kritischen Fragen stellt, kann sehr leicht wieder den Eindruck gewinnen, es ginge nur um ein Spiel von wechselseitigen Überlegenheiten. Und wer, eingeschüchtert von der Infragestellung der eigenen Sicherheiten, mit großen Augen da steht, kann sich auch in der Philosophie in den Abgrund des Zweifels stürzen oder sich ein „System“ zulegen, mit dem alles wieder gut wird.

Wenn die unkritische Selbstverständlichkeit der große Gegner der Philosophie ist, aber alles, jedes bereits besessene und jedes neu, auch philosophisch neu, hinzugewonnene Wissen wieder zu einer unkritischen Selbstverständlichkeit gerinnen kann, dann gewinnt die Phrase von der Philosophie als radikaler Selbstkritik einen ganz neuen Sinn. Sie meint dann nicht mehr das nach dem Muster wissenschaftlicher Befragung gedachte immer weiter Fragen, ohne jemals den Bereich der selbstverständlichen Vorstellungen zu verlassen. Sie meint dann vielmehr die Bereitschaft, mit jedem Schritt wieder die eigenen Voraussetzungen radikaler Kritik auszusetzen.

Je öfter man das aber praktiziert und je selbstverständlicher die Infragestellung der eigenen unkritischen Selbstverständlichkeit wird, desto weniger Irritation wird man dabei erfahren. Das ist gewissermaßen die Umkehrung der anfangs so paradox erscheinenden Situation: Benötigt man anfangs ein Vertrauen in die Philosophie, das man gar nicht haben kann, weil man sie ja noch nicht kennt, wird die Unsicherheit im weiteren Verlauf nicht etwa weniger, sondern mehr, aber man empfindet sie immer weniger als irritierend. Und erst dann kann man sagen, warum der Anfang so problematisch war: weil man nicht verstanden hat, dass die Unsicherheit, in die einen der Elenchos oder der Sachzwang stellt, eben das ist, was die Philosophie zu lehren hat. Was dann wiederum in einer paradox anmutenden Figur einen Ausgleich findet: Eine sichere Unsicherheit, eine Ruhe der Bereitschaft zur radikalen Infragestellung.

Diese Ruhe ergibt sich natürlich nicht nur aus der Frage. Sie ergibt sich auch daraus, dass man im Laufe der eigenen philosophischen Ausbildung die Erfahrung machen kann, dass bestimmte Vorstellungen und Handlungen notwendige Voraussetzungen dafür sind, dass man überhaupt etwas selbstverständlich finden oder aber es radikal in Frage stellen kann. Ein Philosoph endet nicht im Skeptizismus. Er setzt nicht überall Fragezeichen, sondern er setzt sie dort, wo eine Voraussetzung nicht geklärt ist. Das heißt, dass man in der Philosophie durchaus ein paar Sicherheiten gewinnen kann. Da diese Sicherheiten aber sehr prinzipiell sind, sind sie, wenngleich vielfältig in der äußeren Form, spärlich gesät – und bei weitem nicht das Interessanteste an der Philosophie.

Die Gelassenheit des Philosophen basiert also nicht nur auf einer paradox anmutenden Selbstverständlichkeit der Infragestellung des Selbstverständlichen. Sie beruht auch darauf, dass er die Sicherheiten, die anfangs jeder so verzweifelt behalten will und die er anfangs so radikal in Frage gestellt hat, auf seinem Weg nach und nach gefunden hat. Aber so, dass er sich am Ende darüber wundert, warum sie ihm eigentlich so wichtig waren.

Das meiste, was selbstverständlich erscheint, ist tatsächlich höchst unsicher oder zumindest keineswegs so sicher, wie es sich auf den ersten Blick darstellt. Es gibt wenige Sicherheiten, die man auch im Denken gewinnen kann und die auch so grundlegend sind, dass man die ganze Welt von ihnen her aufbauen kann. Aber hat man sie erreicht, ist beides, das unsichere Selbstverständliche und das geprüfte Sichere, nicht mehr sonderlich interessant.

IV. Die Lehre der Philosophie

Was hat dann eigentlich der Philosoph zu lehren, wenn nicht die Wiedergewinnung der zunächst verloren gegangenen Sicherheit? Natürlich diese auch, wie überhaupt die Philosophie zum größten Teil aus Texten besteht, deren Autor*innen irgendwann eine Ausfahrt genommen haben: in Richtung einer Forschungsfrage, die von Zeitgenossen oder über Epochen hinweg diskutiert wird; in Richtung einer persönlichen Überzeugung oder Glaubensvorstellung; in Richtung eines ebenso persönlichen nihilistischen Zynismus. Die Vielfalt der Philosophie ist die Vielfalt der Umgangsweisen derjenigen, die in ihr und durch sie zu Philosoph*innen geworden sind, selbst wenn sie am Ende keine mehr sind.

Was also hat der Philosoph, hat die Philosophin zu lehren? – Die Antwort ist denkbar unbefriedigend: Eben diesen Weg, hin zu dieser philosophischen Gelassenheit. Auch und gerade dann, wenn man sie selbst nicht erreicht hat oder nicht immer bewahren kann. Philosophie ist der Weg zu sich als Werk. Die Antwort auf die Frage nach ihr. Sie ist, letztendlich, eine Praxis der reflektierten Freiheit, eine Befreiung des Menschen hin zu dem, was er – dann! – sein will. Dieses kleine Wörtchen „dann“ ist entscheidend. In ihm steckt die Einsicht, dass, wenn Philosophie ein Weg ist und, als Weg, ihr eigenes Ziel, wenn die Philosophie also die Verwirklichung eines unscheinbaren Kalenderspruches ist, auf diesem Weg mannigfaltige Wege abgehen können, die tief in die Welt führen, in ihre ganzen Vielfalt und Fülle. Wer diesen Weg beschreitet, kann überhall hin – oder er oder sie bleibt und zeigt anderen diesen Weg.