Reflexive Figurationen

Das Lakonische und seine literarische Funktion – oder: Blondinen haben einfach mehr Spaß

Es gibt das Klischee, dass einem die besten Beispiele für komplexe Zusammenhänge oft an unerwarteter Stelle begegnen. Jeder kennt die Geschichten von Physikern, die beim Umrühren der Milch in ihrem Kaffee plötzlich auf Ideen kommen. Wenn man ein bisschen vertraut ist mit der assoziativen Funktion des menschlichen Denkens und seiner Neigung, das Eigene ständig in das Andere hineinzuprojizieren, geht man mit solchen Geschichten eher skeptisch um. Auch ich habe schon Gliederungen für Texte entworfen, während ich vor der Backsteinmauer im Proberaum meiner Band stand. Eine dieser Gliederungen hat es dann tatsächlich in ein Buch geschafft – über die Backsteinmauer sagt das wenig aus. Sie steht weiterhin stumm in einem Kellerraum und wartet auf den nächsten, der ihr Gefüge mit dem Gefüge seiner Gedanken verbindet.

Klischees wären allerdings keine Klischees, wenn sie nicht auch irgendeinen richtigen oder wahren Aspekt beinhalten würden. Denn es stimmt tatsächlich, dass einem die besten Beispiele für komplexe Zusammenhänge an unerwarteter Stelle begegnen. In meinem Fall war die unerwartete Stelle ein REWE-Markt in unserem Kiez. An der Kasse saß eine junge Frau, die schon länger in dem Markt arbeitet. Sie ist mir auch schon ein, zweimal an der Universität begegnet, also nehme ich an, dass sie studiert. Im Markt ist sie mir zuerst aufgefallen, weil sie mit einer schwer beschreibbaren Mischung aus Resignation, Grimmigkeit und ehrlicher Freundlichkeit die Waren kassiert. Das ist verständlich: Wer studiert, sich geistig bilden will, für den ist die Supermarktkasse ein eintöniger Job.

Die Kombination aus Resignation und Grimmigkeit kann, in der falschen Kombination, schnell passiv-aggressiv wirken. Typisch ist etwa die Kombination aus Freundlichkeit, die, weil ihre Erwartung enttäuscht wird, in Resignation umschlägt, um in Ärger über alle drei Schritte – die Enttäuschung durch den Anderen, die eigene Naivität, etwas zu erwarten, was eh nicht erfüllt wird, die als Schwäche verstandene Resignation – umzuschlagen. Das Ergebnis ist eine für den Kunden oft unerwartete Grimmigkeit, die oft als schnippisch, boshafter als zickig aufgefasst wird. „Klaus, ich habe alles beim REWE bekommen, aber die Kassiererin war heute mal wieder zickig, meine Güte!“

Anders bei unserer Studentin. Sie setzt schon mit einer Grimmigkeit an, die deswegen sympathisch ist, weil sie in der Gegenspannung zu einer, nur zu verständlichen, Resignation über die Eintönigkeit ihrer Tätigkeit steht. Das ist der Kern der Disziplin – die Ausweichbewegung durch einen umso entschlosseneren Griff zu bändigen und die Entschlossenheit durch den ständigen Zug der Ausweichbewegung zu bremsen. Natürlich eignet sich diese Kombination auch prima dazu, Zeitgenossen einem Test zu unterziehen. Wer dem Grimm nicht standhält und die Resignation nicht versteht, der ist auch die Freundlichkeit nicht wert. Umso mehr freue ich mich darüber, dass sie noch letztens mein Legion of the Damned-Shirt im Vorbeigehen mit „geiles Shirt“ kommentiert hat. Die Musik passt zum Rest, auch zu den Festivalbändchen und der etwas verträumten Haltung, mit der sie durch die Gänge schlendert und sich ständig selbst zu etwas mehr Ernsthaftigkeit aufzurufen scheint. Wer schon einmal selbst solche Jobs gemacht hat, um einen größeren Traum zu finanzieren, weiß, welche geheime Komplizenschaft sich in solchen Fällen einstellen kann.

Die junge Frau nun hatte vor kurzem ihre Haarfarbe verändert. Statt echtem Dunkelblond sah ich eine Mischung aus grün und blau an mir vorbeiflattern, während ich noch versuchte, herauszufinden, was der Ausspruch „geiles Shirt“ zu bedeuten hatte und an wen er gerichtet war. Grünblaue Haare also – beinahe eine konservative Entscheidung in Zeiten, in denen Haarfarben wie weiß oder grau oder regenbogenfarben in Mode waren. Als ich aber gestern an die Kasse trat, war das grüne Blau bereits wieder dem echten Dunkelblond gewichen. Ich nahm allen Mut zusammen und fragte nach – und bekam eine Antwort, mit der ich nicht gerechnet hatte, die alles zusammenfasste und zugleich in Frage stellte, die in ihrer Lakonie also literarische Qualität bewies. Die junge Frau zuckte mit den Schultern und sagte nur: „Blondinen haben einfach mehr Spaß.“ Mehr nicht.

Intentionale versus kontextuelle Auslegung

Nun habe ich den Leser bis hierhin – natürlich – in die Irre geführt. Meine Beobachtungen zu der jungen Frau, die jemandem, der meine Eigenart, alles zu analysieren nicht kennt, voyeuristisch vorkommen könnten, könnten ihn (oder sie) dazu verführen, den Satz entsprechend auszulegen. Eben weil er so lakonisch ist, sagt er mit dem, was er sagt, so viel nicht, dass sich eine solche Auslegung gewissermaßen aufdrängt. Jede angedeutete Beobachtung – die seltsame Kombination der Stimmungen, der Umstand, dass sie Studentin ist oder dass sie gerne Deathmetal hört – könnten zu einer intentionalen, einer Auslegung der Aussageabsicht verführen. So gehen wir meistens mit anderen Menschen und auch mit Texten um: Wir spekulieren über ihre Absichten. Sobald die geklärt sind, ist die Spannung, ist das Rätsel gelöst und man kann den Anderen einordnen. Insgeheim weiß man zwar, dass er sein Geheimnis doch behält – die Spekulation über die Absicht bietet ihm gewissermaßen nur ein stillschweigendes Abkommen an: Gib Du mir Sicherheit, dann lasse ich Dir Dein Geheimnis. Trotzdem sind wir diese Spekulation der Absicht so gewohnt, dass wir auf ihre Infragestellung regelmäßig mit Verwirrung reagieren.

Und doch will ich es versuchen. Ich möchte vorschlagen, diesen Satz nicht als Ausdruck einer Absicht zu lesen, jedenfalls nicht nur, solange dabei die Interessen unserer Protagonistin gewahrt bleiben. Ihr Satz, in welcher Absicht auch immer geäußert, bietet über diese Absicht hinaus von sich her ein Schema seiner Auslegung an. Dieses Schema können wir verstehen, wenn wir darauf reflektieren, was wir tun, wenn wir über Absichten spekulieren: Wir suchen nach Kontexten, für die dieser Satz Ausdruck sein könnte. Aber diese Kontexte sind nicht festgelegt – sie sind Möglichkeiten, die der Satz von sich her bietet. Und es ist unsere freie Assoziation, die diese Kontexte erschaffen kann. Erst dann wählen wir den Kontext aus, der uns – aus Gewohnheit, aus Erfahrung, aus dem also, was man gemeinhin ‚Menschenkenntnis‘ nennt – am schlüssigsten erscheint. Wenn wir höflich sind, fragen wir nach. Wenn wir weniger höflich sind, unterstellen wir unseren Kontext dem Anderen als seine eigene Absicht.

Lassen wir also den zweiten Schritt weg und konzentrieren wir uns auf den ersten. Bleiben wir bei den möglichen Kontexten. „Blondinen haben einfach mehr Spaß“ – das könnte einfach eine sehr pragmatische Entscheidung zum Ausdruck bringen, deren Gründe im Dunkeln liegen (weil sie einen nichts angehen oder anzugehen haben, was der Satz einem, ungesagt, mitteilt). Es könnte aber auch sagen: Ich will Spaß haben und richte mein eigenes Handeln nach dem aus, was mir am meisten Spaß bringt. Das wäre also Ausdruck eines, wenngleich etwas unschuldigen, Hedonismus. Gleich daneben liegt die etwas kokettere Variante: Wird der Satz mit einem Augenzwinkern gesagt, sagt seine Anwenderin vielleicht mehr, als man gerade wissen will. Doch ein Augenzwinkern habe ich nicht gesehen – gehen wir also weiter. Der Satz antwortet auf die Frage nach der Haarfarbe – er scheint die Entscheidung zu begründen, sie wieder zu wechseln, zu einer blonden Haarfarbe zurückzukehren. Man kann ihn also auch als einen resignierten Stoßseufzer lesen: Ich passe mich dem Massengeschmack an – wer Spaß haben will, sollte besser blond sein. Doch das Lakonische des Satzes lässt die Auslegung der Klage nicht wirklich zu. Und so kann auch diese Auslegungsrichtung düsterer angelegt werden, als Ausdruck von Sarkasmus oder einer verächtlichen Haltung, die durch die faktische Unterwerfung unter das Diktat nur umso bitterer erscheint. Der Satz kann aber auch vollständig defensiv angelegt sein – man nimmt die Vorurteile des (männlichen) Gegenübers vorweg und gibt ihm eine ironische Begründung, kombiniert mit einem Seitenhieb in Richtung des Vorurteils. Er kann trotzig oder traurig früheres Scheitern kommentieren – oder einen neu gefassten Plan zum Ausdruck bringen.

Der Satz „Blondinen haben einfach mehr Spaß“ besitzt, in dieser Hinsicht, literarische Qualität. Er funktioniert wie eine Vermittlungsstelle in verschiedenen Kontexten – er drückt Stimmung ebenso aus wie Berechnung, Abgründe ebenso wie seichte Vorstellungen. Er besitzt eine kontextuelle Aura, eine durch die situationsbedingte Abstufung von Kontexten bedingte Mehrdeutigkeit. In einem Roman wäre es ein Sakrileg, ihn mit einer Qualifizierung zu gebrauchen, die seine Intention festlegt oder auch nur eingrenzt. In der Situation des REWE-Marktes, der Kombination meiner stets nur unaufmerksam und am Rande gemachten Beobachtungen, in diesem Kontext drückt der Satz für mich einfach die seltsame Mischung zwischen Grimmigkeit, Resignation und Freundlichkeit aus, die sich dialektisch gegenseitig ergänzen und in Spannung versetzen.

Die Dialektik des Ungesagten

Aber er drängt auch aus dem Kontext hinaus. Das Ungesagte seiner Lakonie wirkt wie ein Motor, der Auslegungen antreibt. Die literarische Qualität des Lakonischen liegt entsprechend nicht nur im Ausdruck eines Stils oder einer Haltung und sie liegt auch nicht nur in der nur auf sie begrenzten Mehrdeutigkeit, die Abstand und Versprechen, Bitte und Ablehnung, schlichter Bezug auf die Realität und Ausdruck des Verweifelns an eben dieser zugleich sein kann. Seine Funktion beschränkt sich nicht auf die Mehrdeutigkeit der unterstellten Kontexte, nicht einmal auf die Mehrdeutigkeit ihrer Verbindung untereinander. Der lakonische Satz lässt vielmehr mit diesen Kontexten andere anklingen, die ihnen verwandt sind. Der fehlende letzte Schritt, der die Kontexte ineinander übergehen lässt und sie erst so aufspannt, dass sie sich verbinden können, lässt auch alles andere in diesem Wechsel erscheinen.

Ein einziger lakonischer Satz kann den gesamten Text, in dem er steht, zum Zittern und Leuchten bringen. Ist er von seinem Inhalt her weit genug gefasst, kann er bis in die letzten Winkel leuchten, nebensächlich erscheinenden Sätzen neue Bedeutung verleihen, für einen kurzen Moment Figurenkonstellationen anklingen lassen, die man vorher kaum beachtet hat. Ein lakonischer Satz macht das Ganze dadurch sichtbar, dass er es gerade nicht adressiert, nicht nach Vollständigkeit und Fülle strebt. Aber er macht es zugleich immer nur als Verflechtung von Kontexten sichtbar, von innen her, ohne für einen dieser Kontexte eine Entscheidung treffen zu müssen.

Damit ist das Lakonische eine Praxis, mit der sich, für einen kurzen Moment, der Möglichkeitsraum erschließt, in dem wir immer schon stehen. Zugleich stellt sie ihren Anwender in das Vielsagende des Nichtgesagten zurück. Das Vielsagende kann genau dadurch auch Anzeige von Nichtnötighaben, Darüberstehen und Ausdruck von Fatalismus zugleich sein: Auf die Drohung des Vaters Alexanders des Großen, Philipps II. von Makedonien „Wenn ich euch besiegt habe, werden eure Häuser brennen, eure Städte in Flammen stehen und eure Frauen zu Witwen werden“, antworteten die für ihre Lakonie bekannten Spartaner nur: „Wenn.“ *)

Oder es spannt, wie in dem berühmten Schlachtbericht des spartanischen Heeres, das Einfache, Hilflose zusammen mit einem scharfen Bewußtsein für Effizienz: „Boote verloren. Mindaros tot. Männer haben Hunger. Wissen nicht, was tun.“ Solche lakonischen Aussagen reizen zum Lachen, weil genau das die Funktion des Witzes ist: der unerwartete Umbruch des Sinnes oder der Intention. „Blondinen haben einfach mehr Spaß“ ist eben auch ein lustiger Satz – lustig, weil seine verschiedenen Kontexte den Eindruck erwecken, dass sie sich gegenseitig nicht ernst nehmen. Jedenfalls ist das das Angebot, das ich angenommen hatte, als ich leise kichernd nach Hause ging und überlegte, warum genau ich das eigentlich so lustig finde.

*) Nachtrag: Unsere Protagonistin kommentierte den Text nur mit einem trockenen „Note sechs. Täuschungsversuch.“ Ganz Germanistin ist Ihr sofort aufgefallen, dass die beiden Beispiele für Lakonie von Wikipedia stammen. Natürlich gilt der Plagiatsvorwurf nicht für Anekdoten – und diese beiden gehören zu den bekanntesten, schon in der Antike. Auch erfüllt das Einspleißen von Common-sense-Wissen einen Zweck, aufgrund einer Funktion, die der der Lakonie nicht unähnlich ist. Ich beuge mich aber dem Grimm meiner Protagonistin – und verweise auf Xenophon, Hellenika 1,1,23 und Plutarch, Peri adoleschias bzw. De Garrulitate 17. Beide Verweise findet man zwar auch auf Wikipedia – aber immerhin habe ich bei Perseus nachgesehen, ob sie auch stimmen.

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Kants Kategorischer Imperativ – die Kurzfassung zum Mitnehmen

Kants Konzept des ‚Kategorischen Imperativs‘ aus der Grundlegung der Metaphysik der Sitten und der Kritik der praktischen Vernunft gehört zu den bekanntesten und zugleich häufig missverstandenen Philosophemen von Kants Philosophie (wie auch z.B. das ‚Transzendentale Ego‘ oder das ‚Ding an sich‘). – Deswegen hier einmal der Versuch, das Argument, ein wenig gestaucht, zum Mitnehmen zu reformulieren:

Das Ganze basiert auf einer Einsicht der praktischen Vernunft, einer ‚Interpretation‘, wenn man so will, der Vernunft durch die Vernunft: Weil wir vernünftig sein können, sollen wir es auch, weil wir wissen können, dass wir es können. Andernfalls würden wir uns freiwillig in die irrationale Dunkelheit begeben (und das will ja keiner… oder?)

Zunächst ein paar Grundüberlegungen: Eine Definition (de-finitio) ist eine Begrenzung von etwas, das in seiner Abgeschlossenheit und in seinen wesentlichen Eigenschaften benannt werden kann. Menschliches Handeln ist per se (als ‚praxis‘) zunächst ein Vollzug und daher nur im Nachhinein de-finierbar (eine Handlung war so-und-so, das-und-das). Auch wenn wir aus einem solchen Pool von Bedeutungen üblicherweise auch zukünftiges Handeln beschreiben, hält das keiner philosophischen Kritik stand (weil sonst die Grundlage menschlichen Handelns, die notwendige Annahme menschlicher Freiheit als seine Voraussetzung, in Frage gestellt würde = reflexiv inkonsistent oder performativer Widerspruch). Davon ausgehend:

… müssen wir etwas finden, was allen Handlungen – vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen – insofern sie Handlungen sind notwendig zugesprochen werden muss, sofern (!) diese Handlungen außerdem moralisch bewertbar sein sollen. Was wir aber allen Handlungen zusprechen müssen ist eine ‚Richtung‘, die sich in einem bestimmten Willen äußert. D.h. um eine Handlung moralisch zu bewerten, müssen wir unterstellen, dass mit Ihr eine Absicht verbunden ist. Diese Absicht ist allerdings, wie die Handlung als abgeschlossene Handlung selbst, nur im Nachhinein bestimmbar, wenn überhaupt. Also muss ein moralischer Imperativ grundsätzlich die Form eines kategorischen Imperativs annehmen, d.h. eines Imperativs für jede mögliche (denkbare) Handlung, sofern (!) es möglich sein soll, sie moralisch zu bewerten. Der Imperativ betrifft also die (logische) Bedingung der Möglichkeit jeglicher Handlung. Da wir aber von allen möglichen Absichten sprechen, können wir nun nicht jede einzelne Absicht durchgehen. Wir brauchen etwas, von dem unser konkretes Handeln als im Vorhinein richtig ausgeht, etwas, an dem es sich orientiert. Wir brauchen eine Handlungsmaxime, d.h. eine Hinsicht auf die Handlungsabsicht, als denjenigen Aspekt einer Handlung, in dem eine Übereinstimmung oder Vollkommenheit mit den eigenen Überzeugungen und Interessen angestrebt wird. Wenn ich handle, dann äußert sich in diesem Handeln eine bestimmte Absicht, die ich dadurch rechtfertige, dass ich mich auf eine bestimmte Überzeugung berufe, von der ich der Meinung bin, dass sie richtig und anerkannt ist. Das ist die Maxime der Handlung.

Wir dürfen dabei nicht vergessen: Kant geht es nicht um eine Ontologie menschlicher Handlungen oder um das bloße Aufstellen von moralischen Vorschriften. Sondern es geht ihm darum, den Menschen – das sind wir, seine Leser – vermittels einer Argumentation den Grund einsehen zu lassen, warum und wie moralische Urteile über menschliche Handlungen vernünftig rechtfertigbar sind. Seine Argumentation diktiert nicht, sie argumentiert. Das einzige echte Postulat, von dem sie ausgeht, ist, dass der Mensch die Welt als vernünftig eingerichtet, als zweckmäßig betrachten kann. Es geht ihm also um die logische Begründbarkeit von moralischen Urteilen.

Das bedeutet: (1) der kategorische Imperativ besteht nicht in einem einzelnen Satz (sowenig, wie der grammatische Imperativ auf „geh!“ oder „sitz!“ reduziert werden kann), sondern in der Struktur der Rückwendung der Vernunft auf sich selbst in kritischer Absicht: wenn ich wissen will, ob meine Handlung gut war, dann kann ich mich auf sie hinsichtlich dessen zurückwenden, was für sie, unabhängig von ihrem konkreten Vollzug, aus Vernunftgründen gelten soll. (2) Deswegen sind in den folgenden Formulierungen des kategorischen Imperativs auch die ‚Maxime‘, der ‚Wille‘ (die Handlungsabsicht) und das ‚zugleich‘ wichtig: Das ‚zugleich‘ bedeutet: Dein einzelnes, konkretes Handeln soll zugleich (im selben Zug, in derselben Bewegung) auf sich selbst in bestimmter Weise reflektieren:

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

„Handle nach der Maxime, die sich selbst zugleich zum allgemeinen Gesetze machen kann.“

Wichtig ist: Es handelt sich hier nicht nur um Handlungsanweisungen, sondern auch um die philosophische Begründung von Kriterien zur Prüfung des eigenen Handelns. Wenn man sein eigenes Handeln moralisch prüfen will, dann indem man sich fragt, ob die Maxime des eigenen Handelns es für einen selbst erlaubt, dass sie – für einen selbst und jeden anderen – allgemeines Gesetz werde. Die Maxime ist hier das Reflexive: Durch sie wird etwas als etwas gerechtfertigt (wichtig: wird gerechtfertigt, nicht: ist schon gerechtfertigt!). Das was das bestimmt, was gerechtfertigt wird, ist der Wille. – Also: man reflektiert auf die eigene Handlungsabsicht – man reflektiert auf den Aspekt der eigenen Handlungsabsicht, welche die eigenen Überzeugungen betrifft (Maxime), also das, was man an ihr für verallgemeinerbar hält. – Man reflektiert schließlich hypothetisch darauf (‚zugleich‘), ob die Absicht, die Maxime der eigenen Handlung als allgemeines Gesetz zu wollen, das also dann auch für einen selbst noch gelten, einem selbst vorgeschrieben werden könnte von anderen, mit dem Vernunftinteresse (Übereinstimmung, Vollkommenheit, Vollständigkeit usw.), d.h. mit dem Postulat, dass die Welt vernünftig eingerichtet sein soll, übereinstimmt. Verglichen wird also die Verallgemeinerung der Maxime einer Handlung damit, ob sie hinsichtlich des eigenen Wollens als vernünftig eingesehen oder als unvernünftig verworfen werden muss. D.h.: Man kann jederzeit auch unmoralisch handeln. Aber man kann dieses Handeln dann nicht mehr vor anderen vernünftig rechtfertigen.

Wie man sieht, ist damit eine Reflexion, eine Rückwendung auf das eigene Handeln angesprochen. Und in dieser Rückwendung wird dafür argumentiert, dass allein der Ausgang von einem Vernunftinteresse die Begründbarkeit der eigenen Handlungen in moralischer Hinsicht ermöglicht – aber dass, wenn von einem solchen Vernunftinteresse ausgegangen wird, das Argument zwingend ist. Das ‚Vernunftinteresse‘ ist dabei nicht irgendetwas Metaphysisches, sondern das, was wir alle kennen: wir haben ein intrinsisches Interesse daran, dass eine Aussage nicht widersprüchlich ist, wenn sie eine Behauptung aufstellt, die für alle gelten soll oder dass etwas nicht alleine dadurch wahr ist, weil es gesagt oder gemeint wird. Wir streben danach, dass unser Denken mit sich und mit anderen übereinstimmt – und noch jeder Skeptiker oder Relativist strebt diese Übereinstimmung hinsichtlich der Anerkennung der Unmöglichkeit einer Übereinstimmung an. – Wir haben ein Interesse daran, dass Alles gesagt wird; wir streben nach Vollständigkeit; wir streben nach einer Befriedigung in unserem Fragen und Streben, danach, im Denken zur Ruhe zu kommen. Noch der zynischste oder polemischste Kommentar will etwas anderem ein Ende setzen, will seine eigene Sichtweise durchsetzen, sobald er öffentlich beachtet werden will. Wir wollen schließlich, dass die Welt einen Zusammenhang für uns besitzt, dass wir uns in ihr orientieren können. Dieses Interesse ist es, was Kant voraussetzt. Und dass Handeln eine Absicht hat und einer bestimmten Maxime folgt. –

Mit dem kategorischen Imperativ wird die moralische Instanz in den Bereich der Vernunft (des vernünftigen Nachdenkens) jedes Einzelnen verlegt. Und weil wir Handlungen zwar nur nachträglich beurteilen können, aber wir eine solche Nachträglichkeit uns in Bezug auf eine bestimmte Handlung vorstellen können und weil wir sie uns nicht nur hinsichtlich ihrer Bestimmtheit ansehen, sondern auch hinsichtlich der Maxime, die sie in Anspruch nimmt und diese Maxime beurteilen – können wir auch unsere möglichen Handlungen moralisch beurteilen. Um mehr geht es nicht. – Die Voraussetzungen und Grenzen dieser Argumentation der praktischen Vernunft sind deutlich: Man muss sein eigenes Handeln realistisch einschätzen können wollen und nicht unter dem Eindruck irgendeiner Ideologie handeln. Ausgangspunkt ist eine rationale Begründung, keine ontologische Einschätzung. – Wer sich ansehen möchte, wie Kant den Menschen auch gesehen hat, der werfe einen Blick in die Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, entstanden aus Vorlesungen, die Kant während der knapp 25 Jahre der Niederschrift eines kritischen Programms gehalten hat. Dort – und nicht in der prinzipiell logisch angelegten Kritischen Philosophie Kants – findet sich all das, was den Menschen in seinen Niederungen und Pathologien ausmacht: Rachsucht, Machtspiele, geistige Krankheiten, unbewusste Motivationen, das soziale Spielen mit Rollen und Höflichkeiten, Egoismus und Modegeschmack.

26 Jahrhunderte Ideologiekritik

Um 480 v. Chr.

„Drum ist es Pflicht, dem Gemeinsamen zu folgen. Aber obschon der Sinn gemeinsam ist, leben die Vielen, als hätten sie eine eigene Einsicht.“ (Heraklit, Frg. 2)

„Für der Lehre Sinn aber, wie er hier vorliegt, gewinnen die Menschen nie ein Verständnis, weder ehe sie ihn vernommen noch sobald sie ihn vernommen.“ (Heraklit, Frg. 1)

„Unsichtbare Fügung ist stärker als sichtbare.“ (Heraklit, Frg. 54)

Um 260 n. Chr.

„Denn ein Wesen, das etwas bewundert und ihm nachjagt, gesteht eben durch diese Bewunderung und dies Nachjagen ein, ihm unterlegen zu sein […].“ (Plotin, Enneade V 1, 2, 1-19)

1620

„Es giebt endlich Götzenbilder, welche in die Seele der Menschen aus den mancherlei Lehrsätzen der Philosophie und auch aus verkehrten Regeln der Beweise eingedrungen sind, und die ich die Götzenbilder des Theaters nenne; […] trotz der Mannigfaltigkeit des Irrthums ist doch die Ursache desselben überall die gleiche. Ich beziehe das nicht blos auf die allgemeine Philosophie, sondern auch auf manche Prinzipien und Lehrsätze der besonderen Wissenschaften, die durch Herkommen, Leichtgläubigkeit und Nachlässigkeit Geltung erlangt haben.“ (Bacon, De verulamio novum organum scientiarum)

1787

„Denn wir haben es mit einer natürlichen und unvermeidlichen Illusion zu tun, die selbst auf subjektiven Grundsätzen beruht, und sie als objektive unterschiebt […]“ (Kant, Kritik der reinen Vernunft, B 354)

„Man kann allen Schein darin setzen: daß die subjektive Bedingung des Denkens vor die Erkenntnis des Objekts gehalten wird.“ (Kant, Kritik der reinen Vernunft, B 396)

1867

„Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen. Durch dies Quidproquo werden die Arbeitsprodukte Waren, sinnlich übersinnliche oder gesellschaftliche Dinge. […] Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt.“ (Marx, Das Kapital)

1975

„Wenn die Wissenschaften von den empirischen Gegebenheiten ausgehen, ohne nach dem Ursprung dieser ‚Gegebenheiten‘ und nach ihrer eigenen Verfahrensweise zu fragen, so verwechselt [!] die Philosophie die formalistische Begriffsbildung in den modernen Wissenschaften mit einem unveränderlichen Substrat. So verschwindet jede Möglichkeit, die Verdinglichung, die Grundlage dieses Formalismus zu durchschauen.“ (Ishaghpour, Vorwort zu Goldmanns ‚Lukács und Heidegger‘)

1991

„Die anfängliche ‚Illusion‘ des Subjekts liegt einfach darin, daß es vergißt, seine eigene Tat dazuzurechnen […].“ (Zizek, Liebe Dein Symptom wie Dich selbst!)

2014

Wer (an) Philosophen glaubt, hat nichts von Ihnen gelernt.

Vierklang: Die zweitausendjährige Wiederholung des verlorenen Ursprungs

Ein Stamm: Menschen und Götter; von einer ja
atmen wir, von
Einer Mutter wir beiden; doch Macht von ganz
verschiedener Art
Trennt uns, so dass hier ein Nichts ist, dort der
eherne Himmel ein sicherer Sitz
Bleibt für ewig. doch kommen in etwas, sei’s an
hohem Geiste, sei’s
Durch Natur, wir den Unsterblichen nah,
Wissen wir auch nicht, wohin wohl, ob es bei Tag
ist oder Nacht, das
Schicksal uns zu
Laufen vorschrieb, bis zu was für einem Ziel.

(Pindar, 6. Nemeische Ode – 465 v. Chr.)

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Still in dämmriger Luft ertönen geläutete Glocken,
Und der Stunden gedenk rufet ein Wächter die Zahl.
Jetzt auch kommet ein Wehn und regt die Gipfel des Hains auf,
Sieh! und das Schattenbild unserer Erde, der Mond,
Kommet geheim nun auch; die Schwärmerische, die Nacht, kommt,
Voll mit Sternen und wohl wenig bekümmert um uns,
Glänzt die Erstaunende dort, die Fremdlingin unter den Menschen,
Über Gebirgeshöhn traurig und prächtig herauf.

Aber zuweilen liebt auch klares Auge den Schatten
Und versuchet zu Lust, eh es die Not ist, den Schlaf

Weil den Irrenden sie geheiliget ist und den Toten,
Selber aber besteht, ewig, in freiestem Geist.
Aber sie muß uns auch, daß in der zaudernden Weile,
Daß im Finstern für uns einiges Haltbare sei,
Uns die Vergessenheit und das Heiligtrunkene gönnen,
Gönnen das strömende Wort, das, wie die Liebenden, sei,
Schlummerlos und vollern Pokal und kühneres Leben,
Heilig Gedächtnis auch, wachend zu bleiben bei Nacht.

Drum! und spotten des Spotts mag gern frohlockender Wahnsinn,
Wenn er in heiliger Nacht plötzlich die Sänger ergreift.
Drum an den Isthmos komm! dorthin, wo das offene Meer rauscht
Am Parnaß und der Schnee delphische Felsen umglänzt,
Dort ins Land des Olymps, dort auf die Höhe Cithärons,
Unter die Fichten dort, unter die Trauben, von wo
Thebe drunten und Ismenos rauscht im Lande des Kadmos,
Dorther kommt und zurück deutet der kommende Gott.

Aber die Thronen, wo? die Tempel, und wo die Gefäße,
Wo mit Nektar gefüllt, Göttern zu Lust der Gesang?
Wo, wo leuchten sie denn, die fernhintreffenden Sprüche?
Delphi schlummert und wo tönet das große Geschick?
Wo ist das schnelle? wo bricht’s, allgegenwärtigen Glücks voll,
Donnernd aus heiterer Luft über die Augen herein?

Aber Freund! wir kommen zu spät. Zwar leben die Götter,
Aber über dem Haupt droben in anderer Welt.
Endlos wirken sie da und scheinen’s wenig zu achten,
Ob wir leben, so sehr schonen die Himmlischen uns.
Denn nicht immer vermag ein schwaches Gefäß sie zu fassen,
Nur zuzeiten erträgt die göttliche Fülle der Mensch.
Traum von ihnen ist drauf das Leben. Aber das Irrsal
Hilft, wie Schlummer, und stark machet die Not und die Nacht,
Bis daß Helden genug in der ehernen Wiege gewachsen,
Herzen an Kraft, wie sonst, ähnlich den Himmlischen sind.

(Friedrich Hölderlin, Brod und Wein, Auszüge – um 1800)

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Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
Und das Haus ist wohlbestellt.

Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
Aus der Erde kühlem Saft.

Wanderer tritt still herein;
Schmerz versteinert die Schwelle.
Da erglänzt in reiner Helle
Auf dem Tische Brot und Wein.

(Georg Trakl, Ein Winterabend – 1918)

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Sieh die Sterne, die Fänge
Lichts und Himmel und Meer,
welche Hirtengesänge,
dämmernde, treiben sie her,
du auch, die Stimmen gerufen
und deinen Kreis durchdacht,
folge die schweigenden Stufen
abwärts dem Boten der Nacht.

Wenn du die Mythen und Worte
entleert hast, sollst du gehn,
eine neue Götterkohorte
wirst du nicht mehr sehn,
nicht ihre Euphratthrone,
nicht ihre Schrift und Wand –
gieße, Myrmidone,
den dunklen Wein ins Land.

Wie dann die Stunden auch hießen,
Qual und Tränen des Seins,
alles blüht im Verfließen
dieses nächtigen Weins,
schweigend strömt die Aeone,
kaum noch von Ufern ein Stück –
gib nun dem Boten die Krone,
Traum und Götter zurück.

(Gottfried Benn, Sieh die Sterne, die Fänge – vor 1930)

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CODA
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Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen
Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich
schrie: »Ich suche Gott! Ich suche Gott!« – Da dort gerade viele von
denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so
erregte er ein großes Gelächter. Ist er denn verlorengegangen?
sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der andere.
Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen?
ausgewandert? – so schrien und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch
sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken.
»Wohin ist Gott?« rief er, »ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet
– ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir dies gemacht?
Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns den Schwamm, um den
ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer
Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns?
Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts,
vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht
wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht
kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht? Müssen nicht
Laternen am Vormittage angezündet werden? Hören wir noch nichts von dem
Lärm der Totengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von
der göttlichen Verwesung? – auch Götter verwesen! Gott ist tot!
Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!

(Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, 125 – 1882)

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Von Prometheus berichten vier Sagen:

Nach der ersten wurde er, weil er die Götter an die Menschen verraten hatte,
am Kaukasus festgeschmiedet, und die Götter schickten Adler, die von seiner
immer wachsenden Leber fraßen.

Nach der zweiten drückte sich Prometheus im Schmerz vor den zuhackenden Schnäbeln
immer tiefer in den Felsen, bis er mit ihm eins wurde.

Nach der dritten wurde in den Jahrtausenden sein Verrat vergessen, die Götter vergaßen,
die Adler, er selbst.

Nach der vierten wurde man des grundlos Gewordenen müde. Die Götter wurden müde,
die Adler wurden müde, die Wunde schloß sich müde. Blieb das unerklärliche Felsgebirge.

– Die Sage versucht das Unerklärliche zu erklären. Da sie aus einem Wahrheitsgrund kommt,
muß sie wieder im Unerklärlichen enden.

(Kafka, Prometheus, 1918 – mit Dank an M. Schutzeichel)