Texte

Einführung in die Lektüre philosophischer Texte – Teil IV

Zum Abschluss noch ein paar Techniken zur Lektüre philosophischer Texte…

Am Anfang: Fangen Sie einen Text immer vorne an. Es ist richtig, dass man wissenschaftliche Literatur auch querlesen kann oder im Hinblick auf ein bestimmtes Erkenntnisinteresse nur abschnittsweise lesen kann. Aber Sie wollen einen philosophischen Text allererst verstehen und ihn nicht als Antwortautomaten gebrauchen. Dafür müssen Sie ihn also lesen, und zwar ganz. Lesen Sie immer alles, auch und insbesondere Vorreden, Vorworte, Einleitungen etc. Diese Texte mögen Ihnen unwichtig oder nebensächlich erscheinen – tatsächlich verbergen sich in ihnen nicht selten Verständnishilfen und, noch wichtiger, begriffliche Entscheidungen des Philosophen, die z.T. das gesamte Werk in ein anderes Licht stellen (z.B. bei Descartes oder Kant). Der Grund dafür liegt ganz einfach darin, dass jeder Autor auch Leser seines eigenen Werkes ist – und dass jeder philosophische Text, so gut durchdacht er auch sein mag, immer noch ein paar Reste aufweist, die der Autor dann zumeist in den Texten unterbringt, die er zuletzt schreibt – und das sind eben Vorreden, Vorworte etc.
– Lesen Sie bitte gründlich. Es ist wichtig, dass Sie den Text Satz für Satz lesen. Die berühmt-berüchtigte Komplexität, die Kompliziertheit philosophischer Texte dürfen Sie wörtlich nehmen: Da entfaltet sich vor Ihren Augen ein Gedankengang, der sich in Nebensätzen verzweigt. Das ist kein Zeichen von fehlender Präzision, nur weil Sie gewohnt sind, dass man vorliegende Gegenstände ‚wesentlich‘, d.h. unter Angabe ihrer wesentlichen Eigenschaften kurz und knapp beschreibt. Es ist im Gegenteil – nicht immer, aber sehr oft – das Zeichen des Versuchs, möglichst präzise zu formulieren und die eigenen Hinsichten möglichst klar zu bestimmen. Nehmen Sie sich die Zeit – es lohnt sich!

Lektüre heißt Lesen, Denken, Schreiben: Sie sollten immer mit einem Stift und einer Notizmöglichkeit lesen. Halten Sie ein Fremdwörterbuch bereit, ihr Latein-Wörterbuch (bei lateinischen Texten) in Griffweite und die Webseite der ‚Perseus Library‘ offen. Sie müssen damit rechnen, dass sich Ihr begrifflicher Wortschatz erweitern wird und erweitern muss, um philosophische Texte im Lauf der Zeit immer flüssiger lesen zu können. Sehen Sie es als eine Art Übung – ein wenig wie in dem Film ‚Karate Kid‘, wo Mr. Miyagi dem jungen Daniel seinen ersten Auftrag gibt: „Auftragen – Polieren – Auftragen – Polieren – …“. – Wie alles andere, wie Fahrradfahren, ein Instrument spielen oder eine Sportart, ist auch das Lesen philosophischer Texte am Anfang mühsam. Sie werden oft an Ihren Fähigkeiten zweifeln – aber geben Sie nicht auf! Es gibt zwar Menschen mit mehr oder weniger Sprachgefühl, die sich einen Text schneller oder weniger schnell erschließen können, aber im Prinzip kann jeder diese Texte lesen. Wenn Sie Latein oder Griechisch beherrschen, nehmen Sie sobald wie möglich den Originaltext zur Hand: gerade altgriechische Texte gewinnen noch einmal ein paar logische Dimensionen hinzu, wenn man sie im Original liest. – Und vergessen Sie nicht: Sie lernen während des Lesens nicht nur besser und präziser lesen; sie lernen auch strukturierter Denken, Sie schulen Ihr Gedächtnis, Ihr Sprachvermögen und können mit ein bisschen Übung vielleicht bald das eigentümlich Schöne philosophischer Texte begreifen. Sehen Sie sie als Entfaltungen vergangenen menschlichen Denkens. Als ein Angebot, ein Abenteuer zu erleben. Sehen Sie sie nicht als Lehrtexte, die Ihnen das Nötige über irgendein Thema beibringen. Sondern als eine Reise, ein Versprechen, ein Labyrinth.

Während der Lektüre: Wenn Sie im Text Unklarheiten oder Mehrdeutigkeiten entdecken oder etwas für Sie wie ein Widerspruch aussieht, dann vermerken Sie das für sich. Manche Dinge ergeben sich im weiteren Verlauf noch einmal aus einer anderen Perspektive, so dass einige Ihrer Anmerkungen überflüssig werden könnten, während andere vielleicht eine neue Wendung bekommen. Achten Sie zugleich kritisch und konstitutiv darauf, d.h. mit Blick auf mögliche Probleme ebenso, wie auf spätere Auflösungen der Probleme. Konstatieren Sie nicht gleich einen Widerspruch, nur weil Sie meinen, einen gefunden zu haben. – Sind Sie den Text mindestens einmal komplett durchgegangen, werden sich einige Probleme gelöst, andere ergeben haben. Unterscheiden Sie diese Probleme nach Ebenen: Inhaltliche Widersprüche, performative Widersprüche (wo der Text inhaltlich dem widerspricht, was er tut), für Sie Unverständliches, scheinbar Unsinniges und Falsches, dunkle oder unverständliche Stellen usw. Legen Sie eine gegliederte Liste all dieser Probleme an. – Dasselbe tun Sie mit Einsichten, die Sie meinen, für Probleme des Textes gewonnen zu haben, für das, was Ihnen als schlüssig am Text besonders auffällt, bestimmte Argumente, die Ihnen klar zu sein scheinen (nicht alles, aber was Ihnen eben besonders ins Auge fällt). – Wenn Sie schon einige Texte gelesen haben, notieren Sie sich Ähnlichkeiten und Unterschiede in Bezug auf andere Philosophen, Berührungspunkte mit dem Wissen, das Sie vorausgesetzt haben.
Versuchen Sie nun, Ihre Probleme zunächst von ‚innen heraus‘ zu klären, d.h. zuerst in nochmaliger Lektüre der Stellen vor dem Hintergrund des Ganzen, dann in Kontextualisierung mit Parallelstellen (wo derselbe Sachverhalt noch einmal anders dargestellt scheint). Versuchen Sie, so viele Probleme wie möglich aus dem Text heraus zu einer Lösung zu bringen. Erschließen Sie sich den Text auf diese Weise noch einmal: verfolgen Sie verschiedene Probleme und ihre Lösungswege, beobachten Sie ihre Verschränkung miteinander, beurteilen Sie, ob sie ineinandergreifen oder neue Probleme erzeugen. – Bedenken Sie dabei: Eine einzige Prämisse falsch zu verstehen und falsch einzuordnen kann den gesamten Text falsch verstehen lassen und die Dinge verzerren. Seien Sie sich bei Ihrer Kritik daher stets Ihrer Verantwortung dem zu kritisierenden Text gegenüber bewusst. Ändern Sie Ihre kritischen Prämissen, wenn Sie nicht weiterkommen – es ist sehr leicht, einem Text, der sich nicht mit mehr Worten verteidigen kann, als er enthält, irgendeine Sichtweise zu unterstellen. Vertrauen Sie auf sich: Sie können doppelt denken – wenn nicht, dann müssen Sie es lernen: Lernen Sie, zugleich kritisch und konstruktiv zu lesen, die Ebenen explizit auseinanderhalten zu können, mit Ihren Prämissen zu spielen, und beobachten Sie, wie sich Ihre Lektüre verändert. Versuchen Sie dabei möglichst früh, Auszüge aus dem Text und Ihrer Lektüre so anzulegen, dass Sie sie jemandem anderen darstellen können. Gehen Sie davon aus, dass jeder andere den Text anders versteht, als Sie ihn verstanden haben.
Wenn Sie einen Text über Ihren Text schreiben: Legen Sie den Text für Sie und verständlich und unter redlicher Bezugnahme auf den Text aus: es handelt sich ja nicht einfach um eine ästhetische Kritik oder Literaturkritik, sondern Sie stehen von Anfang an in der Verantwortung, den Text so auszulegen, dass andere Ihnen darin folgen können und ggf. folgen werden.

Die Lektüre von ‚Sekundärliteratur‘ und die ‚Diskussion‘ der Lektüre: Viele ‚kritische Anmerkungen‘ von scheinbar erfahreneren (akademischen) Philosophen, Studenten, wissenschaftlichen Mitarbeitern, Professoren usw., sind oft hilfreiche Anmerkungen, oft aber auch implizite Einforderungen von Unterwerfungsgesten, Ihnen und dem gelesenen Text gegenüber. Die Philosophie, als Kompetenz mit komplizierten Texten umzugehen, ist prädestiniert für Machtspielchen und Rechthabereien. Lernen Sie damit umzugehen. Die Kritik eines Professors, so die Vorstellung mancher Universitätsdozenten, sei als gewichtig hinzunehmen, weil sie etwas aufzuzeigen vermeint, was man selbst noch nicht gesehen habe. Nehmen Sie daher Ratschläge an, aber verfallen Sie nicht in blinden Glauben an eine solche Auslegung. Bleiben Sie kritisch: Auch Studenten, wissenschaftliche Mitarbeiter und Professoren sind Menschen und Leser wie Sie. Maßstab ist stets die Sache, also der Text – wer ‚hinter‘ dem Text nach einer Wahrheit sucht, sucht oft nicht nach der Wahrheit des Textes, sondern nach der eigenen Wahrheit. Nutzen Sie die Gründlichkeit, die solche Lektüren auf der Suche nach der ‚Textwahrheit‘ oft mit sich bringen. Aber machen Sie es ihnen nicht nach (es sei denn, Sie sind auf der Suche nach sich und nicht danach, Philosophie zu verstehen).
– Seien Sie auf der Hut: Es hat sich in der philosophischen Kommentarliteratur ein Ethos des ‚unermüdlichen Strebens‘ aus solchen Haltungen herausgebildet, eine ‚Suche nach der Wahrheit‘, die oft und eigentlch vor allem die Aushandlung von Unterwerfungsgesten bedeutet: „dieser Philosoph hat Recht, deswegen hat jener Unrecht“ – „alle Philosophen vor Frege haben eine unzureichende formallogische Ausbildung“ – „man wird nie wissen, was der Philosoph wirklich damit gemeint hat“ usw. Durchschauen Sie solche Manöver. Sie stützen oft auch bestimmte schulphilosophische Vorstellungen und versuchen die Leser, auf eine ‚Seite‘ zu ziehen. Nehmen Sie dementsprechend unbedingt die bestehenden Lektüren, in Monographien, Zeitschriften, Sammelbänden usw. in Anspruch – nachdem Sie Ihre eigene Lektüre abgeschlossen haben! Nur so können Sie mit dem Autor in einen Dialog über den Text eintreten und ihm ggf. auch widersprechen.
Zuguterletzt: Treten Sie in Kontakt mit anderen Lesern! Versuchen Sie, nach dem hier gegebenen Beispiel der „Zehn Philosophen“ die Sichtweise anderer zu verstehen und Gemeinsamkeiten und Unterschiede für sich und für die anderen zu formulieren. Nur weil es sich um denselben Text handelt, ist nicht gleich jede Lektüre in einem absoluten Streit mit jeder anderen. Viele Lektüren ergänzen sich hervorragend, wenn man beginnt, sich zuzuhören. Versuchen Sie, das Verstehen und nicht das Rechthaben zu genießen. Viel Erfolg!

– Das ist der Abschluss der vierteiligen „Einführung in die Lektüre philosophischer Texte“. Ich erhebe keinen Anspruch auf Vollständigkeit, aber durchaus auf Sinnhaftigkeit und Zweckmäßigkeit meiner Vorschläge. Sie sollen ein Anstoß sein, philosophische Texte ohne Selbstherrlichkeit und Versagensangst zu lesen und gleichzeitig in der Lektüre präzise und gut informiert zu werden. – Vielen Dank für die Lektüre!

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Einführung in die Lektüre philosophischer Texte – Teil I

Die eigene Einstellung zu einem philosophischen Text, diese machtvolle Voraussetzung des eigenen Verstehens, Nichtverstehens, Missverstehens, Neuverstehens usw., gehört mit zu den am meisten ignorierten und vernachlässigten operativen Faktoren philosophischer Lektüre. – Damit ist gerade nicht die hermeneutische Behauptung der ‚Notwendigkeit von Vorurteilen als Voraussetzungen des Verstehens‘ in Frage gestellt, sondern deren Verkürzungen: (1) die Behauptung, zu wissen, dass jeder Leser bezüglich des Textes Vorurteile hat, hieße, bestimmte Vorurteile damit schon als unabdingbar gerechtfertigt zu haben, was voraussetzt (2) die Behauptung, zu wissen, dass Vorurteile notwendig sind, impliziere bereits, zu wissen, um welche es sich dabei handelt; schließlich (3) die Behauptung, eine Voraussetzung im Sinne des Verstehens sei gleichzusetzen mit einer Voraussetzung im Sinne des Geltens. – Das, von dem ich explizit weiß, dass ich es für mein Verstehen des Textes vorausgesetzt habe, kann ich aber genau deswegen methodisch behandeln, d.h. auch: verändern oder als bloße Annahme der Bedeutung kennzeichnen. So gerate ich nicht in die Gefahr, mein eigenes Missverständnis dem Text als Inkonsistenz zu unterstellen.

Philosophische Reflexionen, wie sie in Texten vorliegen, sind keine ontologischen Dinge, keine Behälter eines im Vorhinein endgültig festgelegten inhaltlichen Sinnes, sondern sie erschließen sich (!) dem Leser immer gerade so weit, wie dieser bereit ist, sich auf sie, ihre Gedankengänge und ihre Faktur (ihre sprachliche und logische Machart, Gegebenheit), ihre Argumente und ihre impliziten Operationen, einzulassen und sich in ihnen zu engagieren. Engagement bedeutet so nicht: Den Text als unverrückbare Wahrheit oder als zu kritisierende Perspektive auf eine wie auch immer schon vorausgesetzte Welt zu behandeln, sondern vielmehr: im Nachvollzug seines textlich positiv gegebenen Verlaufs auf diesen Nachvollzug zu achten und so im Nachdenken des Textes und über den Text auch die Bewegung des eigenen Denkens zu erfahren. Es bedeutet schließlich, in dieser Erfahrung – und nicht in einer irgendwie erreichbaren unmittelbaren Wahrheit – die eigentlich philosophische Erfahrung zu sehen und diese Lehren über das fremde und das eigene Denken als einen wertvollen Schatz zu betrachten, der uns zeigt, dass Denken gelingen kann – dass dies aber eher selten ist. Das Wie des Gelingens und des Nichtgelingens des Denkens, das Wissen über die Versuche, das Denken zu regieren und dieser Regierung zu widerstehen, ist niedergelegt in 2500 Jahren philosophischen Denkens. – Es ist eine Karte vergangener Wegstrecken, die dazu einlädt, diese Wegstrecken (immer) wieder zu beschreiten, sich zu verirren, wieder zurechtzufinden und in alldem sich langsam, aber unaufhörlich, über die Macht des (eigenen und nicht-eigenen) Denkens klar zu werden.