Von-wo-aus

Das Gleichnis von den zehn Philosophen

I. Der Streit

Stellen Sie sich zehn Philosophen vor, die um einen runden Tisch herum alle über denselben philosophischen Text streiten: Was der Text eigentlich sagen will, was die vom Autor ursprünglich intendierte Bedeutung dieses oder jenes Textteils sei, welche die dem Text zugrundeliegende Wahrheit ist. – Die zehn Philosophen äußern zehn verschiedene Ansichten über den Text und rechtfertigen diese z.B. mit angesehenen wissenschaftlichen Meinungen: mit einem sogenannten ‚Klassiker‘, der kanonischen Meinung eines Forscherkollektivs oder eines renommierten Exegeten des betreffenden Philosophen; mit ihrer langjährigen Erfahrung in der Auslegung philosophischer Texte (Professoren vs. Studenten), mit der expliziten oder impliziten Hinzunahme weiterer Texte des Autors des betreffenden Textes als Interpretans, vorzugsweise solcher Texte (z.B. auch in einer alten oder neuen Fremdsprache), die den anderen weitestgehend unbekannt sind; mit historisch-biographischen Anekdoten aus dem Leben des Philosophen als Interpretans, vorzugsweise aus dem Abfassungszeitraum des betreffenden Textes usw. – Diese zehn Meinungen versuchen sich also in ihrer Interpretation mit ‚geborgten‘ Geltungsansprüchen zu übertrumpfen, sei es ein nicht von allen geteilter Wissensvorsprung (dieser und jener Quelle, dieser und jener Interpretation), sei es ein autoritatives Legitimationsargument („X sagt Y – und X ist anerkannt/seriös/renommiert, deswegen glaube ich ihm“). – Dabei ist auffällig, dass (1) jeder einzelne Philosoph versucht, das Recht seiner Interpretation gegen alle anderen durchzusetzen, dass (2) das Interpretans wie selbstverständlich aus einem Bereich gewählt wird, der möglichst nicht allen anderen zugänglich ist, dass schließlich (3) dem fraglichen Text ein ursprünglicher Sinn unterstellt wird, den es mit Hilfe der ‚richtigen‘ Interpretation oder Methode herauszufinden gilt – wobei paradoxerweise jede ‚richtige‘ Interpretation dann gerade keinen Einspruch mehr von anderen zulassen darf. Eine solche Interpretation, die gleichsam das Gegenstück zu einem unterstellten ursprünglichen oder identischen Textsinn darstellt, muss also eine höhere Geltungsdignität aufweisen als alle anderen, konträr dazu formulierten, Interpretationen. – Im Verlauf des Gesprächs werden sich diejenigen Geltungsansprüche durchsetzen, die die höchste Dignität – durch schiere Überredung, durch implizites oder explizites Machtgebahren – auf sich vereinigen können. Abweichende und extravagante Meinungen werden dann als randständig und dem herrschenden Diskurs widersprechend gekennzeichnet werden. Das ist gleichbedeutend mit der Etablierung einer bestimmten Diskursmacht („Aha, so gewinnt man also einen Disput, das mache ich ab jetzt immer so“), einer Diskurspolizei („das ist seriös/unseriös“) und einer Diskurshoheit („X sagt… und deswegen ist es richtig“).

II. Das Zutrauen

Stellen wir uns nun vor, jeder der zehn Philosophen würde allen anderen nicht nur seine eigene Interpretation zugänglich machen, sondern auch diejenige Position, von der aus er sie vertritt: D.h. die hermeneutischen Vorentscheidungen darüber, auf was er sich in seiner Interpretation bezieht; die aus seiner Sicht für alle anderen auch geltenden Voraussetzungen für die Interpretation dieses Textes (oder aller möglichen anderen); die Kriterien seiner Bewertung eines Textes und die Überzeugungen darüber, inwiefern diese Kriterien für alle anderen auch gelten sollen. – Mit dieser ‚Explikationsbewegung‘ würde jeder der zehn Philosophen allen anderen seine Voraussetzungen zugänglich machen, d.h. jeder andere könnte sich probehalber auch auf seine Position stellen oder ihn umgekehrt dazu einladen, zusätzlich zu seiner Position einmal eine andere Perspektive auszuprobieren. – Der Bezugspunkt der Interpretationen wäre damit nicht irgendein implizites Wissen oder ein durchzusetzender Geltungsanspruch, sondern der Text selbst inklusive des jeweiligen und bestimmten Bezugs zum Text – womit jede Interpretationsposition als Aufeinanderbezogensein von Interpretans und Interpretandum für alle anderen einsehbar, einnehmbar und hinsichtlich Reichweite und Konsistenz überprüfbar wird.

III. Das Gemeinsame

Stellen wir uns schließlich die Konsequenz daraus vor: Einige Positionen werden sich in Bezug auf ihre Textauslegung als unhaltbar erweisen, weil sie implizit jeden Text ihrer eigenen Überzeugung unterordnen: sei diese geprägt durch bestimmte Vorstellungen von Wissenschaft, Logik, Empirie, Sprache, Geschichte, Biographie, Psyche oder Rationalität im Allgemeinen; sei diese bestimmt durch Glaubensüberzeugungen oder der Annahme einer (impliziten) Letztbegründung, also das, was für die Philosophen, die diese Positionen vertreten, als unhinterfragbare Wahrheit, Tatsache usw. gilt: das Sein, die Wahrheit, der Ursprung, das Unmittelbare, die Evidenz. Diese Positionen müssten zuallererst in eine Rechtfertigung dieser Überzeugungen eintreten, weil sie nicht einfach davon ausgehen können, dass derselbe vom selben Rahmen aus spricht, wie sie selbst. – Einige Positionen wiederum werden sich als Verkürzungen in Bezug auf den Text erweisen: es wird solche geben, die den Text von einer bestimmten Textstelle, die als besonders klar erscheint, zu erschließen versuchen, und die damit den Text verzerren wie eine Bleikugel auf einem Gummituch; solche, welche bestimmte Leitbegriffe anlegen, von denen sie annehmen, dass sie in einer stillen Asservatenkammer der Begriffsgeschichte neben ihrem konkreten Gebrauch schlummern und für jeden Text dasselbe bedeuten müssen; schließlich solche, welche gleich einfach die für sie ‚dunklen‘ Stellen fortlassen und sich den Text so zurechtschnitzen, das, was nicht passt, eben passend gemacht wird – allesamt also ‚Abschattungen‘ des Textes, einseitige Betrachtungen, die einen mereologischen Fehlschluss begehen, indem sie von einem Teil auf das Ganze schließen. – Dann wird es Positionen geben, welche den Text für eine Rede über Dinge halten und sich auf die inhaltliche Haltbarkeit der Behauptungen beziehen, andere werden den Text als eine Begründung oder Rechtfertigung einer Rede auffassen und von daher den Maßstab der reflexiven Widerspruchsfreiheit anlegen – die allermeisten jedoch werden eine Mischung der genannten idealtypischen Positionen vertreten, was aber dadurch, das alle die Voraussetzungen aller anderen kennen, gemeinsam geklärt werden kann, unter Berücksichtigung der Verschiedenheit der einzelnen Perspektiven. – Das Wichtigste ist jedoch: Nun sind nicht mehr einzelne ‚Lesarten‘ mit Alleingeltungsanspruch thematisch, sondern die Art und Weise der Hinsicht auf den Text inklusive der zugehörigen Interpretation – wodurch für alle sichtbar wird: (1) ob Hinsicht und Interpretation zusammenpassen, (2) welche Aspekte des Textes von welcher Interpretation in Betracht gezogen werden, (3) dass unterschiedliche Ansätze auch unterschiedliche Interpretationen hervorbringen können, aber zugleich auch Gemeinsamkeiten aufweisen, auf die man sich dann zusammen aus Vernunftgründen (und nicht in einer Abstimmung) einigen kann. Wenn Philosophen begreifen und anderen begreifbar machen von wo aus sie sagen können, was sie sagen, dann wäre Philosophie wieder als ein Gespräch möglich, das bei allem Dissens den Anderen als denjenigen achtet, der überzeugt werden muss. Der Dissens wird nicht aufgehoben, sondern er wird so erst voll begreifbar gemacht: als Pluralität von Lektürehinsichten auf ein und denselben philosophischen Text.

„Wenn wir nun seiner [Thrasymachos] Rede eine andere gegenüberstellen […], und dann wieder er, und dann wieder wir, so wird es schließlich nötig sein, die Vorteile zu zählen und zu messen, die jeder in seiner Rede anführt, und dann werden wir Schiedsrichter brauchen, die zwischen uns entscheiden [und: ihre Entscheidung ihrerseits begründen usw.]. Führen wir dagegen die Untersuchung [so, dass] wir zu einer Übereinstimmung kommen, dann sind wir selbst Richter und Anwälte [unserer Rede] zugleich.“ (Platon, Politeia 348a-b)

Philosophie, als Kunst der Rechtfertigung, ist nicht: Recht behalten wollen – Millionen von Theorien aufstellen, die alle a priori gelten sollen – letzte Ursachen bestimmen – bloße rhetorische Schulung in der Diskussion. Philosophie ist: Einen Dialog führen – eine Behauptung aufstellen – eine Begründung geben – die Möglichkeit der eigenen Begründung und derjenigen jedes anderen bedenken – Aufmerksamkeit auf die gemeinsam geteilte Rede und die darin gebrauchten Begriffe.

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