Willkommen!

In diesem Blog soll es einerseits um die großen Fragen gehen, aus der Perspektive einer reflexiven Logik: was ist genau unter ‚Toleranz‘ zu verstehen? Was meint ‚Meinungsfreiheit‘ oder ‚Freiheit‘ überhaupt? Was können wir eigentlich von der Welt erkennen? Ist ‚Fortschritt‘ eine Kategorie, die alle Lebensbereiche betrifft? Wozu müssen wir uns mit unserer Geschichte beschäftigen? – Andererseits sollen hier Fragen zur und über die Philosophie erörtert werden: Wozu heute noch Philosophie? Was tun Philosophen? Warum beschäftigen sich Philosophen mit riesigen Begriffssystemen, wozu ist das gut? Wie funktioniert Philosophie? – Ziel ist es, Journalisten, Studierenden und der interessierten Öffentlichkeit ein Werkzeug an die Hand zu geben, das aus der Mitte der Philosophie schöpft, aus ihrem 2500 Jahre alten – und fast ebenso lang erhalten gebliebenen – Bewusstsein, eine Kunst der Rechtfertigung zu sein. Damit ist nicht gemeint: Eine Überredungskunst oder eine Kunst, immer Recht zu behalten. Sondern: Die Kunst, eine Rede, ein formales System oder ein komplexes semantisches System, Äußerungen jeglicher Art, die von Menschen hervorgebracht werden und wurden, unter einem logischen Gesichtspunkt zu betrachten. Das heißt auch: Es gibt auch andere Gesichtspunkte. Aber nur der logische Gesichtspunkt setzt sich mit der Frage nach der Geltung einer Behauptung, einer Aussage, eines Satzes auseinander, hinsichtlich dessen, dass eine Aussage von jemandem auf eine bestimmte Weise, im Gebrauch bestimmter Begriffe, und in der Thematisierung bestimmter Gegenstände (die reale Objekte oder gedankliche Setzungen sein können), für alle anderen ersichtlich, geäußert worden ist. –

Die hier vertretene Betrachtung der Philosophie belebt das Geschäft der platonischen Dialektik, der Transzendentalphilosophie und der Reflexionslogik neu, nicht als eine ontologisch missverstandene Metaphysik, sondern als ein operativ aufmerksamer Umgang mit der ubiquitär sich zeigenden Reflexivität unseres Handelns und Denkens: das reicht vom Begriff der ‚Demokratie‘ über das ‚Bewusstsein‘, ‚Gott‘, die ‚Natur‘; von ‚Genese‘ bis ‚Geltung‘; von den Vorsokratikern über die griechischen Klassiker, vom frühen Mittelalter bis in die Renaissance, von der Frühen Neuzeit bis ins beginnende 19. Jahrhundert und es reicht bis weit in unsere Gegenwart, in unsere Auseinandersetzung mit Intoleranz, Gewalt, religiösem Fundamentalismus, der Übermacht von Institutionen und den Sinn von ‚Freiheit‘, ‚Ordnung‘, ‚Macht‘ und ‚Recht‘. – Reflexivität heißt: ‚Rückbezüglichkeit‘ oder ‚Selbstbezüglichkeit‘ und bezeichnet keine psychologische oder ontologische Kategorie, sondern eine logische Struktur, die sich ergibt, wenn das Thematische, der Inhalt, das Gesagte die Thematisierung dieses Thematischen, die Operation oder den Akt dieses Inhalts, das Sagen dieses Gesagten noch in einer bestimmten Hinsicht betrifft. Sie ist logisch, weil ‚logos‘ nicht nur Sprache, sondern auch ‚Verhältnis‘ und ‚Setzung‘ bedeutet und damit zu den grundlegendsten Fähigkeiten des Menschen gehört: dass jemand sich auf etwas als etwas für jemand anderen beziehen kann.

Dieser Blog leugnet nicht die Funktion, die Ergebnisse oder das Recht naturwissenschaftlicher oder wissenschaftlicher Forschung überhaupt. Dementsprechend hält er ‚radikalen Skeptizismus‘ ebenso, wie irgendeine Form von ontologischem Monismus, für dogmatische Positionen, die nur sich selbst ins Recht setzen. Die empistemologische Einstellung des Autors ist die eines empirischen Realisten: Was wissenschaftlich in einer Messung und mit Hilfe einer konsistenten Theorie nachgewiesen werden kann, gilt bis auf weiteres als Explikation des Realen. – Die Geisteswissenschaften betrachtet er, im Wesentlichen, als Textwissenschaften. Die Humanwissenschaften haben einen Sonderstatus, hinsichtlich des ontologischen Status ihres Gegenstandes ebenso, wie hinsichtlich ihrer Fähigkeit, z.B. durch Theorien mittlerer Reichweite Explikationen auch ohne Letztbegründungsanspruch vorzubringen. – Aber: Die Lektüre- und Analysehinsicht dieses Blogs ist im Wesentlichen logisch, bezogen auf eine jeweils gegebene Verhältnissetzung. Sie ist radikal am Dialog, am Diskurs, an der sprachlichen und logischen Auseinandersetzung und Geltungsverhandlung orientiert. Sie betrachtet dementsprechend die Formale Logik, die sich historisch aus heterogenen Quellen ergeben hat – u.a. aus der empiristischen Abgrenzung vom Neuhegelianismus in England, der logizistischen Abgrenzung vom Psychologismus in Deutschland und den Grundlagenkrisen und Neubegründungsansätzen der Mathematik im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert – als eine bloß formale Abstraktion einer bestimmten realistischen Ontologie, deren Wurzeln von Aristoteles über Wolff bis zu Frege reichen.

Dementsprechend meint hier Logik, wesentlich im Sinne der Antike: Die ‚téchne‘ des ‚logos‘, zu Deutsch in etwa: Die praktische Kunst des Umgangs mit den Verhältnissetzungen in einer von jemandem gegebenen Rede. Aus diesem Geben und diesem Gegebenen erwächst der platonische Begriff des ‚logon didonai‘: Einen Logos geben und als diesen gegebenen rechtfertigen zu können. Und da jede Wissenschaft, jede politische Äußerung, jede religiöse Botschaft und jede Form von Kunst sich differenzierbarer Äußerungen bedient, die in bestimmten, intersubjektiv beschreibbaren Verhältnissen stehen, sind sie logisch beschreibbar – wenn auch gerade deswegen nicht logisch ausschöpfbar. – Philosophie, so die Überzeugung dieses Blogs, ist die Kunst der Rechtfertigung eben dieser Verhältnisse, insofern sie für alle Geltung haben sollen.

Philosophie kommt ohne Text nicht aus. Deswegen ist das hier ein Blog zum Lesen. Er bevorzugt tendenziell den dramaturgischen Bogen mehr, als das allzu allgemeine Gebot der (angeblich) kurzen und klaren Darstellung. Philosophie lebt nur dann, wenn der Leser sich in sie engagiert. Aber ich kann meine Leser beruhigen: Die Texte sind so geschrieben, dass sie nicht im Nichts enden. Es lohnt sich also, sie zuende zu lesen. Und mithin ist das der erste Schritt in die Philosophie: Nicht lesen, wie man konsumiert. Sondern lesen, wie man lebt und erlebt. Viel Spaß und: Willkommen in meinem Blog!

6 Kommentare

  1. „Philosophie kommt ohne Text nicht aus“

    Gesetzt den Fall, bei dem Gebrauch des Wortes „Text“ war jener Textbegriff verstanden, der jegliche kommunikative Handlung einschließt, bis zur nonverbalen Kommunikation, oder auch nur einer Handlung allein, so ist zu sagen: wohl gewebt und gut geflochten. Im anderen Falle … fehlte dem Text noch ein Stück an Kunst der Rechtfertigung. So mein Urteil.

    1. Vielen Dank für den Kommentar! – Ich denke, hier besteht Präzisierungsbedarf. Zunächst: Ja, ich verstehe unter ‚Text‘ jegliche Weise der ‚textura‘, der Verflechtung von ‚logoi‘, von Setzungen und Verhältnissen, von menschlichen Verhältnissetzungen. In meinem Blog geht es aber, gemäß der platonischen Formel ‚logon didonai‘, ‚den Logos (ge)geben‘, zunächst um das engere Verständnis von ‚Text‘ im Sinne einer logischen Aus-einander-setzung zweier Teilnehmer anhand und in einem Logos. Das beste Beispiel für dieses ‚engere‘ Verständnis ist: Mein Text – Ihr Kommentar als Text – mein Kommentar als Text usw.

      Sie geben nun Beispiele für ‚Text‘: „jegliche kommunikative Handlung“, „nonverbal[e] Kommunikation“, „nur ein[e] Handlung allein“ und stellen die These auf, dass – fehlten solche Beispiele – meinem Text (sic!) noch ein Stück an Kunst der Rechtfertigung fehlte.

      Ausgehend von meinem Text versuchen Sie ihn also zunächst einmal vor einen größeren ‚Rahmen‘ zu stellen; erkennbar ist für Sie ‚Handlung‘ ein weiterer Begriff als ‚bloß Text‘. Das haben Sie allerdings nur behauptet, nicht gerechtfertigt. Erlauben Sie mir daher, diesen Rechtfertigungsversuch einmal durchzuführen:

      (1) ‚jede kommunikative Handlung‘ – Für einen Philosophen ‚gibt‘ es nicht schon so etwas wie ‚kommunikative Handlung (auch wenn J. Habermas solcherlei Begriffe philosophisch bekannt gemacht hat), sondern er ist eine komplexe Interpretation dessen, was wir tun, wenn wir etwas mit-teilen. ‚co(m)municare‘ bedeutet ‚etwas communis machen‘; ‚communis‘ (bekannt von ‚Kommunion‘ oder auch ‚Kommune‘) wiederum ist zusammengesetzt aus ‚com‘ und ‚munis‘; letzteres ist wiederum eine Adjektivbildung zu ‚munus‘, was soviel bedeutet wie ‚Funktion haben‘ oder auch (bezüglich öffentlicher Ämter) ‚Verantwortung tragen‘, ‚Pflicht haben‘. Umgekehrt kann ‚munus‘ auch prinzipiell eine ‚Gabe‘ bezeichnen, einen ‚Gefallen‘ oder ein ‚Geschenk‘. Das Geben und die damit möglicherweise verbundene Verpflichtung kommt also auch dort zum Ausdruck, ganz ähnlich wie in ‚logon doúnai‘ oder eben ‚logon didonai‘, mit dem Aorist Infinitiv von ‚dodemi‘, ‚geben‘. Hier ist der zumeist assoziierte Kontext eine Rechtfertigung vor Gericht; ‚logon doúnai‘ kann aber auch ‚überlegen (i.S.v. nachsinnen)‘ bedeuten, sowie ‚(sich) beratschlagen‘ oder ‚belehren‘. In der Negation kann ‚ou dontas logon‘ ‚unentschuldbar‘ bedeuten. – ‚Kommunikation‘ ist also: das gemeinsam Machen einer Gabe, die irgendeine Art von Verpflichtung mit sich bringen kann. Was gegeben wird, ist zumeist ‚logos‘, also: eine Handlung, in der jemand etwas als etwas für jemand anderen bezeichnet. Auch das griechische Wort für ’semanein‘, ‚bezeichnen‘, wird bereits bei Aristoteles im Sinne dieses Austausches begriffen. Im 3. Kapitel von ‚Peri hermeneias‘ erläutert er ’semanein‘ mit dem Zusatz „der Sprechende hält dabei sein Denken an und der Hörende verharrt dabei“. Das ist platonisch geprägt (bei Platon denkt die Seele und wenn sie anhält, dann hat sie eine ‚doxa‘, eine bestimmte Vorstellung oder Meinung). Der Hörende verharrt dabei, bei dem Gehörten, was das Gesagte des anderen ist, der in diesem Gesagten eben: etwas sagt. – Die ‚Handlung‘ ist dementsprechend gegenüber dem antiken Verständnis eine Art nachträgliche Explikation eines verlorengegangenen Sinns: Seit dem Mittelalter und insbesondere in der Neuzeit bewegte sich die Philosophie in einem mentalistischen Paradigma, in dem die ‚einsame Tätigkeit der Seele‘, ausgehend von Augustinus (und noch früher: von Plotin und der Stoa), ein bloßes ‚für sich überlegen‘ bedeutete. Freilich thematisiert dieses Paradigma damit etwas, von dem man nur wissen kann, nachdem man es eben mit-geteilt hat. Es ist also von der Kommunikation her als ‚Vor‘ dieser Kommunikation gesetzt (aus philosophischer Sicht). Dementsprechend kann man nun die beiden anderen Beispiele betrachten:
      (2) ‚Nonverbale Kommunikation‘: Solange man etwas als eine Weise menschlicher Verhältnissetzungen verstehen kann – von der Zeichensprache bis zur ‚Körpersprache‘, von der Geste bis zur Grimasse – könnte man sagen: Ja, auch das gehört noch zum Logos und damit unter ‚communicatio‘. Aber: Auch unsere gesprochene Sprache beruht letztenendes auf Konvention. Die gemeinsame Bedeutung und der gemeinsame Laut verhalten sich (!) arbiträr zueinander. Dementsprechend wäre ich hier vorsichtiger: Zeichensprache ist diesbezüglich unproblematisch; Gesten oder Grimassen können missverstanden werden; ‚Körpersprache‘ ist nur auf einer recht basalen Ebene universal. Insofern würde ich hier sagen: Es ist eine eindeutige (eine, die auf eines und nicht mehrere hin-deutet) Konvention (hier wieder: ‚con-venire‘, ‚zusammen-gehen‘) nötig, weil Miss-verständnis, Verfehlen usw. den ‚Text‘ fehlerhaft, sogar unverständlich werden lassen.
      (3) ‚eine Handlung allein‘: Sofern das ‚allein‘ hier sagen will: ohne jegliche Konvention einer Bedeutung, würde ich hier sagen: Nein, denn das widerspricht sich. Sie selbst haben den Begriff der ‚kommunikativen Handlung‘ eingeführt; wir haben gesehen: eine solche Handlung ist ein „gemeinsam Machen einer Gabe, die irgendeine Art von Verpflichtung mit sich bringen kann“. Irgendeine Handlung, ohne Bedeutung, ohne eine Möglichkeit der Kon-textualisierung, kann eben kein ‚Text‘ sein, solange sie als ‚Handlung allein‘ betrachtet wird. Es ist aber eine interessante Verschiebung zu beachten, die in dieser Bestimmung von Ihnen spielt: ‚Handlung allein‘ scheint durch das ‚allein‘ etwas zurückzunehmen, das durch ‚Handlung‘ schon mitgesetzt ist. Und insofern eine Handlung eben, wenn sie eine Handlung ist, immer eine bestimmte Handlung ist (insofern sie diese und keine andere Handlung ist) und als eine solche bestimmte Handlung zumindest beschrieben (!) werden kann – also: in einen bezeichnenden Kon-text über-setzt werden kann – ist sie Text. Aber: Da Handlungen missverständlich sein können, kann eine Handlung mehrere Texte (je nach Kon-text) ergeben. Hier gilt es also, hinsichtlich der logischen Rechtfertigung eines Textes, Vorsicht walten zu lassen: Eine künstlerische Performance, z.B. ein Tanztheater von Pina Bausch, erhebt vielleicht gar nicht den Anspruch auf Geltung – und nur dann ist Rechtfertigung sinnvoll, wenn es darum geht, eine und nur eine Behauptung für alle anderen als geltend zu behaupten. Sondern eine Tanzhandlung kann ganz verschiedene Auslegungen besitzen, auch mehrere ‚zugleich‘, oder im Verhältnis zu einer anderen Konstellation in demselben Stück oder in anderen; sie kann ein Zitat sein oder eine Allegorie usw. – Sie sehen: Sie können gerne ein Urteil fällen darüber, ob und inwiefern es dem Text an Rechtfertigung fehlt. Aber dann gilt das ebenso für Sie: Ihrem Text fehlte es noch ein Stück an der Kunst der Rechtfertigung. Und vielleicht ist dieses Fehlen nun behoben, was meinen Sie 😉 ?

      1. D’accord. Meinem Text fehlt in der Tat noch ein Stück an Rechtfertigung. Ich werde mir Mühe geben.

        Zunächst: Ob nun im Satz „Philosophie kommt ohne Text nicht aus“ der Gebrauch des Wortes „Text“ von Ihnen als Textbegriff im engeren oder erweiterten Sinn verstanden werden wollte, ist – so ich genau genug gelesen habe – nun geklärt. Wenn ich Ihre Ausführungen richtig verstanden habe, so war der Gebrauch des Wortes „Text“ in dem Satz im engeren Sinne verstanden, als „engeres Verständnis von ‘Text’ im Sinne einer logischen Aus-einander-setzung zweier Teilnehmer anhand und in einem Logos“. Lassen wir die Erörterung, ob solcherart logische Auseinandersetzung nonverbal möglich ist oder nicht, einmal beiseite, und beschränken uns – so Sie damit einverstanden sind – auf die Betrachtung einer verbalen Auseinandersetzung, also jene, die an Laute gebunden, welche durch Buchstaben repräsentiert, und Worte, die durch Buchstaben repräsentiert, und denen Bedeutung zugewiesen, die Worte wiederum als Elemente eines Gefüges gebraucht, das einer bestimmten Grammatik unterworfen, und worüber Aussagen getroffen werden können, bis hin zu verbalem Text, ob nun gesprochen oder geschrieben. Ich käme dann auf die Aussage: „Philosophie kommt ohne Verbalisierung nicht aus“. Habe ich damit den Satz richtig interpretiert?

    2. Vor Galilei ist die Naturbetrachtung, welche ihre Erkenntnis aus dem Vergleich von Texten gezogen hat, gescheitert. Bei Galilei beginnt die Befragung der Natur durch die Mathematik, was die Naturwissenschaft begründet. Die Kommunikation, mag diese nonverbal sein, ist von da an mathematisch.

      1. Wo genau stellt der Text die These auf, dass sich Naturbetrachtung „aus dem Vergleich von Texten“ ziehen lassen muss? Die Feststellung, dasss Philosophie ohne Text nicht auskommt, impliziert doch nicht die These, dass alles Text ist oder sein muss.

        Wenn wir als das Gemeinsame von mathematischer Naturerkenntnis – übrigens wesentlich vermittelt durch den platonischen ‚Timaios‘, bei Kopernikus, Galilei und Kepler – und philosophischer Explikation die Explikation von Verhältnissetzungen ansetzen – also: dass etwas in einem Verhältnis zueinander steht, dass ein Verhältnis in einem anderen besteht, inhaltlich, formal oder auch operational-inhaltlich -, verschwindet auch der Eindruck eines Gegensatzes.

  2. Vielen Dank für Ihre Antwort. – Die Unterscheidung zwischen ‚logisch‘ im engeren und im weiteren Sinne ist für meine Antwort auf Ihre Frage nicht irrelevant, deswegen würde ich sie gerne noch einmal aufgreifen. Ich verstehe unter ‚Logos‘ sowohl ‚Setzung‘ als auch ‚Verhältnis‘, so dass auch nonverbale Kommunikation, die also in einer Zeichensprache durchgeführt wird durchaus philosophische Diskussionen ermöglicht. Aus dem Zen-Buddhismus gibt es Beispiele für philosophische Lektionen, die nur durch eine Handlung repräsentiert sind, deren ‚operative Bedingungen‘ man dann in ein richtiges Verhältnis setzen muss, um sie zu ‚verstehen‘. In diesem weiteren Sinne ist Philosophie also möglich – aber durchaus im abendländischen Kontext, in dem der Begriff ‚philosophia‘ gebildet wurde, relativ unüblich. – Im engeren Sinne, wie ich hier ‚Text‘ als Verflechtung von Setzungen und Verhältnissen und Verhältnissetzungen begreife, ist damit also eine ‚Rede‘ gemeint, die gesprochen oder geschrieben sein kann und immer eine bestimmte Rede ist.
    – Ihr Ausgang von „Lauten“, die durch „Buchstaben repräsentiert“ werden und „Worten“, die durch „Buchstaben repräsentiert“ werden, sowie „Worte“ als Elemente eines Gefüges, das einer bestimmten „Grammatik unterworfen“ ist, scheint mir das Pferd seltsam von ‚hinten‘ aufzäumen zu wollen: Alles das ist sicherlich richtig, und doch ist dieses Gefüge von Repräsentationsverhältnissen das Ergebnis einer nachträglichen und überdies sprachwissenschaftlich orientierten Analyse dessen, was ich hier ‚Text‘ nenne: Es betrachtet einen Text nicht, wie ich, hinsichtlich der Geltungsbehauptungen und -setzungen, der gebrauchten Begriffe und der logischen Strukturen eines Textes, sondern hinsichtlich der ‚Elemente‘ und der ‚Regeln‘, nach denen diese Elemente zusammengesetzt sind – unter Voraussetzung von Logik (denn schon die Zusammensetzung eines Ganzen aus Teilen setzt Logik voraus). – Aber: Insofern es uns bisher darum ging, den Begriff ‚Text‘ näher zu bestimmen, würde ich Ihnen – unter dem Vorbehalt der soeben gemachten Ausführungen – zustimmen: Philosophie ist immer irgendwie artikulierte Philosophie. Sie kommt ohne Artikulation nicht aus. Und wenn Sie wollen, können Sie das auch ‚Verbalisierung‘ nennen, wenn damit gemeint sein kann, dass Philosophie, als logische Aus-einander-setzung, nur dort möglich ist, wo bestimmte Verhältnissetzungen = bestimmte Begriffe gebraucht zur Formulierung von Behauptung oder Begründung = bestimmte Wörter gebraucht werden. Das Gefüge – oder eben Geflecht – dieser Wörter in ihrer logischen (und nicht vorrangig: linguistischen) Funktion wäre das, was ich unter Text verstehe. D.h.: Der Text liegt vor, er kann auf verschiedene Weise verstanden werden: ein philosophischer Text kann als historisches Dokument oder als sprachwissenschaftliches Datum gelesen werden. Und er kann eben auch logisch gelesen werden, in der Aufmerksamkeit auf die gebrauchten Begriffe und die Verhältnisse, in denen sie stehen, auf die Geltungsbehauptungen und die impliziten Geltungssetzungen, von denen eine Behauptung ausgehen kann usw.

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